Häusliche Gewalt: „Schieben das wie eine Welle vor uns her“

Die Corona-Krise hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens - auch auf Beziehungen. Gibt es deswegen auch vermehrt Fälle von häuslicher Gewalt?

Häusliche Gewalt: „Schieben das wie eine Welle vor uns her“

Die aktuelle Corona-Krise stellt auch viele Beziehungen auf eine harte Probe. Eine beengte Wohnsituation, fehlende Kinderbetreuung, Home Office, drohender Jobverlust oder Lagerkoller begünstigen Streit - der auch mit psychischer und körperlicher Gewalt einhergehen kann. Doch gibt es mehr Fälle häuslicher Gewalt als sonst?

Derzeit sei ein Anstieg bei Gewalt in engen Beziehungen, der sogenannten Partnergewalt, nicht erkennbar, so eine Sprecherin des rheinland-pfälzischen Innenministeriums. „Der kurze Zeitraum erlaubt allenfalls Trendaussagen und keine bis ins Detail realistische Beschreibung der Kriminalität.“ Objektiv gesehen lasse sich bislang ein Rückgang um etwa 16 Prozent zum Vorjahr feststellen. „Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass sich diese Entwicklung bei andauernder sozialer Isolation und dem dauerhaften Verweilen im engen oder aus anderen Gründen problembehafteten familiären Umfeld nicht stabilisieren wird und die Zahlen wieder ansteigen.“

Diese Aussagen bestätigt auch die Organisation „Weißer Ring“, an die sich Opfer von Kriminalität wenden können. „Es entspricht unseren Erfahrungswerten, etwa denen der Weihnachtsfeiertage, da Täter in diesen Zeiten in den meisten Fällen stets anwesend sind und Opfer keine oder kaum Möglichkeiten haben, sich Hilfe zu holen.“ Dies geschehe in der Regel erst mit deutlichem zeitlichem Verzug und unter anderen Rahmenbedingungen, wenn Opfer wieder mehr Freiraum haben, so ein Sprecher. Auch Julia Reinhardt von der Beratungsstelle „Contra Häusliche Gewalt“ ist sich sicher: „Wir schieben das wie eine Welle vor uns her. Wir gehen davon aus, dass sobald mehr Lockerungen kommen, auch mehr Fälle häuslicher Gewalt bekannt werden.“

Klienten konsumieren vermehrt Alkohol

Bei „Contra Häusliche Gewalt“ kümmert man sich um die Täter, bietet ihnen ein Programm aus Gesprächstherapie und Gruppentrainings an. Zu 95 Prozent kommen Männer zu ihnen, darunter seien Personen jeden Alters, sagt Julia Reinhardt im Gespräch mit Merkurist. Und: „Unsere rund 300 Klienten sind eher aus unteren Gesellschaftsschichten – das liegt auch daran, dass hier öfter Behörden wie das Jugendamt eingebunden sind.“ Bei vielen Tätern sei auch der Tathintergrund ähnlich. „Ein großer Prozentsatz hat in seiner Kindheit entweder selbst Gewalt erfahren oder in der Familie mitbekommen.“ In der jetzigen Krise aber stellen Reinhardt und ihre Kollegen außerdem fest: „Einige unserer Klienten konsumieren vermehrt Alkohol.“

Bis zu einem Jahr seien viele Klienten im Programm der Beratungsstelle. „Unsere Klienten durchlaufen unser Programm – was danach ist, muss die Zeit zeigen. Das braucht viel Zeit. Manche werden erneut gewalttätig, einige kommen dann auch wieder zu uns. Es ist aber super, wenn sie diese Hilfe annehmen. Auch dann haben wir unser Ziel erreicht“, sagt Reinhardt.

„Keine Privatangelegenheit“

Doch was kann ich als Außenstehender tun, wenn ich zum Beispiel bei Nachbarn etwas Ungewöhnliches bemerke? Der „Weiße Ring“ schreibt dazu: „Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit. Sie ist strafbar. Sollte man als Nachbar einen Fall von häuslicher Gewalt bemerken, bitte nicht passiv bleiben, sondern die Polizei informieren.“ Man sollte sich jedoch nicht selbst in Gefahr bringen. „Im Notfall kann man diese Meldung auch anonym bei der Polizei melden, allerdings ist es für das Opfer immer gut, sich auf Zeugen berufen zu können.“ Opfer häuslicher Gewalt können sich auch direkt bei dem Verein melden und sich beraten lassen.

Auch Julia Reinhardt von „Contra Häusliche Gewalt“ rät: „Als Außenstehender sollte man Öffentlichkeit herstellen. Zum Beispiel, indem man den Täter darauf aufmerksam macht, dass Schreie zu hören sind. Man kann auch klopfen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Oder vorgeben, sich Eier oder Mehl borgen zu wollen – gerade wenn die Situation zu eskalieren droht.“ Denn das habe eine große Wirkung auf den Täter. „Er muss dann innehalten“, erklärt Reinhardt. So reflektiere er sein Verhalten. Der Eigenschutz stehe aber immer über allem. „Im Zweifelsfall sollte man immer die Polizei rufen.“

Weitere Informationen und Hilfsangebote findet Ihr hier und hier. Kinder und Jugendliche finden Hilfe auf der Webseite „Kein Kind alleine lassen“. (mm)

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