JVA Mainz: „Hier saßen auch die extremen Fälle“

Zwölf Gefängnisse gibt es in Rheinland-Pfalz, unter anderem die JVA Rohrbach bei Wöllstein. Was viele Neu-Mainzer nicht wissen dürften: Auch mitten in Mainz befand sich bis vor 18 Jahren ein Gefängnis. So sah der Alltag der Gefangenen aus.

JVA Mainz: „Hier saßen auch die extremen Fälle“

Büros statt Gefängniszellen: Wer heute am Isenburg-Karree im Justizviertel in der Mainzer Altstadt vorbeiläuft, kann nur erahnen, dass hier bis vor 18 Jahren noch fast 300 Gefangene untergebracht waren. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Mainzer Haftanstalt gebaut und in den letzten Jahrzehnten vor allem als Untersuchungsgefängnis genutzt – noch bis zum Jahr 2002.

Ein Jahr vorher nahm Matthias Bockius seinen Dienst bei der Mainzer Polizei auf, heute ist er ihr Pressesprecher. Für ihn als jungen Beamten sei es „ein Erlebnis“ gewesen, in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Mainz zu kommen. „Es war ein sehr altes Gebäude mit dunklen Räumen und erfüllte noch diese typischen Klischees, wie man sie aus Krimis kennt.“ Kein Wunder also, dass die JVA mehrfach Kulisse für die Serie „Ein Fall für zwei“ war.

Kakerlaken und Ratten

Kaum jemand kannte das Mainzer Gefängnis besser als der Justizvollzugsbeamte Hans Peter W. Der heute 55-Jährige arbeitete dort von 1989 bis 2002, heute in der JVA Rohrbach bei Wöllstein. Er sagt im Gespräch mit Merkurist: „Als ich in Mainz angefangen habe, war ich schon sehr beeindruckt. Das Gebäude war alt, dunkel, beengt, schmutzig – einfach eine bedrückende Atmosphäre.“ In seiner kompletten Mainz-Zeit habe es Kakerlaken im Keller gegeben, dazu eine regelrechte Rattenplage im Hof. „Der Kammerjäger kam regelmäßig, hat das Problem aber nie in den Griff bekommen.“

Die meisten der etwa 260 Gefangenen hätten in U-Haft gesessen, nur wenige in kurzer Strafhaft. Zudem gab es jeweils einen Trakt für Frauen und Jugendliche. Die meisten Gefangenen saßen in Einzelzellen, alle etwa acht Quadratmeter groß. „Es gab ein Bett, ein Klo, ein Waschbecken und einen Spind. Dazu ein Fenster in etwa 1,70 Meter Höhe – da war nicht viel mit rausschauen“, so W. Zudem gab es noch eine kleine Holzleiste, an der die Gefangenen kleine Bilder aufhängen konnten.

Außer den Einzelzellen gab es Dreier-, Vierer-, Sechser- und Achterzellen, zudem jeweils eine 10- und eine 12-Mann-Zelle. „Die meisten Gefangenen wollten lieber Gesellschaft“, sagt W. Denn der Knastalltag in Mainz bedeutete: eine Stunde Hofgang und 23 Stunden in der Zelle sitzen.

Hammermörder und RAF-Terroristin

Doch wer saß überhaupt in diesen Zellen? „Das war sehr durchmischt, im Grunde kamen alle sozialen Schichten vor bis zum Arzt oder Rechtsanwalt“, sagt W. Untersuchungshaft, das hieß auch: „In Mainz saßen auch die extremen Fälle.“ W. erinnert sich beispielsweise an den „Wormser Hammermörder“, der später an seinem 44. Geburtstag zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der Mann tötete im September 1997 seine Mutter, seinen Bruder und dessen Freundin mit einem Maurerhammer. Auch eine RAF-Terroristin habe in U-Haft gesessen.

In anderen Fällen konnte diese U-Haft auch bedeuten, dass die Verdächtigen später freigesprochen wurden. „Man hat schon einen Riecher dafür bekommen, wer unschuldig sein könnte und wer nicht. Aber natürlich konnte man auch daneben liegen“, so W. Überhaupt habe er zu vielen Gefangenen ein gutes Verhältnis aufgebaut. „Freundschaften gab es aber nicht, diese Distanz musste man schon wahren.“ Aber gerade mit den Häftlingen, die im Haus arbeiteten, habe er immer wieder gute Gespräche geführt. „Ich konnte vielen auch deutlich machen, dass sie ihre Chance nutzen müssen, wenn sie wieder in Freiheit sind. Und die meisten kamen auch nie wieder.“

Nur die wenigsten konnten arbeiten

Doch einige landeten immer wieder in der Mainzer JVA, weil sie sich draußen nicht zurechtfanden. W. sagt: „Ich erinnere mich an einen Häftling, der über Jahrzehnte ständig wieder einsitzen musste und dann immer in der Küche arbeitete. Im Gefängnis hatte er seine überschaubare Welt, war ein sehr zuverlässiger Arbeiter. Aber draußen hatte er keine Chance.“

