JGU-Mediziner warnt vor fehlerhaften Berechnungen der Fall- und Todeszahlen

Ein Mainzer Wissenschaftler glaubt, dass eine große Corona-Veröffentlichung britischer Forscher mit falschen Ausgangszahlen berechnet worden sein könnte. Er stellt nun eine aus seiner Sicht präzisere Rechnung auf.

JGU-Mediziner warnt vor fehlerhaften Berechnungen der Fall- und Todeszahlen

Der Mainzer Sportmediziner Prof. Dr. Dr. Perikles Simon warnt vor überzogenen Prognosen zu Fall- und Todeszahlen infolge der aktuellen Corona-Pandemie. Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte die Johannes Gutenberg-Universität (JGU) Simons alternative Bedarfsvorhersage für Covid-19-Intensivbetten.

Darin heißt es: Die Exponentialrechnungen, die den Vorhersagen zugrunde liegen, seien mit einem gewaltigen Manko behaftet. „Es liegt in der Natur der Exponentialrechnungen, dass diese Rechnungen mit exponentiellen Fehlern behaftet sind“, so Simon. Wenn man sich bei den Eingangsbedingungen, mit denen die Formeln gespeist werden, ein bisschen irrt, enthält die Rechnung einen sich exponentiell fortpflanzenden Fehler.“

Reaktion auf Londoner Veröffentlichung

Simon reagiert mit dieser Stellungnahme auf die Veröffentlichungen von Epidemiologen des Imperial College London zur Covid-19-Pandemie. Demnach würden in Großbritannien und den USA die Gesundheitssysteme zusammenbrechen und in den USA über zwei Millionen Menschen sterben, wenn nichts unternommen und sich das Virus unkontrolliert ausbreiten würde. Der JGU-Mediziner schlägt stattdessen vor, lineare Berechnungen mit einer relativ geringen Fehlerfortpflanzung vorzunehmen. Dabei könnte nach seiner Auffassung die aktuell in Deutschland ermittelte Sterberate in Höhe von 0,2 Prozent der als infiziert Gemeldeten angesetzt werden, auch wenn sie mit Vorsicht zu verwenden sei, da die tatsächliche Rate sowohl höher als auch niedriger liegen könnte.

Außerdem schlägt der Wissenschaftler vor, einen Blick auf andere Länder zu werfen, in denen die Pandemie weiter fortgeschritten ist und die ein hervorragendes Melderegister haben wie etwa Südkorea. „Die Quote scheint vom Anfang bis zum sich anbahnenden Ende dieser ersten Epidemiewelle überraschend konstant zu bleiben“, so der Mediziner. Diese Konstanz sei daher ein guter Ausgangspunkt für mögliche Modellrechnungen.

Simon stellt eigene Rechnung auf

Nach Auffassung von Simon lässt sich eine Rechnung aufstellen, die vom Ende ausgeht und mit der der Bedarf an Intensivbetten ermittelt werden kann: Bei einer Sterberate von angenommen 0,2 Prozent wird davon ausgegangen, dass doppelt so viele Corona-Infizierte zuvor intensivmedizinisch betreut wurden. „Aber auch wenn die Rate von 0,2 Prozent nicht exakt stimmt und es stattdessen 0,4 Prozent oder gar 4 Prozent wären, würde sich der Fehler linear entwickeln. Das ist unglaublich viel präziser, als die exponentielle Hochrechnung der Kollegen vom Imperial College.“

Anhand von Simulationen errechnet Simon für Deutschland für den Fall, dass überhaupt nicht erfolgreich interveniert wird - also beispielsweise keine Einschränkungen im öffentlichen Leben stattfinden - einen Maximalbedarf an Intensivbetten von rund 30.000. Das wäre, wenn auch bei äußerster Kraftanstrengung des Pflegepersonals und der Ärzte in den Krankenhäusern in Deutschland, noch machbar. Simon ruft jedoch auch zur Mithilfe auf, um den Bedarf zu senken.

Außerdem müssten die Daten so genau wie möglich erfasst werden: „Wir müssen die Sterberate genauer kennen, wir müssen wachsam beobachten, wie viele Menschen in den Krankenhäusern an Covid-19 versterben und zwar schnell, damit unsere Politiker genauere Zahlen haben, um entscheiden zu können.“

Landesregierung will Zahl der Beatmungsplätze aufstocken

In der vergangenen Woche hatte die rheinland-pfälzische Landesregierung eine Aufstockung der Intensiv- und Beatmungskapazitäten beschlossen. Die Landesregierung stehe zu diesem Thema in engem Dialog mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz, der Universitätsmedizin Mainz sowie Vertretern weiterer Krankenhäuser der Maximal- und Schwerpunktversorgung, heißt es in einer Mitteilung. Ziel sei es, das notwendige Personal durch Weiterbildungen für die Betreuung von 2000 Intensivbetten aufzustocken. Insgesamt sollen die Intensivbetten mittelfristig auf 2800 Betten aufgestockt werden. Die Zahl der Beatmungsplätze soll außerdem um rund 50 Prozent auf 1500 gesteigert werden.

Mittlerweile hat Perikles Simon zu diesem Thema einen weiteren wissenschaftlichen Artikel verfasst. Ihr findet diesen hier. (df)

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