Wenn Boris Büchler über Fußball spricht, dann tut er das mit der Erfahrung von fast 30 Jahren. Der Mainzer ZDF-Sportreporter hat Weltmeisterschaften von Deutschland bis Katar begleitet, zahlreiche Bundestrainer erlebt und kennt das Innenleben der Nationalmannschaft wie kaum ein anderer. Vor der Weltmeisterschaft spricht er mit Merkurist über Julian Nagelsmann, Manuel Neuer, die Zukunft von Mainz 05 und darüber, warum der Videobeweis aktuell dem Fußball mehr schadet als nützt.
Herr Büchler, Sie sind schon seit 1998 bei den großen Fußballturnieren dabei. Welches war eigentlich das beeindruckendste Turnier bisher?
Die WM 2006 in Deutschland war alleine wegen der Atmosphäre in Berlin unschlagbar. Als Reporter oder als Fan. In Berlin-Mitte haben wir damals gewohnt und gearbeitet und sind von da aus zu allen Spielen gefahren. Was da für eine völkerverbindende Atmosphäre war! Alle Kulturen, alle Nationen sind zusammengekommen und haben friedlich ein Fest gefeiert. Das war für mich schon überragend.
Rein vom Workflow, vom Ambiente und der Atmosphäre her würde ich als nächstes Brasilien nennen. Ich habe ganz tolle Menschen dort kennengelernt, die unwahrscheinlich gastfreundlich waren. Hinzu kam unser Erfolg im Turnier und ein guter Draht, den ich damals zum Bundestrainer Joachim Löw und zu den Spielern hatte.
Sie hatten bei der neuen ZDF-Doku „Mission Sommermärchen“ einen kleinen Auftritt. Man sieht in dieser Doku, dass die Leute noch sehr ungefiltert gesprochen haben. Es wurde ganz offen auf Jürgen Klinsmann eingedroschen. Waren diese „ungefilterten Interviews“ für Sie als Reporter nicht besser?
Man merkt in der Doku, dass das ein ganz anderer Zeitgeist war. Diese Äußerungen aus der Bundesliga und aus anderen Ecken gingen voll konfrontativ auf Klinsmann. Und das würde es, glaube ich, in der Form heute so nicht mehr geben. Auch die Springerpresse hatte noch ganz andere Reporter vor Ort, die anders draufgehauen haben. Das ist heute ein bisschen moderater geworden. Ich nehme das so hin, wie es ist. Jeder Zeitgeist hat etwas Gutes. Heute zucken die Leute zusammen, wenn man mal konfrontativ ist oder eine andere Meinung hat. Das war früher gang und gäbe, auch und gerade im Sportjournalismus. Da waren die Leute auch nicht so empfindlich.
Wie viel von dem jeweiligen Land konnten Sie wirklich kennenlernen, abgesehen von Schnitträumen und Trainingsplätzen?
So gut wie gar nichts. Ich bin auch niemand, der sagt, ich habe heute Vormittag zwei Stunden frei, jetzt gehe ich mal in die Kirchen und Museen und schaue mir alles an. Ich war auch bei Champions-League-Spielen. Früher, wenn ich in Madrid war oder in Mailand oder in Paris, habe ich den Vormittag meistens genutzt, um schon einen Plan zu machen für den Bericht. Oder ich habe mich vorbereitet oder war mal Sport treiben. Aber dann noch durch Paris zu gehen und auf den Eiffelturm zu klettern, da fehlte mir die Muße.
„Klinsmann hat mich beeindruckt“
Sie haben einige Bundestrainer erlebt. Welcher hat Sie am meisten beeindruckt?
Klinsmann hat mich beeindruckt, weil er wirklich eine ganz andere Farbe reingebracht hat, einen ganz anderen Spirit, ein anderes Mindset. Und er hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt. Er hatte nicht die komplette Bundesliga und Fußballdeutschland hinter sich und dennoch einfach gesagt: Wir machen es so! Dieser Mut wurde viel zu wenig in Deutschland gewürdigt. Wir haben eine fantastische Weltmeisterschaft 2006 gespielt. Fast wichtiger als der sportliche Erfolg war damals die Einstellung dieser Mannschaft, die die Weltmeister der Herzen waren.
Für Außenstehende wirkt der Bundestrainerjob manchmal wie ein bezahlter Ferienjob, weil man so wenige feste Arbeitstage hat. Was ist die Besonderheit am Job des Bundestrainers?
