Häftling erinnert sich: So war es im Mainzer Gefängnis

Mitten im Mainzer Bleichenviertel befand sich bis vor 19 Jahren ein Gefängnis. Ein früherer Mitarbeiter und ein Häftling erinnern sich: So war unsere Zeit in der JVA Mainz.

Häftling erinnert sich: So war es im Mainzer Gefängnis

Büros statt Gefängniszellen: Wer heute am Isenburg-Karree in der Mainzer Altstadt vorbeiläuft, kann nur erahnen, dass hier bis vor 19 Jahren noch bis zu 300 Gefangene untergebracht waren. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Mainzer Haftanstalt gebaut und in ihren letzten Jahrzehnten vor allem als Untersuchungsgefängnis genutzt – noch bis zum Jahr 2002.

Kakerlaken und Ratten

Kaum jemand kannte das Mainzer Gefängnis besser als der Justizvollzugsbeamte Hans Peter W. Der heute 56-Jährige arbeitete dort von 1989 bis 2002, heute ist er in der JVA Rohrbach bei Wöllstein beschäftigt. Er sagt im Gespräch mit Merkurist: „Als ich in Mainz angefangen habe, war ich schon sehr beeindruckt. Das Gebäude war alt, dunkel, beengt, schmutzig – einfach eine bedrückende Atmosphäre.“ In seiner kompletten Mainz-Zeit habe es Kakerlaken im Keller gegeben, dazu eine regelrechte Rattenplage im Hof. „Der Kammerjäger kam regelmäßig, hat das Problem aber nie in den Griff bekommen.“

Viele Gefangene hätten in U-Haft gesessen, nur wenige in kurzer Strafhaft. Zudem gab es jeweils einen Trakt für Frauen und Jugendliche. Die meisten Gefangenen saßen in Einzelzellen, etwa acht Quadratmeter groß. „Es gab ein Bett, ein Klo, ein Waschbecken und einen Spind. Dazu ein Fenster in etwa 1,70 Meter Höhe – da war nicht viel mit rausschauen“, so W. An einer kleinen Holzleiste konnten die Gefangenen kleine Bilder aufhängen. Außerdem gab es Dreier-, Vierer-, Sechser- und Achterzellen, zudem jeweils eine Zehn- und eine Zwölf-Mann-Zelle. „Die meisten Gefangenen wollten lieber Gesellschaft“, sagt W. Denn der Knastalltag in Mainz bedeutete: eine Stunde Hofgang und 23 Stunden in der Zelle sitzen.

Hammermörder und RAF-Terroristin

Untersuchungshaft, das hieß auch: „In Mainz saßen auch die extremen Fälle.“ W. erinnert sich beispielsweise an den „Wormser Hammermörder“, der später an seinem 44. Geburtstag zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der Mann tötete im September 1997 seine Mutter, seinen Bruder und dessen Freundin mit einem Maurerhammer. Auch eine RAF-Terroristin habe in U-Haft gesessen.

In anderen Fällen konnte diese U-Haft auch bedeuten, dass die Verdächtigen später freigesprochen wurden. „Man hat schon einen Riecher dafür bekommen, wer unschuldig sein könnte und wer nicht. Aber natürlich konnte man auch daneben liegen“, so W. Überhaupt habe er zu vielen Gefangenen ein gutes Verhältnis aufgebaut. „Freundschaften gab es aber nicht, diese Distanz musste man schon wahren.“ Aber gerade mit den Häftlingen, die im Haus arbeiteten, habe er immer wieder gute Gespräche geführt. „Ich konnte vielen auch deutlich machen, dass sie ihre Chance nutzen müssen, wenn sie wieder in Freiheit sind. Und die meisten kamen auch nie wieder.“

Nur die wenigsten konnten arbeiten

Doch einige landeten immer wieder in der Mainzer JVA, weil sie sich draußen nicht zurechtfanden. W. sagt: „Ich erinnere mich an einen Häftling, der über Jahrzehnte ständig wieder einsitzen musste und dann immer in der Küche arbeitete. Im Gefängnis hatte er seine überschaubare Welt, war ein sehr zuverlässiger Arbeiter. Aber draußen hatte er keine Chance.“

Ein weiteres Problem war: Die meisten Gefangenen konnten gar nicht nebenbei arbeiten, denn dazu gab es im kleinen Mainzer Gefängnis nicht genügend Möglichkeiten. „Von den etwa 260 Häftlingen haben vielleicht 60 gearbeitet. Der Rest saß eben den ganzen Tag in der Zelle“, sagt W. Und wer nicht arbeiten konnte, hatte es auch schwerer, sich zu resozialisieren. „Einige konnten immerhin in Zellenarbeit Gewürzdosen für die frühere Moguntia-Mühle verpacken.“

Zudem hatten viele Gefangene keine Ablenkung in den Zellen. „Dieses ständige Nichtstun hat für zusätzliche Frustration gesorgt. Es gab viele Schlägereien und leider auch Suizide“, sagt W. „So etwas kann man nicht so leicht abschütteln, man nimmt es mit nach Hause.“ Mit der Einführung der Radio- und später der TV-Geräte sei „spürbare Ruhe eingekehrt“.

