„Desolater Zustand“: Elternschaft bemängelt Kita-Planungen in Mainz

Sieben neue „Baukasten-Kitas“ sind in der Stadt Mainz geplant. Sie sollten schnell fertiggestellt sein, um den dringenden Betreuungsbedarf zu decken. Doch die Bauten verzögern sich um Jahre. Nun gehen die Eltern auf die Barrikaden.

„Desolater Zustand“: Elternschaft bemängelt Kita-Planungen in Mainz

158 neue Kita-Plätze inklusive großem Außenbereich und moderner Wärmepumpe sollen in Bretzenheim, ganz in der Nähe der Römersteine, entstehen. „Wir brauchen mehr Kitas, und das ganz schnell“, sagte der Mainzer Oberbürgermeister (OB) Michael Ebling (SPD) beim Spatenstich mit Kultur- und Baudezernentin Marianne Grosse (SPD), Sozialdezernent Eckart Lensch und Ortsvorsteherin Claudia Siebner (CDU). Der war im Juni 2019. Abgerissen wurde das alte Gebäude der Kita Zahlbach in der Bretzenheimer Straße bereits ein Jahr vorher. Im September 2020 sollte die neue und eine der größten Mainzer Kitas fertig gestellt werden.

Doch die Kinder sind bis heute in einem Container am Fort Hauptstein untergebracht, in der Nähe des Taubertsbergbads. Genau ein Jahr später, im Juli 2020, verkündete Herbert Schneider von der Gebäudewirtschaft Mainz, er rechne damit, dass die neue Kita Ende des Jahres oder Anfang 2021 bezogen werden kann. Nun heißt es, die Fertigstellung der Kita Zahlbach verzögere sich bis August 2022 - um zwei Jahre also. „Mangelhafte Planungsleistung eines externen Büros“ sind laut der Stadt Mainz der Grund.

Alle Kita-Bauten verzögern sich

Die Kita Zahlbach in Bretzenheim ist eine von sieben neuen „Baukasten-Kitas“ in verschiedenen Mainzer Stadtteilen, die bis 2022 fertiggestellt werden sollten. Bei den anderen Bauprojekten sieht es ähnlich aus: Die Kita Weisenau soll, statt im Dezember, erst im August 2022 fertigstellt sein, die Kita Bretzenheim im Oktober nächsten Jahres (ursprünglich: Februar). Auch die Bauarbeiten an der Kita Zagrebplatz in Hechtsheim verzögern sich um zehn, die in Ebersheim um vier Monate. Im Jahr 2023 und 2024 sollen dann die Kitas MinniMax (Laubenheim) und Bruchspitze (Gonsenheim) fertiggestellt sein.

Die Kinder sind zwischenzeitlich alle in Containern untergebracht, in Zahlbach bereits im vierten Jahr. „Wir sind traurig und enttäuscht“, heißt es in einem aktuellen Schreiben des Elternausschusses der Kita Zahlbach an die Stadt Mainz. „Wir warten weiter auf den erhofften Umzug in den Neubau.“ Das Problem dabei seien die schlechten Bedingungen im Provisorium. Eigentlich verfolge die Kita ein teiloffenes Konzept mit Themenräumen, die Kinder können sich also in den Gruppenräumen frei bewegen. Zu Pandemiezeiten und Gruppentrennung waren die Gruppen jeweils in zwei engen Container „eingeschlossen“.

„Die hygienischen Bedingungen im Provisorium sind desolat“ - aus einem Schreiben des Elternausschusses

Die hygienischen Bedingungen seien „desolat“. So gebe es zum Beispiel neben den Wickeltischen im Krippenbereich keine Waschbecken. Im Sommer sei es unerträglich heiß, auf dem Außengelände gebe es kaum schattige Plätze. Sonnenschirme hätten die Eltern gespendet, doch viele seien nach drei Jahren kaputt. Im Winter sei die Luft stickig, der Boden eiskalt.