Wenn wir jetzt zum Beispiel über Nagelsmann und seinen Staff mit Benni Hübner und Benji Glück sprechen: Die haben seit November kein Länderspiel gehabt bis März und von März bis Juni. Und trotzdem haben sie jeden Tag Video-Meetings, machen sich Gedanken, gucken sich auch zu Hause Spiele über 90 Minuten an. Das kriegt man in der Öffentlichkeit gar nicht mit, wie fleißig die sind.
Vielleicht ist es auch nicht ganz Nagelsmanns Ding, drei Monate bis zum nächsten Spiel zu warten. Er will dann etwas Besonderes kreieren, macht manche Dinge etwas zu verkopft. Ich glaube, Nagelsmann ist ein Typ, der braucht alle drei Tage ein Spiel. Dann ist er on top. Aber als Nationaltrainer drei Monate Zeit zu haben, das hat ihm manchmal nicht so gut getan. Ich glaube, im tiefsten Kern ist er eher Vereinstrainer.
Er kriegt auch ordentlich Gegenwind gerade. Glauben Sie, es könnte sein letztes Turnier sein?
Er hat Vertrag bis 2028. Aber das heißt nichts. Wenn das Projekt USA, Kanada, Mexiko scheitert, kann ich mir nicht vorstellen, dass er den Vertrag erfüllt. Umgekehrt, wenn er Weltmeister wird, ist die Frage, ob er weitermacht und noch die Europameistermeisterschaft draufsetzen will. Daran ist Jogi Löw auch gescheitert. Der wollte auch immer Europameister werden. Es kommt immer auf die Art und Weise an, wie sie das Turnier gestalten. Bei der Heim-EM waren alle happy mit dem Viertelfinale. Wenn du bei der Weltmeisterschaft im Viertelfinale rausgehst, kommt es darauf an, gegen wen und wie.
Ein möglicher Gegner im Achtelfinale ist Frankreich.
Das wäre heftig.
Ein Aus im Achtelfinale kann man wahrscheinlich nicht gut verkaufen, auch wenn es gegen Frankreich wäre, oder?
Richtig, das wäre zu früh. Aber was dann passiert, da bin ich überfragt. Wie gesagt, Nagelsmann hat einen Vertrag bis 2028 und ich glaube, dass er ihn schon erfüllen will.
„Dass wir so oft über Schiedsrichter reden, ist sowieso ein Desaster für den ganzen Sport.“
Weil sie es gerade angesprochen hatten, dieses Viertelfinale bei der EM. War man da im Nachgang zu euphorisch? Auf dem Papier ist Endstation im Viertelfinale bei der EM auch nicht herausragend toll.
Das lag vielleicht psychologisch daran, dass davor das Turnier komplett danebenging. Die Blamage von Katar und dass danach mit Blick auf die Heim-EM eine gewisse Euphorie entstanden ist. Sie haben es auch gut dargestellt, es war eine gute Symbiose zwischen Fans und Team und dadurch wurde alles ein bisschen überhöht. Viertelfinale ist eben weit weg vom Titel und da ist es erst mal egal, welcher Schiedsrichter mal wieder nicht seine Leistung gebracht hat. Dass wir so oft über Schiedsrichter reden, ist sowieso ein Desaster für den ganzen Sport.
Vor allem gab es ja da noch den VAR, der im Moment des Handspiels von Cucurella nicht eindeutig reagiert hat.
Es ist verwunderlich, weil bei den internationalen Turnieren der VAR eigentlich noch zu ertragen ist. In der Bundesliga schon lange nicht mehr.
Was genau finden Sie daran so unerträglich?
Ich bin aufgewachsen mit der Prämisse, dass der Schiedsrichter das Unwichtigste ist in einem Fußballspiel. Dann gehst du ins Stadion und es gibt ständig Unterbrechungen. Der Schiedsrichter hat außer den Karten eine Uhr, die ihm zeigt, wann es ein Tor ist, er hat ein Freistoßspray, er hat ein Headset. Er hat neuerdings auch eine Kamera auf dem Kopf. Meines Erachtens fehlt nur noch so ein Mikrofon wie bei Dieter Thomas Heck früher in der Hitparade. Dann kann er vielleicht noch die Halbzeitshow moderieren.
Wie meinen Sie das?
