MVG-Chefin gibt zu: Ticketkauf in Mainz war mir selbst schon zu kompliziert

Was denkt MVG-Geschäftsführerin Berit Schmitz über das 49-Euro-Ticket? Und Warum hält sie einen kostenlosen ÖPNV für nicht erstrebenswert? Darüber haben wir mit ihr im zweiten Teil unseres Merkurist-Interviews gesprochen.

MVG-Chefin gibt zu: Ticketkauf in Mainz war mir selbst schon zu kompliziert

Berit Schmitz, geboren in Aachen, aufgewachsen in Düsseldorf, bildet seit Oktober 2021 gemeinsam mit Jochen Erlhof das Geschäftsführer-Duo bei der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG). Zuvor arbeitete Schmitz rund 15 Jahre lang in verschiedenen Funktionen am Flughafen Hannover.

Im ersten Teil des Merkurist-Interviews sprach Schmitz mit uns über den Hacker-Angriff im vergangenen Sommer und über Preiserhöhungen im ÖPNV. In Teil zwei geht es unter anderem um neue Straßenbahnverbindungen in Mainz, das 49-Euro-Ticket und wie Berit Schmitz selbst erlebte, dass der Ticketkauf noch zu kompliziert ist.

Frau Schmitz, das 9-Euro-Ticket hat im Sommer für Schlagzeilen gesorgt. Konnte die Mainzer Verkehrsgesellschaft dem Ansturm gerecht werden?

Wie viele Tickets wir exakt verkauft haben, können wir leider aufgrund des Hacker-Angriffs nicht beziffern. Aus den Zahlen, die wir noch sammeln konnten, lässt sich aber sagen, dass wir wohl ungefähr die Werte wie andere Verkehrsbetriebe in vergleichbaren Städten hatten. Und ja: Wir konnten das höhere Fahrgastaufkommen bewältigen.

In den Monaten vor dem 9-Euro-Ticket lagen die Fahrgastzahlen immer noch rund 20 bis 25 Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau. Was wir nach Gesprächen mit unserem Fahrpersonal und aus Auswertungen erfahren haben, deutet darauf hin, dass wir zu Zeiten des 9-Euro-Tickets wieder ungefähr die alten Fahrgastzahlen hatten. Das zusätzliche Aufkommen war aber nicht zwingend nur zu den Stoßzeiten bemerkbar, wenn die klassischen ÖPNV-Kunden unterwegs sind, sondern auch zu eher untypischen Zeiten wie am Vormittag.

Glauben Sie, dass das nun geplante 49-Euro-Ticket immer noch viele Menschen anspricht, oder ist dieser Preis am Ende zu teuer für viele Menschen?

Das 9-Euro-Ticket war in erster Linie ein Entlastungspaket, auch wenn es den angenehmen Nebeneffekt für uns als ÖPNV-Betreiber hatte, dass wir wieder mehr Fahrgäste begrüßen konnten. Es war aus meiner Sicht immer klar, dass das 9-Euro-Ticket keine dauerhafte Option ist. Man kann als Verkehrsbetrieb nicht alle verfügbaren Mittel in Preissenkungen stecken, sondern muss auch ein verbessertes Angebot schaffen. Denn nur wegen des 9-Euro-Tickets für drei Monate hat bisher niemand sein Auto abgeschafft.

Wir wissen, dass knapp 8 bis 10 Prozent der Ticket-Nutzer in den drei Monaten des 9-Euro-Tickets täglich auf mindestens eine Autofahrt verzichtet haben. Mit der Nachfolgeregelung können sowohl wir als auch die Kunden langfristiger denken und das könnte tatsächlich einen nachhaltigen Effekt nach sich ziehen.

Könnte das neue 49-Euro-Ticket nun wirklich die Chance sein, mehr Menschen dauerhaft vom ÖPNV zu überzeugen, sodass sie auf das Auto verzichten?

Bis vor kurzer Zeit war ich persönlich der Auffassung, wir müssen mehr Geld in unser Angebot investieren und weniger Geld in Preissenkungen. Also lieber erhöhte Frequenzen und gute Takte statt günstigerer Tickets. Diese Meinung hat sich bei mir allerdings durch das 9-Euro-Ticket ein bisschen verändert.

In welche Richtung?

Ich bin weiterhin absolut überzeugt, dass wir die Klimakrise nur über eine Verkehrswende meistern können. Und dafür haben wir nicht mehr viel Zeit – in den nächsten zehn Jahren müssen wir das hinbekommen. Dazu müssen wir den heute noch überzeugten Autofahrern ein noch besseres Angebot machen. Inzwischen denke ich aber, wenn wir so eine substanzielle Veränderung vornehmen wollen und den motorisierten Individualverkehr verringern wollen, dann müssen wir zusätzlich einfach über den Preis gehen.

Ich bin überzeugt, dass das 49-Euro-Ticket den ÖPNV ein Stück weit revolutionieren wird. Denn es wird Strukturen in Frage stellen, zum Beispiel die Tarifsysteme. Und was der Sommer gezeigt hat: Die maximale Einfachheit des bundesweiten Tickets kommt an. Ich kaufe das Ticket in Berlin, Düsseldorf oder Mainz und steige einfach ein – egal wo in Deutschland. Diese Vereinfachung war aber auch dringend notwendig, das habe ich am eigenen Leib erfahren.

