Gefälscht – oder doch nicht? Falsche Impf-Einträge erschweren Ermittlung

Innerhalb von zwei Wochen sind bei der Mainzer Polizei 35 Fälle gefälschter Impfpässe eingegangen. Die meisten wurden von Apotheken übermittelt – und die haben es nicht immer leicht, Fälschungen von unvollständigen Einträgen zu unterscheiden.

Gefälscht – oder doch nicht? Falsche Impf-Einträge erschweren Ermittlung

„Mein Sohn kann nirgendwo hin, nicht mal mit der Bahn fahren – und das obwohl er geimpft ist“, sagt Brigitte Wagner*. Die Mainzerin hat sich an Merkurist gewandt, weil ihrem Sohn vorgeworfen wird, seinen Impfausweis gefälscht zu haben. Er sei in eine Apotheke gegangen, um sich nach der Zweitimpfung seinen digitalen Impfpass ausstellen zu lassen – später habe die Kriminalpolizei vor der Tür gestanden.

Der Vorwurf: Impfabstände und Chargennummer würden nicht stimmen, aus der zweiten Impfung gehe außerdem nicht die Impfstelle, sondern nur der Name des Arztes hervor. Impfpass und Handy ihres Sohnes seien daraufhin eingezogen worden. Für Brigitte Wagner steht fest, dass ihr Sohn unschuldig ist. Sie vermutet deshalb, dass etwas in der Apotheke oder beim Eintragen der zweiten Impfung schiefgelaufen ist.

Laufendes Verfahren

Die Polizei kann zwar bestätigen, dass der Impfpass von Frau Wagners Sohn sichergestellt wurde, weitere Details kann sie aber nicht preisgeben. „Es handelt sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren“, heißt es auf Anfrage. Das heißt, auch zwei Wochen nachdem der Impfausweis eingezogen wurde, wird noch ermittelt. Das wirft Fragen auf: Wie schwer ist es herauszufinden, ob ein Impfausweis gefälscht ist und kann es auch vorkommen, dass er gefälscht wirkt, es aber gar nicht ist?

Allein in den ersten beiden Dezemberwochen gab es rund 35 Fälle gefälschter Impfpässe in Mainz, so die Polizei auf Anfrage. Weit über die Hälfte wurde von Apotheken an die Polizei übermittelt. „Wir sind spezialisiert darauf, Daten abzugreifen“, sagt Petra Engel-Djabarian, selbst Apothekerin und Sprecherin des rheinland-pfälzischen Landesapothekerverbands. Und das muss man auch sein, um eine Fälschung überhaupt erkennen zu können.

Apotheken müssen viele Fragen beantworten

Wenn jemand seinen Impfpass in der Apotheke digitalisieren lassen will, überprüfen die Apotheker nicht nur mithilfe des Personalausweises, ob die Identität stimmt. Es ginge vor allem auch darum, Plausibilitäten zu erkennen, erklärt Engel-Djabarian. Wer hat die Impfung durchgeführt? Gibt es den Arzt überhaupt? Hatten Ärzte überhaupt schon Impfstoff, als die Impfung durchgeführt wurde? Passen die Impfabstände und die verwendeten Impfstoffe zusammen? Das seien nur einige von vielen Fragen, die sich die Apotheker stellen müssen, bevor sie ein digitales Zertifikat ausstellen. Stimmt etwas nicht, informieren die Apotheker die Polizei. Diese kommt im Normalfall vorbei und muss dann, wenn ein Anfangsverdacht besteht, ein Ermittlungsverfahren einleiten, was wiederum einige Zeit in Anspruch nehmen kann.

Falsche oder unvollständige Einträge erschweren Arbeit der Apotheken

Es käme tatsächlich auch vor, dass echte Impfungen falsch oder nicht ganz vollständig eingetragen werden, sagt Engel-Djabarian. „Die Leute stehen sehr unter Druck, da kann es passieren, dass mal ein Stempel fehlt oder eingetragen wird, es sei die dritte Impfung gewesen, obwohl es erst die zweite war.“ Erschwerend komme hinzu, dass vor allem Ärzte außerhalb von Impfzentren die Impfungen sehr unterschiedlich eintragen würden. „Da brauchen wir eine Vereinheitlichung.“ Eine Sache habe sich vor kurzem aber immerhin schon verbessert: das Internetportal, über das die Apotheker Daten zum Ausstellen der Impfzertifikate einstellen und abfragen. Seit vergangener Woche kann die Chargennummer des Impfstoffs so online überprüft werden, was den Apothekern die Arbeit erleichtere.

„Die Apotheken sind echte Experten auf dem Gebiet.“ - Matthias Bockius, Polizei Mainz

In Mainz scheinen die Apotheken trotz der vielen Hürden gute Arbeit zu leisten, was das Erkennen von Fälschungen angeht. „Die Apotheken sind echte Experten auf dem Gebiet und unsere größte Hilfe“, sagt Polizei-Pressesprecher Matthias Bockius. So seien bisher nur Impfpässe bei der Polizei gelandet, die am Ende auch tatsächlich gefälscht waren. „Allerdings sind noch nicht alle Ermittlungsverfahren abgeschlossen.“ So wie im Fall von Frau Wagners Sohn.

Update: Inzwischen teilte uns die Mutter mit, dass ihr Sohn den Impfpass, sein Handy und die Zertifikate wieder abholen konnte – laut Frau Wagner nach einer weiteren Vernehmung, einem Antikörper-Bluttests sowie einer Mail vom Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit, in der das Zertifikat angehängt war.

*Name von der Redaktion geändert.

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