Der Schiedsrichter und der VAR kriegen immer mehr Bedeutung. Und dann gibt es bei der Handregel kaum noch jemanden, der sie versteht. Als Reporter müssen wir diese Regelkunde können, das ist unser Job. Aber wenn ich sehe, was dem Fan zugemutet wird, dann kann ich mir vorstellen, dass in 10, 15 Jahren die heutige Generation gar nicht mehr im Stadion ist. Und da habe ich Angst vor, dass diese schöne Sportart beschädigt wird durch ein hausgemachtes Problem, indem wir das Schiedsrichterwesen so hoch hängen. Die deutschen Schiedsrichter tun mir am meisten leid, weil die gar nichts dafürkönnen. Und jetzt, bei der Weltmeisterschaft, um nochmal darauf zurückzukommen, bekommt der VAR noch mehr Befugnisse – und das finde ich ein Foul am Fan.
Aber finden Sie, es hat auch gute Seiten? Zum Beispiel bei Abseitsentscheidungen kann man ja theoretisch immer klar entscheiden, wann Abseits ist und wann nicht.
Gute Nachfrage. Wir sollten schon die Technik im 21. Jahrhundert nutzen, um uns weiterzuentwickeln. Sprich: Tor oder nicht, abseits oder nicht? Dann finde ich den Videoassistenten prima. Aber Handspiel, Elfmeter und alles, was den Spielfluss unterbricht, wo im Stadion Durchsagen gemacht werden müssen, ist zu viel. Das ist doch Wahnsinn. Das gehört doch nicht zum Sport.
Es geht doch kein Mensch ins Stadion für die Schiedsrichterentscheidung. Und mittlerweile habe ich den Eindruck, es werden ganze Sendungen über Schiedsrichter gemacht. Die Einfachheit des Fußballs macht den Sport aus. Mit einfachen Regeln. Und wenn wir heute halbwissenschaftlich an die Geschichten rangehen, forensische Strukturen schaffen wie beim Münster-Tatort, macht das im Stadion die Atmosphäre kaputt. Das Jubeln, das Spontane ist schon weg. Jetzt kommen noch die anderen Geschichten dazu, dass minutenlang diskutiert wird.
Zurück zur WM und zur deutschen Nationalmannschaft. Jetzt kommt natürlich die Frage aller Fragen: War es richtig, Manuel Neuer aus dem Nationalmannschaftsruhestand zurückzuholen?
Ich finde, da gibt es kein Richtig oder Falsch. Wenn der Bundestrainer glaubt, dass Neuer immer noch der beste deutsche Torhüter ist, dann hat Julian Nagelsmann komplett das Recht, ihn zurückzuholen. Fragwürdig ist natürlich der Zeitpunkt und die Art und Weise der Kommunikation gegenüber Oliver Baumann, das hat aber auch Nagelsmann schon eingeräumt. Im Nachhinein hätte man es besser lösen können.
Wie hätten Sie entschieden?
Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass der Erfolg oder Misserfolg bei der Weltmeisterschaft durch den Torwart entschieden wird. Ich verstehe, dass man bei Manuel Neuer die Aura, die Erfahrung so hervorhebt, dass ein gegnerischer Stürmer auf ihn zuläuft und ein bisschen Angst bekommt. Aber ich könnte auch mit der Entscheidung leben, dass Oliver Baumann im Tor steht. Als kleiner Reporter halte ich mich zurück. Ich möchte nur sagen: Manuel Neuer schätze ich über alle Maßen. Aber bei der WM in Katar hat er zwölf Schüsse aufs Tor gekriegt, und fünf waren drin. Und er hat uns auch in Russland 2018 nicht den Arsch gerettet. Es ist nicht so, dass Neuer ins Tor kommt und wir dann automatisch bis ins Finale kommen.
Wie bewerten Sie sonst den WM-Kader?
Ich hätte Saïd El Mala mitgenommen, weil das ein ganz besonderer Spieler ist, der eine gute Mischung hat aus Torjäger, Unberechenbarkeit, Straßenfußballer. Er hat die besondere Aura, der ist rotzfrech, unbekümmert. Er ist resilient, hat in Köln fast jedes Spiel gemacht, auch wenn er oft eingewechselt wurde. Er hat eine tolle Quote für sein erstes Bundesligajahr gehabt. Und er wäre mit 36 Kilometer pro Stunde der schnellste Spieler in diesem Kader gewesen und hätte uns sehr gutgetan.
Wir hatten es ja davon, ob es Nagelsmanns letztes Turnier sein könnte. Könnten Sie sich dann vorstellen, dass Jürgen Klopp doch noch Bundestrainer wird?
Immer wenn auf der Position des Bundestrainers eine Vakanz ist, ist Jürgen Klopp ein Thema. Ich glaube, selbst würde er das nie anschieben. Das hat er gar nicht nötig.