Ein erfolgreicher Fluchtversuch

Auch Fluchtversuche habe es gegeben. „Vor meiner Zeit, etwa in den 80ern, war sogar einer erfolgreich“, sagt W. Bei Reinigungsarbeiten im Büro konnte einer der Hausarbeiter ein Schloss am Fenster knacken. Wie im Actionfilm seilte er sich dann mit einem Schlauch an der Gefängnismauer ab – und war weg. „Die im Finanzministerium haben offenbar gedacht, dass da wieder ein Film gedreht wird, deshalb hat niemand die Polizei gerufen.“ Unter anderem wurde die Serie „Ein Fall für zwei“ in der JVA Mainz gedreht. Später in W’s Zeit habe ein anderer Häftling ein etwa 80 Zentimeter tiefes Loch durch seine Zellenwand gebohrt. Nur dank einer Zufallskontrolle konnte seine Flucht verhindert werden.

Eine weitere Fluchtmöglichkeit wurde dagegen nicht genutzt: Direkt an die hohe Gefängnismauer mit Stacheldraht grenzte der Balkon einer normalen Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße an. „Wer es über den Stacheldraht geschafft hätte, hätte über den Balkon flüchten können“, sagt W. Von da aus konnten die Bewohner auch direkt in den Gefängnishof schauen. „Das kam aber nicht besonders oft vor.“

Friedensaktivist saß drei Mal im Mainzer Gefängnis

Hermann Theisen (heute 57) saß Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre gleich drei Mal im Mainzer Gefängnis. Damals war er Mitte 20 und in der Friedensbewegung aktiv. Bei einer Demo an der US-Militärbasis im Hunsrück im Mai 1988 beteiligte sich Theisen zum ersten Mal an einer Sitzblockade. „Gewalt war aber nie ein Thema“, sagt er. Weil er sich wie viele andere weigerte, aufzustehen und von zwei Polizisten abgeführt wurde, folgte ein Ermittlungsverfahren wegen Nötigung. 1989 wurde Theisen schließlich zu einer Geldstrafe verurteilt. Weil er diese nicht zahlen wollte und auch nichts zum Pfänden hatte, musste er stattdessen für 30 Tage ins Gefängnis. „Etwa 200 Demonstranten wurden damals auf verschiedene Gefängnisse verteilt, ich landete in Mainz.“

Und für Theisen begann die Haftzeit wie im Film: „Es hieß sofort: Zieh dich aus. Dann wurde man abgeduscht und musste die Knastkleidung anziehen.“ Außerdem wurde ein kleiner Koffer durchsucht, den er mitgebracht hatte. „Man hat da schon ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, einem Apparat ausgeliefert zu sein.“ Nur zweimal die Woche habe er im Gefängnis duschen können – gleichzeitig mit sechs bis acht anderen Häftlingen in offenen Kabinen. „Da lag dann ein Stapel mit weißen Feinrippunterhosen. Man schnappte sich eine und wusste auch gar nicht, ob es die richtige Größe ist.“ Auch über die Unterwäsche musste er immer das gleiche anziehen: „Ein Blaumann war die Knastkleidung, dazu dicke Wollsocken und schwarze Arbeitsschuhe – im Hochsommer.“

Softporno anschauen mit 30 Männern

Einmal in der Woche gab es eine „Fernsehstunde“ im Mainzer Gefängnis. Das hieß: 30 Männer wurden zusammen in einen Raum gesperrt und rauchten Zigaretten. „Und dabei lief ein Softporno. Ich kann mich noch heute an einen der Filmtitel erinnern: ‘Nackte Liebe in heißem Sand’“, so Theisen.

Die Mitgefangenen hat er nicht als besonders aggressiv in Erinnerung. „Im Gegenteil: Die meisten haben lethargisch auf das Ende ihrer Haftzeit gewartet.“ Der Grund dafür sei wohl gewesen, dass fast alle Häftlinge nur kurz in Mainz inhaftiert waren. Seine Haftzeit konnte Theisen durchaus produktiv nutzen: „Ich habe die meiste Zeit gelesen und an meinen Hausarbeiten für die Uni gearbeitet.“ Nach der Haftzeit schrieb er sogar seine Diplomarbeit über die Sozialarbeit im Strafvollzug.

