Quarantäne: Ein Betroffener berichtet

Seit einer Woche darf Marius seine Wohnung in Mainz-Amöneburg nicht mehr verlassen. Wie es ihm in der Quarantäne ergeht und wie die Kommunikation mit den Behörden ablief, hat er Merkurist erzählt.

Quarantäne: Ein Betroffener berichtet

Fit und gut gelaunt - das ist der erste Eindruck, den man hat, wenn man Marius* sieht. Symptome von Covid-19? Fehlanzeige. Doch seit einer Woche ist der 34-Jährige aus Mainz-Amöneburg gemeinsam mit seiner Partnerin in Quarantäne. Von Lagerkoller oder Panik aber keine Spur. Im Gegenteil: „Meine Freundin und ich genießen es, viel Zeit für uns zu haben.“ Und langweilig werde es auch nicht, schließlich müssen beide arbeiten und gehen ihren Hobbys nach. Doch: „Die Situation ist einem jetzt richtig bewusst geworden.“

Rückblick: Noch vor etwas mehr als einer Woche waren Marius und seine Freundin im Skiurlaub im österreichischen Ischgl - mittlerweile gilt diese Stadt als großer Infektionsherd. Gemeinsam mit acht Freunden wohnen sie in einem Appartement, verbringen viel Zeit miteinander, kochen zusammen. Bei einer Après-Ski-Party feiern die Freunde gemeinsam mit Hunderten Gästen. Ein paar Tage später dann die Nachricht: Einer aus der Gruppe sitzt mit Husten und Fieber im Wartezimmer seines Hausarztes. „Ich hab noch mit ihm geschrieben und gesagt: Solange du kein Fieber und keinen Husten hast… Und er nur: Ja, ich hab genau beides“, erzählt Marius. „Keiner von uns hat überhaupt daran gedacht, dass er positiv getestet werden könnte.“

Einen Tag später liegt das Ergebnis vor: positiv auf Covid-19. „Das war ein kleiner Schock, weil einem klar wurde: Wir sind betroffen. Es ist ganz nah.“ Marius ist sofort klar, was das bedeutet. Als direkte Kontaktpersonen müssen er und seine Freundin in 14-tägige Quarantäne. Es sei aber nicht sofort klar gewesen, wie genau das ablaufen müsse. „Wie ist es zum Beispiel mit dem Müll rausbringen? Oder mit Gassi gehen? Das waren Fragen, die wir uns gestellt haben.“ Bereits am selben Abend ruft Marius beim ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) an. Dort muss man sich zunächst rückversichern - schließlich steht fest: 14 Tage Quarantäne und ein Anruf beim Gesundheitsamt sind nötig.

Odyssee am Telefon

Am nächsten Tag beginnt eine vierstündige Telefon-Odyssee. Die Telefonleitungen sind überlastet, dauernd ist beim Gesundheitsamt besetzt. Schließlich erreicht Marius das Amt, das ihm empfiehlt, sich testen zu lassen. „Dort hat man mich dann an den Hausarzt verwiesen, der mich wiederum krankschreiben und an die Teststelle überweisen sollte - die am nächsten Tag eröffnet werden sollte.“ Dies sei geschehen, um das Gesundheitsamt zu entlasten; für die Behörde ist dieser Weg einfacher als einen Amtsarzt zu beauftragen.

Sein Hausarzt wiederum habe von einem Test abgeraten. Der Grund: Marius zeigte bislang keine Symptome. „Selbst wenn ich getestet werde, habe ich nur dann Gewissheit, wenn ich positiv getestet werde. Bei einem negativen Test kann ich das Virus trotzdem in mir tragen.“ So sei es auch bei der Partnerin seines Freundes gewesen - sie war zunächst negativ getestet worden, einen Tag später dann positiv. Es gehe nicht mehr darum, ob man selbst wisse, dass man erkrankt ist, sondern eher darum, andere zu schützen, sagt Marius. „Klar war ja auf jeden Fall, dass wir mit einem Covid-19-Patienten direkten Kontakt hatten. Und deswegen mussten wir in Quarantäne.“

Marius stellt allerdings auch fest: „So einheitlich wie das Vorgehen der Ämter eigentlich nach außen kommuniziert wird, so klar war das am Telefon nicht.“ Es sei nicht so, dass man einen Anruf mache und damit sei es gut. Alle seien zwar freundlich und kompetent gewesen, aber seine Erwartungshaltung sei eine andere gewesen. „Ich habe außerdem gedacht, dass die Gesundheitsämter dieselben Anweisungen bekommen haben - den Eindruck hatten wir aber nicht.“ So wurde einem seiner Freunde, der in Brandenburg lebt, sogar empfohlen arbeiten zu gehen - trotz Kontakt zu einer infizierten Person. Außerdem sollte sich das Gesundheitsamt täglich nach dem Befinden der Kontaktpersonen in Quarantäne erkundigen. „Bei vielen meiner Freunde war das Fall - bei uns hat bislang keiner angerufen“, sagt Marius.

Mit Leidensgenossen im Austausch

Die Quarantäne selbst sieht Marius nicht so tragisch. „Wir haben noch acht Leidensgenossen, mit denen wir uns sehr eng austauschen. Das hilft sehr.“ Es fehle ihnen an nichts, Freunde und Familie helfen tatkräftig bei Einkäufen und ähnlichem mit. Wichtig sei, so der 34-Jährige, einen gesunden Mittelweg zwischen Panikmache und Laissez-faire zu finden. „Man darf es auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen, aber verrückt machen sollte man sich auch nicht.“

*Name geändert (pk)

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