Warum die weltbekannte Schriftstellerin Anna Seghers Mainz verlassen hat

Mit ihren Büchern hat sie Weltruhm erlangt, ihre Geschichten beeindruckten Millionen. Anna Seghers, die eigentlich anders hieß, hielt es in ihrer Heimatstadt Mainz jedoch nicht aus. Das zeigen Briefe, die vor Kurzem aufgetaucht sind.

Warum die weltbekannte Schriftstellerin Anna Seghers Mainz verlassen hat

Es ist das Jahr 1900, als in Mainz ein Mädchen geboren wird, dessen Bücher Jahre später weltberühmt werden würden. Manch einer bezeichnet Anna Seghers sogar als „die vielleicht wichtigste deutsche Autorin des 20. Jahrhunderts“. Doch ihrer Heimatstadt Mainz wird sie noch in jungen Jahren erleichtert den Rücken kehren. Die Gründe dafür wurden erst jetzt bekannt.

Denn kürzlich wurden 470 Briefe veröffentlicht, die Anna Seghers an ihren späteren Ehemann László Radványi schrieb. Gefunden wurden die Briefe in einem Karton in einer Wohnung in Orsay bei Paris. Es war die Wohnung von Peter Radványi, der sich später Pierre nannte und der Sohn von Anna Seghers war. In diesen Briefen vertraute sie ihrem Geliebten ihre Träume, Sorgen und Gedanken an. Darunter auch, warum sie keine Zukunft in ihrer Heimat Mainz sah.

Behütet in Mainz aufgewachsen

Aufgewachsen ist Netty Reiling, die Jahre später unter „Anna Seghers“ ihre Werke veröffentlichte, sehr behütet in einer wohlhabenden Mainzer Familie. Ihre Mutter entstammte einer bekannten Frankfurter Kaufmannsfamilie, ihr Vater betrieb eine Kunst- und Antiquitätenhandlung am Mainzer Flachsmarkt. Netty genoss eine gute Ausbildung. Mit sieben Jahren besuchte sie eine Privatschule, drei Jahre später wechselte sie zur Höheren Mädchenschule. Mit 20 Jahren legte sie am Realgymnasium ihre Abiturprüfung ab. Netty war Einzelkind. Der jüdische Glaube war den Eltern sehr wichtig, auch zu ihrer Heimat fühlten sie sich eng verbunden.

Doch Netty war diese Enge zu viel. Sie liebte ihre Eltern, aber sie wünschte sich ein anderes Leben, wie sie Radványi immer wieder schrieb. Sie schien die Welt entdecken zu wollen, als hätte sie eine Vorahnung gehabt. „Etwas in ihr ahnt früh, dass sie, wenn sie ihre heimatlichen Fesseln sprengt, Großes erreichen kann“, heißt es etwa in einer Rezension der „Zeit“.

Kennengelernt hatten sich László Radványi und Netty Reiling während des Studiums in Heidelberg. Beide waren damals 20 Jahre alt. Nettys Eltern lehnten die Beziehung zu dem Ungarn ab. Er war als gescheiterter Revolutionär aus seiner Heimatstadt Budapest geflüchtet, sprach schlecht Deutsch und hatte wenig Geld. Und natürlich spielte das Judentum keine Rolle für ihn. Doch am Ende mussten sie die Entscheidung ihrer Tochter akzeptieren: 1925 heiratete sie László Radványi und nahm seinen Nachnamen an.

Umzug nach Berlin

Schon die Briefe an Radványi waren poetisch-literarisch. „Ich glaube, Netty Reiling wurde nicht Schriftstellerin, die Briefe zeigen mir, dass sie es von Anfang an war“, sagt Seghers’ Biografin Christiane Zehl Romero. 1928 brachte Netty ihr erstes Werk „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ unter dem Namen „Anna Seghers“ heraus und erhielt für die Erzählung den bedeutenden Kleist-Preis.

Anna Seghers und Johann-Lorenz Schmidt, wie er sich später nannte, zogen gemeinsam nach Berlin. Als Hitler an die Macht kam, flüchtete sie zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich, wo ihr Mann und ihre zwei Kinder ihr nachfolgten. 1941 gelang ihnen die Flucht nach Mexiko. 1947 kehren sie nach Berlin zurück. 53 Jahre waren die beiden verheiratet, bis Radványi im Jahr 1978 starb. Anna Seghers wurde 83 Jahre alt. Zwei Jahre vor ihrem Tod ernannte die Stadt Mainz sie zu ihrer Ehrenbürgerin.

Weltberühmt geworden ist Anna Seghers vor allem mit den Romanen „Das Siebte Kreuz“ (1942), „Transit“ (1944) und „Ausflug der toten Mädchen“ (1946).

Die Briefe hat nun Seghers’ Biografin Christiane Zehl Romero zusammen mit dem Enkel Jean Radványi herausgegeben. Das Buch heißt „Anna Seghers: Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921–1925“.