Ein weiteres Problem war: Die meisten Gefangenen konnten gar nicht nebenbei arbeiten, denn dazu gab es im kleinen Mainzer Gefängnis nicht genügend Möglichkeiten. „Von den etwa 260 Häftlingen haben vielleicht 60 gearbeitet. Der Rest saß eben den ganzen Tag in der Zelle“, sagt W. Und wer nicht arbeiten konnte, hatte es auch schwerer, sich zu resozialisieren. „Einige konnten immerhin in Zellenarbeit Gewürzdosen für die frühere Moguntia-Mühle verpacken.“

Zudem hatten viele Gefangene keine Ablenkung in den Zellen. „Dieses ständige Nichtstun hat für zusätzliche Frustration gesorgt. Es gab viele Schlägereien und leider auch Suizide“, sagt W. „So etwas kann man nicht so leicht abschütteln, man nimmt es mit nach Hause.“ Mit der Einführung der Radio- und später der TV-Geräten sei „spürbare Ruhe im Hafthaus eingekehrt“.

Ein erfolgreicher Fluchtversuch

Auch Fluchtversuche habe es gegeben. „Vor meiner Zeit, etwa in den 80ern, war sogar einer erfolgreich“, sagt W. Bei Reinigungsarbeiten im Büro konnte einer der Hausarbeiter ein Schloss am Fenster knacken. Wie im Actionfilm seilte er sich dann mit einem Schlauch an der Gefängnismauer ab – und war weg. „Die im Finanzministerium haben offenbar gedacht, dass da wieder ein Film gedreht wird, deshalb hat niemand die Polizei gerufen.“ Später in W’s Zeit habe ein anderer Häftling ein etwa 80 Zentimeter tiefes Loch durch seine Zellenwand gebohrt. Nur dank einer Zufallskontrolle konnte seine Flucht verhindert werden.

Eine weitere Fluchtmöglichkeit wurde dagegen nicht genutzt: Direkt an die hohe Gefängnismauer mit Stacheldraht grenzte der Balkon einer normalen Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße an. „Wer es über den Stacheldraht geschafft hätte, hätte über den Balkon flüchten können“, sagt W. Von da aus konnten die Bewohner auch direkt in den Gefängnishof schauen. „Das kam aber nicht besonders oft vor.“

2002 war dann Schluss für das Mainzer Gefängnis. Schon in den Jahren zuvor entstand auf der grünen Wiese bei Wöllstein die Justizvollzugsanstalt Rohrbach. Gundi Bäßler arbeitete von 2001 bis 2002 in der Mainzer JVA und war dort in einem Team für die Abwicklung des Gefängnisses zuständig. Seit 2015 leitet sie die JVA Frankenthal. „Wir haben damals ab 2001 den Umzug nach Rohrbach vorbereitet – das war ein großer organisatorischer Aufwand“, sagt sie gegenüber Merkurist. Zunächst wurde im Jahr 2002 die JVA Kaiserslautern geschlossen und die Häftlinge nach Mainz versetzt, noch im November folgte dann der endgültige Umzug nach Wöllstein.

Nicht mehr zu renovieren

Vor dem Umzug gab es in Wöllstein schon erste Trockenübungen ohne Gefangene. „Innerhalb eines Tages wurden dann alle Häftlinge von Mainz nach Wöllstein verlegt“, so Bäßler. Das Mainzer Gefängnis habe nicht mehr den modernen Anforderungen entsprochen. „Es war ein richtig altes Gebäude mit maroder Bausubstanz und schlecht abgesicherter Elektrizität. Das war nicht mehr zu renovieren.“

Vorteil waren allerdings die kurzen Wege. „Was viele nicht wissen: Zum Gerichtsgebäude gab es sogar einen direkten Durchgang im ersten Stock“, sagt der Justizvollzugsbeamte W. Die Gefangenen konnten also beispielsweise direkt dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden.

Doch 2002 war Schluss – und dann passierte lange nichts. Erst ab 2009 wurde das ehemalige Gefängnis saniert und in ein modernes Verwaltungsgebäude verwandelt. Die denkmalgeschützten Fassaden aus Sandstein blieben weitestgehend erhalten. Auch eine historische Haftzelle ist noch heute im Isenburg-Karree zu sehen. In den Büros arbeiten jetzt der Landtagspräsident und die Landtagsverwaltung von Rheinland-Pfalz. Für Hans-Peter W. eine gute Entwicklung. „Wir waren damals alle froh, als die Mainzer JVA geschlossen wurde. Ein Gefängnis gehört einfach nicht mitten in die Stadt.“ (df)

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