Sechs Toiletten für 110 Kinder

„Die Gruppenräume sind sehr beengt, es gibt keine Räumlichkeiten zum Ausweichen, die Räume sind trotz eindeutiger Studienlage nicht mit Raumluftreinigern ausgestattet und sieben Gruppen mit rund 110 Kindern teilen sich lediglich zwei Bäder mit je drei Toiletten“, schrieben die Eltern vor einigen Wochen an OB Michael Ebling.

Während es am Provisorium kaum Spielmöglichkeiten im Freien gebe, sei das Außengelände des Neubaus bereits fertig, inklusive Spielgeräten und Wegen. „Regelmäßig stehen unsere Kinder am Zaun der neuen Kita und fragen, wann sie endlich dort spielen dürfen.“ Ihre Geduld sei am Ende. Die Bauverzögerungen und „dieses Vorgehen ist für uns nicht nachvollziehbar“.

„Ihren Unmut über die immer wieder auftretenden Verzögerungen kann ich sehr gut verstehen“, schrieb Ebling den Eltern zurück. „Etliche Faktoren“ hätten den Baufortschritt verzögert. Welche das konkret waren, ist bei der Stadt Mainz selbst zu erfahren: „Im Falle der Baukasten-Kita Zahlbach, die als Pilotprojekt für alle weiteren Baukasten-Kitas fungiert, war die Entscheidung zur Holzbauweise die große Herausforderung an das gesamte Planungsteam“, erklärt Pressesprecherin Ellen König auf Merkurist-Anfrage. „Es zeigte sich bereits in einem frühen Stadium, dass der Schwierigkeitsgrad wesentlich höher war als angenommen.“

Fehler externer Planungsbeteiligter als Ursache

Zudem seien die Arbeiten einzelner Planungsbeteiligten zu beanstanden gewesen, dem Planer der Gebäudetechnik sei daraufhin gekündigt worden. „Die gesamte Gebäudetechnik musste komplett neu geplant werden.“ Fast ein Jahr sei benötigt worden, bis die Planung der Kita Zahlbach erneut ausführungsreif vorlag. Infolgedessen konnten sich auch die bereits unter Vertrag stehenden Firmen nicht mehr an die vorgegebenen Fristen halten. „Die Folge davon war und ist ein nur noch schwer zu kalkulierender Bauablauf, weil die Stadt Mainz als öffentlicher Auftraggeber keinerlei Druckmittel den ausführenden Firmen gegenüber besitzt, um diese wieder in ein funktionierendes Zeitkonzept einzubinden“, so die Pressesprecherin. Hinzu kämen die „extremen Lieferschwierigkeiten“ und die gestiegenen Preise von Baumaterialien wie Holz, Stahl und Dämmmaterial.

Durch diese Verschiebungen beim Pilotprojekt der Kita Zahlbach würden sich auch die Bauten der anderen Kitas verzögern. „Aber letztendlich profitierten sie von der Neuerstellung der Planung“, so König.

Die Mängel in der Interims-Kita seien der Stadt nicht bekannt, die Bauausführung der Container sei von der Bauaufsicht und der Unfallkasse abgenommen worden. Bei Einzug seien sie sowohl von der Unfallkasse Rheinland-Pfalz, dem vorbeugenden Brandschutz, dem Gesundheitsamt als auch der Lebensmittelkontrolle überprüft worden. Zuständig für die Anlagen seien die Gebäudewirtschaft Mainz sowie der Eigentümer der Mietcontainer.

Auf mehrmaliger Nachfrage von Kita-Leitung und Eltern wurden in der ersten Woche nach den Ferien mobile Luftfiltergeräte für die Gruppenräume ausgeliefert, auch Sonnensegel seien nach Prüfung des Bedarfs und der Standmöglichkeiten „grundsätzlich möglich“.

Nachdem Elternvertreter und Kita-Leitung in einem weiteren Schreiben eine Begehung vor Ort gefordert hatten, stehe nun ein Termin an - gemeinsam mit dem Elternausschuss, der Verwaltung, dem Bau- und dem Sozialdezernat. Dann könne man „gemeinsam besprechen, welche der von der Elternschaft vorgebrachten Anregungen und Wünsche für die Zeit bis zum Umzug in das neue Kita-Gebäude umgesetzt werden können“.

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