Wo Mainz unüberwindbar ist

Brötchen kaufen, ein Restaurant besuchen oder schnell zum Gleis kommen: Jeden Tag stehen Menschen mit körperlichen Einschränkungen vor unüberwindbaren Hindernissen. Wie barrierefreundlich ist Mainz überhaupt und was wird dahingehend getan?

Wo Mainz unüberwindbar ist

Felix Meister hat es satt. Beim Bäcker führen Stufen in den Laden, am Bahnhof funktioniert mal wieder der Aufzug nicht. Als Rollstuhlfahrer wird ihm täglich vor Augen geführt, dass er Grenzen gesetzt bekommt, dass er ohne fremde Hilfe oft nicht weiterkommt oder eben akzeptieren muss, „dass manche Dinge schlicht und einfach nicht gehen“, so Meister. „In den letzten Jahren habe ich auf viele Aktivitäten verzichtet, weil ich körperlich nicht mehr dazu in der Lage war.“

Aufgewachsen ist Meister im rheinhessischen Stadecken-Elsheim, hat jahrelang in Bretzenheim und in der Mainzer Neustadt gewohnt. Doch im vergangenen Jahr war er gezwungen, die Stadt zu verlassen, „da wir in Mainz keine bezahlbare barrierefreie Wohnung gefunden haben“. Jetzt wohnt er in Bauschheim im Kreis Groß-Gerau. Meister leidet an einer Muskel-Erkrankung, die ihm allmählich die selbstständige Mobilität zu Fuß nimmt. Seit kurzem ist er daher auf den Rollstuhl angewiesen.

„An jeder Ecke gibt es Barrieren, die einem Rollstuhlfahrer im Alltag die Selbstständigkeit rauben“ – Felix Meister

„An jeder Ecke gibt es Barrieren, die einem Rollstuhlfahrer im Alltag die Selbstständigkeit rauben“, so Meister. Vor allem in den Vororten seien viele Geschäfte nicht barrierefrei zugänglich, sondern haben eine oder mehrere Treppenstufen – ob Bäckereien, Metzgereien oder Lokale. Als Rollstuhlfahrer muss Meister dort oft draußen bleiben. Gerade in Bretzenheim würden zudem noch manche alte Straßenbahnen fahren, die nur über Treppen zugänglich sind.

Viele Städte würden sich ein Beispiel an Mainz nehmen

In einem Merkurist-Interview vor einigen Jahren sagte Marita Boos-Waidosch, die damalige Behindertenbeauftragte der Stadt, dass Mainz zwar herausragend sei in Punkto Behindertenfreundlichkeit und „sich viele Städte ein Beispiel daran nehmen“. Die Bereitschaft der Geschäftsleute allerdings sei „miserabel“: So sei auch in der Innenstadt keine einzige Weinstube für Rollstühle zugänglich. Cafés und Kneipen, Metzgereien und Bäckereien hätten für Rolli-Fahrer unüberwindbare Stufen, Arztpraxen seien prinzipiell „eine Katastrophe“, sagte Boos-Waidosch damals.

Heute ist Bernd Quick Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Seine Aufgaben: Bürger, Firmen, Gewerbetreibende, Vereine und Institutionen über die besonderen Bedarfe von Menschen mit Behinderungen zu informieren und darauf zu achten, dass in Mainz die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt wird und vorankommt. Er ist bei Entscheidungen zu Inklusion und Barrierefreiheit involviert und erste Ansprechperson für betroffene Menschen.

Wie Quick sagt, wurde in den vergangenen Jahren einiges getan, um Einrichtungen der Stadt besser zugänglich zu machen, so etwa das Naturhistorische Museum oder die neuen Bürgerhäuser in Finthen und Gonsenheim: „Es gibt hier unter anderem Blindenleitsysteme und einen barrierefreien Zugang zu den Bühnen“, so Quick gegenüber Merkurist. Die Bahnhofsstraße und die Große Langgasse konnten ebenso barrierefrei gestaltet werden.

