Wird Mainz die Frischluft abgedreht?

Das Gelände des ehemaligen Autohauses Sommer an der Unteren Zahlbacher Straße ist seit zwei Jahren verkauft. Entstehen sollen dort Büro- und Wohngebäude. Doch baut die Stadt Mainz damit eine Frischluftschneise zu?

Wird Mainz die Frischluft abgedreht?

Ist die Frischluftzufuhr der Stadt Mainz gefährdet? Diese Frage stellten sich einige, als Merkurist vor einigen Wochen über die Bebauung des Ostfeldes in Wiesbaden berichtete. Doch auch ein weiteres Bauprojekt schürt Befürchtungen: die Bebauung an der Unteren Zahlbacher Straße. Dazu fragt Merkurist-Leser Leonard: „In der Stadt wird es immer heißer, warum soll die Frischluftschneise an der Unteren Zahlbacher Straße zugebaut werden?“

Das Grundstück, auf das Leonard anspielt, ist das Gelände des ehemaligen Autohauses Sommer. Im Jahr 2017 wurde es an die wiwi Immo KG verkauft, nun sollen dort Büro- und Wohngebäude entstehen. Von den vielen Interessierten habe ich mir nicht den ausgesucht, der am höchsten geboten hat - sondern den, der das beste Konzept hatte“, sagte der damalige Besitzer des Grundstücks, Willi Sommer. Für ihn war das Matthias Willenbacher von der wiwin GmbH, der das Grundstück an die Immobiliengesellschaft vermittelte. Willenbacher würde gerne die alten Gebäude des Autohauses abreißen und dort ein Plusenergiehaus bauen lassen. „Im Erdgeschoss sind auf 500 Quadratmetern wiwin-Büros mit einer eigenen Küche und Meetingräumen von rund 200 Quadratmetern geplant, in den darüber liegenden Stockwerken sollen dann Wohnungen entstehen. „Denn in Mainz mangelt es an Wohnraum und wir wollen das Grundstück so effizienter nutzen.“

„Durchbrochene Baufluchten“ sind geplant

Bevor diese Idee umgesetzt werden kann, musste aber zunächst ein Bebauungsplan erstellt werden. Wie die Stadt Mainz auf Anfrage von Merkurist mitteilt, wird ein Satzungsbeschluss für den Plan „O 69“ für Ende September erwartet. „Der Plan wird wahrscheinlich Mitte November 2019 rechtskräftig sein.“ Danach sei eine Bebauung möglich. Laut Charlotte Bieger, Sprecherin der wiwin GmbH, wird das Autohaus voraussichtlich im Herbst abgerissen, die Bauarbeiten sollen im Frühjahr 2020 beginnen. Auf insgesamt 900 Quadratmetern entstehen dann Büros und Wohnungen, von denen zehn Prozent sozial gefördert werden sollen. Das Gebäude soll außerdem gastronomisch genutzt werden.

Doch was bedeutet die Bebauung für die Frischluftzufuhr der Stadt? Die Verwaltung sieht keine Gefahr, denn: „Im Rahmen des Bauleitverfahrens wurde ein Klimagutachten erstellt. Dieses ist Bestandteil der Begründung zum Bebauungsplan. Die ortsspezifischen klimaökologischen Funktionsabläufe wurden in diesem Gutachten analysiert und eine Bebauung nach den Vorgaben des Bebauungsplans wurde freigegeben“, sagt Stadtsprecher Marc André Glöckner. Laut dem Klimagutachten aus dem Jahr 2018 gibt es auch mit Bebauung „keine markante Schwächung der bioklimatisch bedeutsamen nächtlichen Abkühlung“ an dieser Stelle. Auch die Kaltluftströmung entlang des Zahlbachtals wird laut Gutachten nicht geschwächt. Um das auch weiterhin zu gewährleisten, seien „durchbrochene Baufluchten entlang der Unteren Zahlbacher Straße“ geplant, so Glöckner.

Frischluftversorgung durch Ventilationsbahnen

Gesichert werde die Frischluftversorgung der Stadt aber auch an anderen Stellen durch sogenannte Ventilationsbahnen, so Glöckner. Der Verlauf dieser Bahnen ist unter anderem im Klimaökologischen Begleitplan und im Landschaftsplan der Stadt einsehbar. In Letzterem heißt es: „Die Ventilationsbahnen sind im westlichen Stadtgebiet zum Teil von der Oberterrasse bis zur Niederterrasse fingerförmig ausgebildet. Hierdurch kann bei nächtlicher Westanströmung produzierte Frisch-/Kaltluft in die bebauten Bereiche des Stadtzentrums einströmen.“ Im Norden kommt diese Frischluft über das Gonsbach- und das Kisseltal, im Westen aus dem Königsborn- und dem Aubachtal sowie dem Draiser Tal, der Draiser Senke und Bretzenheim-West. Aus Südwesten strömt die Luft vom Wildgraben und Hechtsheim-West in die Stadt. Im Süden sorgen Franzosendell- und Kesseltal für frische Luft.

Eine Bebauung dieser Schneisen ist laut Stadt aber in naher Zukunft nicht geplant. Glöckner sagt: „Eine Freihaltung von Bebauung ist erklärtes Ziel der Stadt Mainz, wird allerdings in jedem Einzelfall einer gesonderten Prüfung unterzogen und abgewogen.“ (pk)

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