Dieser Sportler klettert an Bauwerken der Stadt

Klettern ist ein Trendsport: In immer mehr Hallen und Parks im Rhein-Main-Gebiet können Sportler hohe Ziele erklimmen. Tim Jacobs dagegen klettert mitten in der Stadt - auf öffentlichen Gebäuden und Brücken.

Dieser Sportler klettert an Bauwerken der Stadt

Mainz und Wiesbaden liegen nicht nicht gerade in den Bergen. Auf das Klettern im Freien will Tim Jacobs aber trotzdem nicht verzichten. Zielsicher greift er nach den Metallstreben, setzt einen Fuß nach dem anderen in die Lücken - und klettert so die Theodor-Heuss-Brücke entlang. „Zu Felswänden muss man ziemlich weit fahren, auch Kletterhallen gab es früher weniger“, sagt Tim. „Deshalb kamen ein paar Freunde und ich auf die Idee, stattdessen die Stadt zu erklimmen.“

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Der 32-Jährige kam für sein Studium nach Mainz, inzwischen wohnt er in Wiesbaden. Seit zehn Jahren klettert er in beiden Städten an öffentlichen Bauwerken - sei es eine Stadtmauer, eine Brücke oder ein Turm. „Das Schöne ist, dass man einfach ohne große Vorbereitung losziehen kann“, sagt Tim.

„Buildering“ nennt sich die Sportart, deren Name sich von den englischen Wörtern für Gebäude (“building“) und für klettern (“climbing“) ableitet. Als Vorreiter gilt der Extremsportler Alain Robert, der in den vergangenen Jahren mit waghalsigen Kletteraktionen immer wieder in den Schlagzeilen war: Unter anderem hat er den Eiffelturm und das Empire State Building erklommen. Oft wartete oben die Polizei auf ihn, weil viele der Aktionen illegal waren.

Buildering als legale Sportart

„Das ist bei uns aber anders“, sagt Tim. Beim Buildering sei es wichtig, nur an öffentlichen Bauwerken zu klettern. „Das ist legal: Es gibt in Deutschland kein Gesetz, das es verbietet.“ Bedingung dabei ist allerdings, dass die Kletterer niemanden gefährden und das Bauwerk nicht beschädigen. „Darauf legen wir auch großen Wert“, so Tim. Auf Wolkenkratzer wie in Frankfurt klettert Tim auch nicht, sein höchster Buildering-Ausflug war auf einen 14 Meter hohen Turm der Mainzer Stadtmauer. Kletterer Robert war dagegen schon auf Frankfurts Hochhäusern unterwegs: 2008 kletterte der „Französische Spiderman“ an die Spitze der Dresdner Bank und auf das Skyper-Hochhaus - in beiden Fällen aber mit Genehmigung.

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Tim dagegen zieht regelmäßig in Mainz und Wiesbaden mit Kletterschuhen und ein paar Seilen los. Außerdem kommt immer ein weiterer Sportler mit. „Wir gehen immer zu zweit klettern, bei höheren Gebäuden sichern wir uns dann abwechselnd ab.“ Denn ohne Sicherung klettert Tim nicht: „Dafür hänge ich zu sehr an meinem Leben.“ Der Kernpunkt beim Buildering sei, dass es immer etwas neues für die Kletterer gibt. „Man hat immer etwas anderes zum Anfassen“, sagt Tim. Denn so unterschiedlich wie die Bauten sind auch die Materialien, über die Tim klettert: Mal ist es Sandstein, mal Granit oder Metall.

Momentan legt Tim eine Winterpause vom Outdoor-Klettern ein, ab Frühling geht es dann weiter. Am liebsten klettert der 32-Jährige auf der Südbrücke, die den Mainzer Winterhafen mit Gustavsburg verbindet. „Ob an Pfeiler oder Brückenbogen, hier gibt es viele verschiedene Möglichkeiten“, sagt Tim. Und wie reagieren Passanten, wenn sie Tim etwa an der Brücke sehen? „Ich werde oft angesprochen - manche sind erst kritisch, aber dann erkläre ich einfach, was ich tue.“ Die Rückmeldungen darauf seien bisher immer positiv gewesen.

Eine neue Perspektive auf die Stadt

Klettern zählt derzeit zu den Trendsportarten. „Generell gibt es immer mehr Hobby-Sportler in der Region, die klettern. Das sieht man allein daran, dass es immer mehr Kletterhallen im Rhein-Main-Gebiet gibt“, so Tim. Auch gebe es immer mehr Sportler, die Buildering betreiben. Auf der Internetseite www.buildering-spots.de tragen sie Gebäude in einer Karte ein, die zum legalen Klettern genutzt werden können. Für Mainz und Gustavsburg sind momentan insgesamt sieben Spots eingetragen. Tim hat außerdem einen Kletterführer mit den besten Plätzen in Mainz und Wiesbaden herausgegeben. Außerdem hält er am 24. März einen Vortrag in Frankfurt, um Interessierte über die Sportart zu informieren.

Für ihn ist Buildering ein guter Ausgleich zu seinem Bürojob. Außerdem eröffne es ihm eine neue Perspektive auf die Stadt. „Buildering ist eine Möglichkeit, den städtischen Raum auch für etwas anderes als wohnen, arbeiten und spazieren gehen zu nutzen“, so Tim. Er hoffe, dass die Sportart in Zukunft noch mehr Einfluss auf die Stadtentwicklung nimmt. „Man könnte etwa öffentliche Gebäude als Kletterspots kennzeichnen oder bei Neubauten eine gute Kletterstruktur miteinbeziehen.“ Statt immer mehr Kletterhallen zu bauen, könne so eine Outdoor-Alternative geschaffen werden. Auch einige Unternehmen bauen mittlerweile an ihrer Fassade eine Art Kletterwand ein - so etwa das Biomassekraftwerk in Hochheim.

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