Auch im Tourismus und bei der Organisation von (Groß-)Veranstaltungen würden die Bedarfe von Menschen mit verschiedensten Behinderungsarten mitbedacht – vom Ticketverkauf bis zu den Zugangsmöglichkeiten. „Als vorbildlich ist hier der Mainzer Weihnachtsmarkt zu nennen.“ Bei den großen Neubaugebieten, etwa dem Heilig-Kreuz-Viertel, dem Zollhafen und dem Rodelberg, seien mindestens ein Viertel der neuen Wohneinheiten barrierefrei errichtet worden. „Dies ist das Doppelte von dem in der Landesbauordnung eingeforderten Wert“, so Quick.

Je weiter aus der Innenstadt heraus, desto schlechter wird es

Auch Meister sagt, dass vieles in Mainz barrierefreundlich und gut erreichbar sei. Aber: „Je weiter man aus der Innenstadt herausgeht, umso schlechter wird es.“ Am meisten ärgern ihn die „kleinen“ Barrieren. „Das lässt einen Rollstuhlfahrer verzweifelt zurück“, so Meister. „Gerade bei den Lokalen ist es ärgerlich, dass man nicht dort essen gehen kann, wo man will und es am besten schmeckt, sondern da, wo es barrierefrei ist.“

„Es muss endlich eine Lösung für die vielen Kopfsteinpflasterbereiche gefunden werden“ – Bernd Quick

Bernd Quick sieht vor allem in der Altstadt noch Nachholbedarf. „Es muss endlich eine Lösung für die vielen Kopfsteinpflasterbereiche gefunden werden, insbesondere auf der wichtigen Achse vom Leichhof über die Augustinerstraße bis zum Hopfengarten.“ Die Strecke vom Markt zum Bahnhof Römisches Theater sei „für Rollstuhlfahrende, aber auch für Menschen mit leichteren Mobilitätseinschränkungen eine Qual“. Auch in der Arbeitswelt gebe es noch viel zu wenig passende Angebote, so Quick.

Felix Meister würde sich besonders darüber freuen, wenn Einzelhändler und Gastronomen mehr für ihre barrierefreien Zugänge tun würden. „Meist ist es ja nur eine einzige Stufe, Dort könnte man perfekt mit mobilen Rampen diese Barriere nehmen und so mobilitätseingeschränkten Menschen den Zugang ermöglichen.“

Mobile Rampen für Geschäfte

Wie Bernd Quick sagt, sei das in der Praxis oft nicht einfach umzusetzen: Zwar konnten auf gemeinsame Initiative mit der Werbegemeinschaft Mainz, verschiedener Behindertenverbänden und der Stadtverwaltung 20 mobile Rampen für Geschäfte in der Altstadt angeschafft werden. Bisher hätten Kommunen prinzipiell bei Bestandsimmobilien aber nur dann die Möglichkeit zu handeln, wenn diese saniert würden oder sich die Nutzung ändere. „Bei einem ‘unverhältnismäßigen Mehraufwand’ beschränkt die Landesbauordnung hier aber auch wieder die Möglichkeiten, eine vollständige Barrierefreiheit einzufordern“, so Quick. Hingegen gelte bei Neubauten im privat-öffentlichen Bereich, dass sie grundsätzlich barrierefrei zugänglich und nutzbar sein müssen.

Um endlich wieder alles erreichen zu können, hat Felix Meister eine Kampagne gestartet. Sein Traum ist der „Scewo Bro“, mit dem es sogar möglich wäre, Treppenstufen zu überwinden. „Dann wäre ich nicht mehr komplett darauf angewiesen, dass Stadt, Einzelhandel und Gastronomen Zugänge barrierefrei gestalten.“ Er könne Cafés, Restaurants und Geschäfte betreten und erstmals Freunde besuchen, die nicht barrierefrei wohnen. Doch der elektrische Rollstuhl kostet 45.811 Euro, die er zum größten Teil selbst zahlen müsste. Die Krankenkassen würden maximal den Mindestsatz übernehmen. „Das ist eine stolze Summe, die ich nun versuche irgendwie zu stemmen, um endlich wieder am Leben teilnehmen zu können“, so Meister.

Wenn ihr Felix Meister bei seiner Kampagne unterstützen möchtet, könnt ihr hier für den Rollstuhl spenden.

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