Das wäre das Letzte, was ihm noch fehlt in seiner Karriere. Spätestens seit er 2006 ZDF-Experte war, ist er so ein bisschen der Bundestrainer der Herzen, oder?
Ich glaube, dass er auch nie wieder Vereinstrainer irgendwo wird. Ich glaube nicht, dass er auf Real Madrid, Barcelona oder Bayern München schielt. Das hat er alles durch im Kopf, dass er das nicht machen wird. Er ist auch sehr im Reinen damit. Das Einzige, was ich im Gefühl habe, dass ihn reizen würde, ist deutscher Nationaltrainer zu sein.
Wir müssen auch noch mal in diesem Kader über einen Mainzer sprechen: Nadiem Amiri, bei dem es nach dieser langen Verletzung im Frühjahr doch fast eine Überraschung ist, dass er es in diesen Kader geschafft hat, oder?
Er ist ein Mentalitätsmonster. Julian Nagelsmann kennt ihn noch aus der Zeit von Hoffenheim. Da hat er ihn damals in der Jugend von Ludwigshafen rüber geholt. Er weiß: Auf den kann ich mich verlassen. Das ist mein alter Buddy, der lässt mich nicht hängen. Das hat er auch gezeigt, als er gegen Nordirland in Köln letztes Jahr im Herbst reinkam, mit Assist und Tor. Der kommt rein, zerreißt sich, haut alles rein, ordnet sich unter. Und das ist so ein Spieler, den man sich als Nationaltrainer wünscht.
Denken sie, er kriegt überhaupt seine Einsatzminuten?
Ich glaube, wenn es 0:0 steht in der 75. Minute gegen Ecuador, ist Amiri genau der richtige, der die gegnerischen Verteidiger volle Pulle anläuft und stresst und selbst auch noch einen guten Fuß hat. Der kann dir auch in der 85. noch mal einen Freistoß reinsetzen. Ich hätte ihn auch mitgenommen.
„Es ist schade, dass Kaishu Sano kein Deutscher ist. Der hätte bei uns auch in der Startelf gestanden.“
Haben Sie noch andere Mainzer gesehen, die Chancen gehabt hätten?
Es ist schade, dass Kaishu Sano kein Deutscher ist. Der hätte bei uns auch in der Startelf gestanden. In der Bundesliga fällt mir kein besserer Sechser ein, vielleicht noch Kimmich.
Muss man sich als Mainz-Fan jetzt schon damit anfreunden, dass Sano im Sommer geht?
Diese Saison finde ich, steht und fällt natürlich mit diesen Granden. Was machen Amiri, Sano und Nebel, was ist, wenn du die alle drei verlierst? Puh, das wäre eine Challenge im Sommer für Herrn Bungert.
Und Herrn Heidel, den Sie ja auch ganz gut kennen.
Der hat ja schon nachgekauft im Winter. War auch notwendig, nachdem sie letzten Sommer vergessen hatten, Leute zu kaufen. Dann haben sie es auch genau richtig gemacht, inklusive Trainer. Nur sollten sie nicht jedes Jahr im Sommer vergessen, neue Leute zu holen und das erst im Winter nachholen. Das hat ja fast schon Tradition bei Mainz 05.
„Es ist nicht normal, dass Mainz 05 in der Fußball-Bundesliga spielt.“
Aber es ist doch gerade bei Mainz 05 wirklich eine irre Geschichte, dass dieser Verein jetzt zum dritten Mal binnen sechs Jahren zur Winterpause sportlich mausetot ist und sich dann wieder irgendwie rettet.
Ja, die Geschichte ist grandios. Ich erzähle es auch Leuten, die es nicht hören wollen. In einer Stadt wie Mainz immer Bundesliga zu spielen, da kenne ich Leute in Deutschland, die beneiden uns. Und hier wird es oft so hingenommen. Einfach mal nachfragen in Braunschweig, Düsseldorf, bei 1860 München, was es bedeutet, seit 2009 durchgängig Bundesliga zu spielen. Das kommt mir immer zu kurz in dieser Stadt. Es ist nicht normal, dass Mainz 05 in der Fußball-Bundesliga spielt. Und das jedes Jahr zu bestätigen, ist der Hammer. Das macht der Verein herausragend. Und man muss das verdammt noch mal auch würdigen.
Vielen Dank für das Gespräch, Boris Büchler.
Das Interview führten Ralf Keinath und Peter Kroh.