Tuchel-Biograf: „Manchmal kommt es mir vor, als würde er in einer eigenen Welt leben“

Fünf Jahre lang war Thomas Tuchel Profi-Trainer beim FSV Mainz 05. Ein enger Begleiter in dieser Zeit war der Mainzer Sportjournalist Daniel Meuren. Nun veröffentlicht Meuren gemeinsam mit einem Kollegen eine Biografie über Tuchel.

Tuchel-Biograf: „Manchmal kommt es mir vor, als würde er in einer eigenen Welt leben“

Als Thomas Tuchel 2008 A-Jugend-Trainer des FSV Mainz 05 wurde, war sein Name nur absoluten Insidern der Fußballszene ein Begriff. Als er den FSV 2014 nach fünf Jahren als Cheftrainer der Profis verließ, galt er als einer der gefragtesten Trainer in Europa. Nach seiner Zeit bei Borussia Dortmund ist Tuchel inzwischen Trainer des französischen Spitzenclubs Paris Saint-Germain. Der Mainzer Sportjournalist Daniel Meuren hat ihn während seiner Zeit in Mainz als Reporter für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) begleitet. Nun veröffentlicht Meuren gemeinsam mit seinem Journalisten-Kollegen Tobias Schächter ein Buch über Tuchel - „Thomas Tuchel: Die Biografie“.

Über den Protagonisten des Buchs sagt Daniel Meuren gegenüber Merkurist: „Tuchel ist ein Fußballtrainer-Genie - das steht außer Frage. Gleichzeitig hat er markante Eigenheiten. Manchmal kommt es mir so vor, als würde er in einer eigenen Welt leben.“ Tuchels Abgänge bei Mainz 05 und bei Borussia Dortmund hinterließen viel verbrannte Erde. Vor dem letzten Saisonspiel 2013 / 2014 verkündete der Trainer in einem TV-Interview am Spielfeldrand, dass er seinen bis 2015 laufenden Vertrag bei Mainz 05 nicht erfüllen werde. Manager Christian Heidel musste anschließend nur noch Fragen um Thomas Tuchel beantworten - keine zum Sieg im letzten Saisonspiel und dem Erreichen der Europapokal-Qualifikation. „Dieser Abgang wird im Buch aufgearbeitet“, sagt Meuren. So kommt beispielsweise Ex-Mainz-Manager Christian Heidel zu Wort.

„Er wirkte wie ein Student, nerdig, mit unbeholfener Körpersprache.“ - Daniel Meuren über Thomas Tuchel

Meuren erinnert sich noch gut an die Zeit, als Tuchel die A-Junioren der 05er völlig überraschend zur Deutschen Meisterschaft führte und wenige Wochen später noch überraschender zum Cheftrainer der Profis befördert wurde. „Als ich ihn kennenlernte, fand ich ihn cool. Ich mochte die Art, in der er sein Ding durchzog“, sagt Meuren mehr als zehn Jahre später. „Er wirkte wie ein Student, nerdig, mit unbeholfener Körpersprache. Das darf man nicht falsch verstehen, es beeindruckte mich auf eine gewisse Art sehr.“ Heute sagt Meuren, Tuchel habe sich damals schon in Sachen Fußball-Eloquenz nicht vor seinem berühmten Vorgänger Jürgen Klopp verstecken brauchen.

Als sich die 05er knapp eine Woche vor dem Ligastart 2009 von ihrem Aufstiegstrainer Jörn Anderesen trennten und ihn durch den Jugendtrainer Tuchel ersetzten, warteten die Journalisten am Bruchweg gespannt auf dessen erste Trainingseinheit. „Jeder dachte: Jetzt zeigt er mal allen, was er fachlich auf dem Kasten hat“, sagt Meuren in der Rückschau. Doch nix da: „Das Training verlief ganz simpel, er ließ einfache Kurzpässe üben.“ Während mancher Journalisten-Kollege wohl dachte, Tuchel veranstaltet ein Schüler-Training, glaubte Meuren, den jungen Coach zu verstehen. „Er wollte Leben in die Bude bringen, die Spieler sollten ihr Selbstvertrauen nach dem peinlichen Pokal-Aus gegen den Viertligisten VfB Lübeck zurückgewinnen.“ Wenige Tage später erkämpfte Tuchels Mannschaft gegen Bayer Leverkusen ein Unentschieden - im späteren Saisonverlauf sollte das Team nie ernsthaft in den Abstiegskampf geraten.

„Tuchel ist ein nachtragender Mensch“

Doch so begeistert Meuren von Tuchels fachlichen Fähigkeiten erzählt, so sehr kennt er auch dessen andere Seiten. „Tuchel ist ein nachtragender Mensch. Öffentlich hat er zu seiner Mainzer Zeit nie Auseinandersetzungen gesucht, aber die Arbeit mit Medien oder Fans gehörte nie zu seinen Lieblingsaufgaben. Wenn man ihn dann noch kritisiert hat, konnte er Journalisten gegenüber abweisend sein.“ Meuren stellt aber auch klar: „Ich möchte den Stab nicht über ihn brechen - er ist nicht unmoralischer als andere Trainer in diesem Geschäft.“

Wie es nach der Corona-Auszeit im europäischen Fußball weitergeht, ist momentan noch unklar. Wie lange es Tuchel noch in Paris hält, auch. Wie also könnte die Karriere von Tuchel sich in den kommenden Jahren entwickeln? Daniel Meuren wagt einen Tipp: „Den Weg in die englische Premier League wird er nicht direkt gehen. Ich glaube, er legt einen Zwischenschritt in Spanien ein. Ich weiß zum Beispiel, dass er Athletic Bilbao immer cool fand - dort spielen ausschließlich Spieler mit baskischen Wurzeln. Außerdem passt die Stadt gut zu seinem Design-Faible. Und wenn er sich dort präsentiert und ein bisschen Spanisch gelernt hat, könnte er zum FC Barcelona weiterziehen.“ Eines ist für den Tuchel-Biografen Meuren aber klar: „Ich bin mir sicher, dass Thomas Tuchel zu den vier bis fünf Trainern auf der Welt gehört, die Fantasien bei einem großen Club wecken.“

Das Buch „Thomas Tuchel: Die Biografie“ (ISBN: 9783730704660) von Daniel Meuren und Tobias Schächter erscheint am 16. April im Verlag „Die Werkstatt“. (df)

Logo