Theisen war noch zwei Mal im Mainzer Gefängnis

Theisen war auch nach dem Ende seiner ersten Haftzeit politisch aktiv. Nach einer Sitzblockade vor einem Atomwaffenlager auf der schwäbischen Alb musste er im Winter 1990/91 ein weiteres Mal in die Mainzer JVA, diesmal allerdings nur sechs Tage lang. „Im Sommer war es im Gefängnis sehr heiß gewesen, im Winter extrem kalt – und man hatte jeweils die gleichen Klamotten an.“

Wiederum nur wenige Monate später, im Frühjahr 1991, ging es für Theisen zum dritten Mal ins Mainzer Gefängnis – weil er mit Flugblättern angeblich zu Straftaten aufgefordert hatte. Wieder musste er in die JVA, weil er sich weigerte, die Geldstrafe zu zahlen, und in seiner Studentenwohnung keine pfändbaren Sachen hatte. Ein Gerichtsvollzieher vollstreckte den Haftbefehl. Dabei kam es zu einer menschlichen Geste: Theisen wusste noch von seinen vorherigen Knastaufenthalten, dass er einen Tauchsieder mit in die Zelle nehmen durfte, um sich heißes Wasser für Tee und Kaffee zu machen. Doch er hatte keinen mehr zu Hause, den er mitnehmen konnte. „Der Gerichtsvollzieher sagte dann: ‘Ich müsste zu Hause noch einen haben.’ Er fuhr uns erst zu sich, holte den Tauchsieder und brachte mich dann ins Gefängnis. Das war eine sehr nette Geste.“

Dritte Haftzeit endet abrupt

Theisens dritter Gefängnisaufenthalt endete schon nach zwei Tagen. Nachdem er Briefe an den grünen Landtagsabgeordneten Michael Henke und das Komitee für Grundrechte und Demokratie geschrieben hatte, kam am nächsten Tag ein Oberstaatsanwalt zu ihm ins Gefängnis: „Herr Theisen, ich bin gekommen, um Ihnen mitteilen, dass die Erzwingungshaft aufgehoben wird und von Amtswegen ein Gnadenverfahren eingeleitet wird.“ Doch warum? Theisen sagt: „Die Rechtsprechung hatte sich mittlerweile geändert. Was uns vorgeworfen wurde, war nicht mehr strafbar.“ Theisen bekam eine Haftentschädigung von 40 Mark – und später noch 600 Euro für seine erste Zeit im Mainzer Gefängnis.

Die Gefängnisaufenthalte in der Mainzer JVA brachten ihn keineswegs von seinem politischen Engagement ab: Bis heute ist Theisen, der seit 25 Jahren im Sozialdienst in einem Krankenhaus arbeitet, in der Friedensbewegung aktiv. „Seitdem gab es immer wieder Strafverfahren, manchmal habe ich auch Geldstrafen bezahlt oder die Strafen abgearbeitet. Im Gefängnis saß ich aber nie wieder.“

Und ab 2002 hätte er auch zumindest in Mainz gar nicht mehr sitzen können. Denn in diesem Jahr war Schluss für die JVA Mainz. Schon in den Jahren zuvor entstand auf der grünen Wiese bei Wöllstein die Justizvollzugsanstalt Rohrbach. Gundi Bäßler arbeitete von 2001 bis 2002 in der Mainzer JVA und war dort in einem Team für die Abwicklung des Gefängnisses zuständig. Seit 2015 leitet sie die JVA Frankenthal. „Wir haben damals ab 2001 den Umzug nach Rohrbach vorbereitet – das war ein großer organisatorischer Aufwand“, sagt sie gegenüber Merkurist. Zunächst wurde im Jahr 2002 die JVA Kaiserslautern geschlossen und die Häftlinge nach Mainz versetzt, noch im November folgte dann der endgültige Umzug nach Wöllstein.

Nicht mehr zu renovieren

Vor dem Umzug gab es in Wöllstein schon erste Trockenübungen ohne Gefangene. „Innerhalb eines Tages wurden dann alle Häftlinge von Mainz nach Wöllstein verlegt“, so Bäßler. Das Mainzer Gefängnis habe nicht mehr den modernen Anforderungen entsprochen. „Es war ein richtig altes Gebäude mit maroder Bausubstanz und schlecht abgesicherter Elektrizität. Das war nicht mehr zu renovieren.“

Vorteil waren allerdings die kurzen Wege. „Was viele nicht wissen: Zum Gerichtsgebäude gab es sogar einen direkten Durchgang im ersten Stock“, sagt der Justizvollzugsbeamte W. Die Gefangenen konnten also beispielsweise direkt dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden.

Als dann 2002 der Gefängnisbetrieb in Mainz vorbei war, passierte zunächst lange nichts. Erst ab 2009 wurde das ehemalige Gefängnis saniert und in ein modernes Verwaltungsgebäude verwandelt. Die denkmalgeschützten Fassaden aus Sandstein blieben weitestgehend erhalten. Auch eine historische Haftzelle ist noch heute im Isenburg-Karree zu sehen. In den Büros arbeiten jetzt der Landtagspräsident und die Landtagsverwaltung von Rheinland-Pfalz. Für Hans-Peter W. eine gute Entwicklung. „Wir waren damals alle froh, als die Mainzer JVA geschlossen wurde. Ein Gefängnis gehört einfach nicht mitten in die Stadt.“

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