Corona-Infizierte: „Einige unserer Freunde hatten richtig Angst“

Italienreise, Krankheitssymptome und schwierige Behördengänge: Wie fühlt man sich als Corona-Infizierter? Ein Mainzer Paar erzählt.

Corona-Infizierte: „Einige unserer Freunde hatten richtig Angst“

Als Ende Februar in Mainz noch Fastnacht gefeiert wurde, fuhren Gregor* (35) und Amalia* (27) nach Florenz in den Urlaub. Corona war da schon Thema, aber in einem ganz anderen Ausmaß. „Norditalien galt als Risikogebiet, vor allem Südtirol. Aber der Rest Italiens nicht“, erzählt Gregor im Video-Interview. Er sitzt neben Amalia, die seit Sonntag offiziell weiß, dass sie infiziert ist. Und damit Gregor wohl auch.

Passiert ist es offenbar bei der Italien-Reise (22. bis 26. Februar) des Paars. Weil es in Florenz zu diesem Zeitpunkt schon einen bestätigten Fall gab und auch manche Passanten mit Mundschutz durch die Stadt liefen, hielten sich sie beiden von öffentlichen Plätzen fern. „Wir waren weder feiern noch unter vielen Menschen, deshalb vermuten wir, dass es im Zug passiert ist“, so Gregor. Ihre Bahn Richtung Rom sei aus dem norditalienischen Risikogebiet gekommen. Offenbar war ein Zugbegleiter der Überträger, vermuten die beiden im Nachhinein.

Geruchssinn immer noch nicht zurück

Doch bis zu Gregors ersten Symptomen sollten noch ein paar Tage vergehen. Am folgenden Freitag ging er ins Fitnessstudio, der Muskelkater danach sei ungewöhnlich heftig gewesen. „Irgendwann haben meine Augenhöhlen genauso wehgetan, da war klar: Das ist kein Muskelkater.“ Außerdem habe er sich kränklich gefühlt, leichtes Fieber und Schüttelfrost bekommen. „Und ich hatte so eine ungewöhnliche Abgeschlagenheit, anders als bei einer Erkältung.“ Dennoch: Die Symptome waren eher verhalten – und auch nach wenigen Tagen wieder weg.

Bei Amalia fing alles später an, am 6. März kamen die ersten Symptome. „Ich habe mich sehr abgeschlagen gefühlt, hatte auch Gliederschmerzen und leichtes Fieber, nach und nach kamen Kopfweh und Augenschmerzen dazu.“ Die Symptome seien schnell wieder verschwunden, doch es kamen andere hinzu. „Ab dem 9. März hatte ich einen heftigen Schnupfen, der aber auch wieder verschwand.“ Vier Tage später war Amalias Geruchssinn plötzlich komplett weg – bis heute.

Corona-Test mit Umwegen

Jetzt waren sie sicher: Es muss Covid-19 sein. Denn immer mehr Betroffene hatten von ausgefallenem Geruchs- und Geschmackssinn als Symptom berichtet. Am 13. März rief Amalia die Mainzer Corona-Hotline an – und hing erst einmal 70 Minuten in der Leitung. Als schließlich eine Mitarbeiterin ranging, erzählte Amalia ihr von ihren Symptomen, der Italienreise und dass sie vermutlich schon drei Leute angesteckt habe. Die Reaktion: „Die Mitarbeiterin sagte mir, dass es nicht nötig sei, mich testen zu lassen. Florenz sei kein Risikogebiet und rein rechnerisch müssten die Symptome schon längt vorbei sein – doch das waren sie ja nicht.“

Damit wollte sich Amalia nicht zufriedengeben. Die studierte Mikrobiologin rief bei ihrer Hausärztin an, die ihr eine Überweisung für das Diagnostiklabor in Ingelheim schrieb. Doch einen Termin bekam Amalia erst eine Woche später, am 20. März. „Die Frage war dann: Sind die Viren in einer Woche noch nachweisbar?“ Deshalb machte Amalia selbst einen Abstrich im Rachen und lagerte die Probe im Gefrierfach ein.

Trauerrede vom Band

Bis zum Termin vermied sie den Kontakt zu anderen und ging auch nicht zur Beerdigung ihres Onkels, wo sie die Trauerrede halten sollte. „Da waren einfach zu viele ältere Menschen.“ Die Rede nahm Amalia auf, bei der Trauerfeier wurde sie vom Band abgespielt.

Am 20. März fuhren Amalia und Gregor in Ingelheim mit dem Auto vor, um die Probe abzugeben. „Da wird eine Laufnummer gezogen und man geht in einen Container, wenn man aufgerufen wird“, erzählt Amalia. Im Container entnahm ihr eine Frau in Schutzmontur und mit Helm noch eine zweite Probe. „Es wurden auch beide Proben getestet, das fand ich sehr kooperativ“, sagt Amalia.

Sonntagmorgens sei dann der Anruf vom Gesundheitsamt gekommen. „Sie sind positiv.“ Eine Nachricht, die Amalia nicht mehr überraschte. „Es hat mich eher beruhigt, dass ich mir das nicht eingebildet habe.“ Danach musste sie 20 Personen angeben, mit denen sie in den vergangenen Wochen in Kontakt war. Darunter natürlich auch Gregor. Der sagt: „Obwohl bei mir die Symptome schon seit zwei Wochen vorbei sind, muss ich jetzt 14 Tage in Quarantäne.“

„Einige von ihnen hatten richtig Angst“

Andere Kontakte, die Amalia anrief, wurden von der Neuigkeit überrascht. „Es gab sehr unterschiedliche Reaktionen. Leute, mit denen ich nur kurzen Kontakt hatte, waren alle symptomfrei und fanden es gut, informiert zu werden“, sagt sie. Ein schlechtes Gewissen habe sie aber bei engen Freunden gehabt, die bereits Symptome zeigten. „Einige von ihnen hatten richtig Angst.“ In dieser Woche wird auch Gregor noch eine Probe abgeben, um Gewissheit zu haben, ob er noch infektiös ist.

Was die beiden im Nachhinein stört, ist das Verhalten der Behörden. „Es wurde so getan, als sei Florenz kein Risikogebiet. Dabei fuhren zum damaligen Zeitpunkt noch Züge aus Norditalien durch die Stadt.“ Dass die beiden nicht zur Beerdigung von Amalias Onkel gingen, sei letztlich eine intuitive Entscheidung gewesen. Amalia: „Hätten wir das gemacht, wäre das sicher böse ausgegangen.“ (df)

*Namen geändert

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