Einzelhändler kritisieren Öffnung nach Inzidenz

Seit dem 8. März darf der Einzelhandel in Rheinland-Pfalz wieder öffnen. Im Merkurist-Gespräch erzählen drei Unternehmer, wie es ihnen damit geht und was sie sich jetzt wünschen.

Einzelhändler kritisieren Öffnung nach Inzidenz

Als die Landesregierung am vergangenen Freitag bekanntgab, dass der Einzelhandel in Rheinland-Pfalz wieder öffnen darf, hätte das für die Unternehmer eigentlich eine frohe Botschaft sein sollen. Für viele war es das auch – aufatmen können sie aber immer noch nicht. Denn ihre Sorgen, Existenzängste und die Ungewissheit mit Blick auf die Zukunft wurden durch die Entscheidung nicht einfach weggewischt – zumal die 7-Tage-Inzidenz entscheidet, wie lange die Geschäfte offen bleiben dürfen. Nach zwei Lockdowns, Öffnung mit Terminshopping und Regeln, an die sie sich halten müssen, sind viele Einzelhändler am Limit. Drei von ihnen erzählen, wie es ihnen geht.

Andrea Weser (Alleleut)

„Ich kann mich nicht ehrlich über die Öffnung freuen. Uns steht das Wasser bis zum Hals, deshalb war das längst überfällig“, sagt Andrea Weser, Inhaberin des Baby- und Kinderbekleidungsgeschäfts „Alleleut“. Schon vor der Öffnung hätten weder sie noch ihre Kunden verstanden, warum sie nicht öffnen durfte, zumal große Babyfachmärkte geöffnet bleiben durften. „Wir haben hier ein gutes Hygienekonzept, genug Abstand, ein Luftreinigungssystem und die Türen stehen offen. In großen Supermärkten tummeln sich währenddessen Hunderte Leute ohne Abstand“, sagt Weser. „Und von dem bisschen Terminshopping können wir unsere Kosten auch nicht bezahlen. Ich kann es einfach nicht mehr nachvollziehen.“

„Es wird desaströs für die Innenstädte.“

Sie wünscht sich eine langfristige Perspektive unabhängig von Inzidenzen, damit sie nicht mehr schließen muss. „Wir alle im Einzelhandel halten uns von Anfang an an alle Regeln. Ich möchte eine verlässliche und einheitliche Regelung für uns alle.“ Sie hat mittlerweile ihre privaten Ersparnisse, die eigentlich für das Alter gedacht waren, in ihren Laden gesteckt – ähnlich wie Kollegen aus der Branche. „Es wird desaströs für die Innenstädte. Es wird ein Sterben auf Raten“, sagt sie. „Es geht hier auch um die Psyche. Mein Laden ist mein Baby, wenn man dann voller Elan ist und durchstarten will und dann immer wieder die Hände gebunden bekommt, verliert man seinen Wert.“

Jana Blume (Janablume Vintage)

„Ich fühle mich wie ein Ball, der hin und her gespielt wird“, sagt Jana Blume vom gleichnamigen Vintage- und Second-Hand-Shop in der Fischtorstraße. Sie fühlt sich, als müsse sie immer auf Abruf für neue Entscheidungen bereit sein und sofort handeln. Terminshopping hat sie nicht angeboten, da es sich für sie finanziell nicht gelohnt hätte. „Ich verkaufe Mode, die nicht hochpreisig ist. Was, wenn jemand nur etwas für 10 Euro findet? Dann bin ich zwar glücklich darüber, aber ich muss auch meine Mitarbeiter bezahlen. Und wenn jemand nichts findet? Dann geht die Kundin mit einem ganz komischen Gefühl raus, weil sie denkt, sie hat meine Zeit für nichts in Anspruch genommen.“ Das bestätigten auch ihre Kunden in einer Instagram-Umfrage – viele von ihnen hätten sich unwohl beim Shoppen auf Termin gefühlt.

„Man liest, dass C&A und die großen Häuser voll sind – bei uns gab es keine Schlange vor der Tür.“

Dass sie wieder öffnen durfte, freut sie auf der einen Seite, denn: „Es wird Zeit. Ich bin am Limit. Ich habe laufende Kosten, laufende Versicherungen, laufende Miete, laufende Mitarbeiterinnenkosten. Ich bekomme zwar Überbrückungshilfe, das reicht aber nur für die Versicherung und die Miete im Laden, nicht für meine Miete und mein Essen zuhause.“ Und dennoch macht sie sich in den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung Sorgen: „Wir hatten am Dienstag das erste Mal auf. Es war aber sehr verhalten. Man liest, dass C&A und die großen Häuser voll sind – bei uns war es aber sehr leer und es gab keine Schlange vor der Tür.“ Sie hat Angst, dass sich die Kunden vielleicht nicht trauen, in kleineren Läden einkaufen zu gehen. Deshalb hofft sie auch weiterhin und trotz Öffnung auf Überbrückungshilfen.

Marcel Büchel (Indien-Haus)

„Ich bin froh, dass wir wieder öffnen können und ich wieder viele glückliche Gesichter sehen darf“, sagt Marcel Büchel vom Indien-Haus. „Das Angebot wird angenommen, allerdings nur zögerlich.“ Er findet, es werde vor allem für ältere Menschen ohne Internet schlecht kommuniziert, welche Regeln gelten, sodass viele Kunden unsicher seien. Außerdem gebe es nach der Entscheidung am Freitag immer noch keine langfristige Planbarkeit, weil der Laden jederzeit wieder schließen könnte. Auch für ihn ist die Option Terminshopping nicht optimal: „Ich habe das eher für meine Kunden gemacht, damit sie überhaupt eine Möglichkeit hatten, einzukaufen. Finanziell gesehen bringt mir das nicht wirklich was.“ Zu ihm komme man ohnehin nicht, um unter Zeitdruck shoppen zu gehen, sondern, um die Möbel und Dekoration „zu erleben“ und eine Tasse Kaffee oder ein Glas Sekt zu trinken.

Auch er versteht viele der Regeln nach wie vor nicht und warum manche Läden schließen mussten und andere nicht. Die Kunden wären quasi dazu gezwungen worden, Deko, die sie vielleicht sonst auch bei ihm gekauft hätten, im Supermarkt nebenan zu kaufen. Er würde sich wünschen, dass man mehr danach entscheidet, wie gut die Hygienekonzepte vor Ort sind, als nach den Inzidenzen.

„Es müsste aber noch mehr Menschen geben, die nicht bei den Großkonzernen im Internet bestellen, sondern in den Läden vor Ort kaufen.“

Büchel warnt vor einer Insolvenzwelle, weil vor allem kleine Läden das nicht mehr länger mitmachen könnten. Er hofft nicht nur, dass der Einzelhandel weiter offen bleiben darf, sondern auch, dass die Kunden solidarisch sind: „Wir haben viele tolle Kunden, die Sachen kaufen und ein großes Bewusstsein dafür haben, dass es wichtig ist, lokal einzukaufen. Es müsste aber noch mehr Menschen geben, die nicht bei den Großkonzernen im Internet bestellen, sondern in den Läden vor Ort kaufen.“

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