Corona-Lockerungen: Inzidenz soll in Zukunft anders bewertet werden

Seit rund einem Jahr ist die Sieben-Tage-Inzidenz einer der wichtigsten Werte bei der Entscheidungen über Lockerungen und Verschärfungen der Corona-Regeln. Zwei Mainzer Experten finden, dass die Inzidenz heute anders zu bewerten ist.

Corona-Lockerungen: Inzidenz soll in Zukunft anders bewertet werden

Lange haben Bund und Länder Lockerungen und Verschärfungen der Corona-Regeln vor allem von der Sieben-Tage-Inzidenz abhängig gemacht. Ab einem Wert von 100 traten die strengen Regeln der Bundesnotbremse in Kraft. Erst wenn der Wert darunter lag, gab es wieder schrittweise Lockerungen. Der Grund: Eine steigende Inzidenz war ein frühes Indiz dafür, dass das Gesundheitssystem überlastet werden könnte. Jetzt, rund ein Jahr nach der ersten Welle, muss die Sieben-Tage-Inzidenz anders bewertet werden, finden Experten.

„Eine höhere Inzidenz bedeutet jetzt nicht mehr gleichzeitig eine drohende Überlastung des Gesundheitssystems“, sagte Dr. Wolfgang Kohnen, Hygieniker der Unimedizin Mainz bei der Pressekonferenz zu den Corona-Lockerungen am Freitag. Anders als vor einem Jahr seien jetzt viele Menschen bereits durchgeimpft und damit vor einem schweren Verlauf und einem Krankenhausbesuch geschützt. Selbst die ansteckendere neue Delta-Variante des Virus führe bisher nicht zu einem Anstieg schwerer Fälle (wir berichteten).

Situation in den Krankenhäusern muss bewertet werden

„Wir müssen jetzt langsam von der Inzidenz wegkommen und stattdessen schauen, was für eine Konsequenz die Infektionsrate für uns alle hat“, sagte auch der Mainzer Virologe Prof. Dr. Bodo Plachter. Zwar hat die Landesregierung auch bisher schon Faktoren wie den „Schutz von Leben und Gesundheit“ und die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems bei ihren Entscheidungen berücksichtigt, das müsse jetzt aber ausgeweitet werden. Plachter und Kohnen sind sich deshalb einig: „Die Inzidenz bleibt als Frühwarnsystem wichtig, aber wir werden sie künftig stärker in Relation zur Situation in den Krankenhäusern setzen müssen.“

Hygieniker Kohnen lässt auch ein anderer Faktor optimistisch in die Zukunft blicken – trotz der sich ausbreitenden Delta-Variante. „Wir haben in der Gesellschaft sehr gut gelernt, wie man Hygienemaßnahmen macht und richtig umsetzt.“ Auch das habe dazu beigetragen, dass die Inzidenzen sinken und könnte auch in Zukunft weitere Lockdowns verhindern. „Die Maske funktioniert bei jeder Mutation. Und selbst wenn keine Pflicht gilt, sollten wir in Eigenverantwortung entschieden, wann sie vielleicht trotzdem wichtig sein könnte“, sagt Kohnen. Solche Hygienemaßnahmen könnten auch gegen andere Krankheiten wie die Grippe helfen.

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