Inwiefern?

Ich habe erst seit wenigen Monaten ein Auto in Mainz, weil ich es vorher nicht wollte. Mir war es wichtig, den ÖPNV hier zu nutzen und mein eigenes Produkt kennenzulernen. Als ich dann eine Bekannte in Frankfurt besuchen wollte und das Ticket dorthin in Verbindung mit der Mainzer Monatskarte kaufen wollte, war mir das einfach zu kompliziert. Daher habe ich mehr Geld als notwendig ausgegeben. Von daher ist es wichtig, dass wir an der Vereinfachung der Tarifstruktur arbeiten und das werden wir nun über ein bundesweit einheitliches Ticket bekommen.

Halten sie es für möglich, dass der ÖPNV eines Tages für die Fahrgäste sogar komplett kostenlos wird?

Sagen wir es mal so: Wenn Sie mich vor einem Jahr gefragt hätten, ob ich ein 9-Euro-Ticket für realistisch halte, dann hätte ich nein gesagt (lacht). Ich halte einen kostenlosen ÖPNV für nicht erstrebenswert.

Warum nicht?

Ich glaube, dass die Bürgerinnen und Bürger bereit sind, für eine Leistung zu zahlen. Man sagt ja auch oft: Nur was etwas kostet, ist auch etwas wert.

So ähnlich hat es der ehemalige Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling auch gesagt…

Nein, da haben wir uns nicht abgestimmt (lacht). Aber es ist ja etwas dran an der Aussage. Man müsste es mal durchrechnen, aber meiner Meinung nach käme als nächstes eher eine Forderung wie das 365-Euro-Ticket für alle in Betracht. Ein Top-Angebot zum Mini-Preis ist aus meiner Sicht nicht realistisch.

Das Mainzer Straßenbahnnetz soll in den kommenden Jahren stark ausgebaut werden: Drei konkrete Projekte sind dabei in Planung. Als erstes soll der Münsterplatz über die Binger Straße direkt mit dem Hauptbahnhof West verbunden werden. Wie ist hier der Stand?

Hier sind wir schon relativ weit vorangekommen: Derzeit sind wir gemeinsam mit der Stadt mitten in der Entwurfsplanung. Wir werden das Ganze nun verschiedenen Ansprechpartnern im Mainzer Stadtrat vorstellen und planen dann, zur Jahreswende ins Planfeststellungsverfahren zu gehen. Wenn alles wie geplant läuft, soll die Verbindung ab 2024 gebaut werden und dann Ende 2025 in Betrieb genommen werden.

Ein mittelfristiges Projekt ist der Innenstadtring, eine Straßenbahnlinie über das Höfchen bis hin in die Neustadt. Wie ist der Stand?

Hier sind wir noch mitten in der Bürgerbeteiligung und der Vorplanung, es geht also noch um konkrete Ideen. Klar ist eigentlich schon, dass die Linie über den Schillerplatz und die Ludwigsstraße und über das Höfchen gehen soll. Danach gibt es drei Variantenideen: eine über die Rheinallee, eine über die Wallaustraße und eine über die Hindenburgstraße – alle in Richtung der nördlichen Neustadt, also Bismarckplatz oder unser Depot.

Wir haben im März eine Bürgerbeteiligung gestartet, damit wir so transparent wie möglich planen und viele Aspekte berücksichtigen können. Die Stadt und wir arbeiten nun erstmal unsere Hausaufgaben ab, die wir aus den Gesprächen in diesem Jahr mitgenommen haben. Im Frühjahr geht die Beteiligung dann mit dem Interessensbeirat, der sich aus der Bürgerbeteiligung gebildet hat, weiter.

Und wann könnte die neue Strecke realistischerweise befahren werden?

Derzeit gehen wir davon aus, dass die Planfeststellung 2025 oder 2026 angegangen wird. Bis die erste Bahn rollt, dürfte es aber noch dauern. Ich denke, wir reden hier circa über das Jahr 2030.

Und wie ist der Stand bei der neuen Straßenbahnlinie, die das neue Wohngebiet im Heiligkreuzviertel mit dem Straßenbahnnetz verbinden soll?

Auch hier gehen wir davon aus, dass die ersten Bahnen etwa um das Jahresende 2030 herum fahren könnten. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden wir auch mit der Bürgerbeteiligung für das Heiligkreuzviertel beginnen. Wenn wir die drei Projekte umgesetzt haben, werden wir die Hälfte unserer Fahrgäste mit Bahnen transportieren.

Das neue Wohngebiet wächst aber weiter und bis 2030 dauert es noch. Wie soll der ÖPNV dort also in der Zwischenzeit gestärkt werden?

In der Zwischenzeit müssen wir den Verkehr dort weiterhin über Busse abwickeln.

Bedeutet das, es wird neue Linien geben?

Derzeit schwer zu sagen, vielleicht bleibt es bei den gleichen Linien. In jedem Fall müssen wir aber die Frequenz vor Ort erhöhen, wenn der Bedarf deutlich steigen wird.

Vielen Dank für das Gespräch, Berit Schmitz.

Logo