Schlafen, Drogen, Rumhängen: So lebte Ali B. in Wiesbaden

Zum Auftakt des Prozesses im Fall Susanna ging es am Dienstagmorgen nicht nur um die Tat selbst. Auch der Lebensweg des Angeklagten und seine Zeit in Wiesbaden wurden genauer unter die Lupe genommen.

Schlafen, Drogen, Rumhängen: So lebte Ali B. in Wiesbaden

Bereits 2015 kam Ali B., der mutmaßliche Mörder der 14-jährigen Susanna F. aus Mainz, mit seiner Familie nach Deutschland. Nachdem er mit seinen Eltern, vier Brüdern und vier Schwestern zunächst in Berlin und Gießen lebte, zog es ihn nach Mainz, von wo aus es dann zur letzten Station in Deutschland ging, der Erbenheimer Flüchtlingsunterkunft im Kreuzberger Ring 38.

Es sind die persönlichen Angaben zu seinem Leben, seiner Flucht und seinem Alltag in Deutschland, die Richter Bonk beim Auftakt des Prozesses gegen den 22-jährigen Iraker interessieren. Man wolle sich ein Bild von dem jungen Mann machen, der im vergangenen Jahr Susanna F. vergewaltigt, getötet und anschließend in einem Erdloch vergraben haben soll. Leise und in kurzen Sätzen antwortet B. auf die vielen Fragen, die der Richter an ihn hat.

Widersprüchliche Angaben

Warum er mit seiner Familie vor vier Jahren nach Deutschland kam? „Da müssen Sie meine Mutter fragen, die weiß das besser als ich“, sagt B. „Geld“, sei eine mögliche Ursache. Auch die Angst, dass der damalige Schüler im Kampf gegen den IS eingesetzt werde, trieb sie nach Deutschland, sagt er später. Dass diese Angst nicht ganz begründet war, zeigt sich darin, dass es scheinbar keine konkreten Bestrebungen gab, Ali in die Armee einzuziehen. Vieles, was der Iraker vor dem Landgericht schildert, wirkt mehr wie Mutmaßungen und Ängste.

So sei sein Vater „im Zollbereich“ tätig gewesen, sagt B. „Hier steht, ihr Vater habe als Gärtner gearbeitet“, hakt Richter Bonk nach. „Wie muss ich mir denn einen Gärtner beim Zoll vorstellen?“ Und auch Ali selbst, der die Schule nach fünf Klassen und zwei Ehrenrunden verlassen habe, erklärt, für die Polizei gearbeitet zu haben. Oder war es der Zoll? Zumindest soll er den Beamten Tee und Kaffee serviert haben.

Leben geprägt von Langeweile

Über Griechenland und Bulgarien, an diese Länder erinnert sich B. noch, ging es dann im April 2016 schließlich nach Wiesbaden-Erbenheim. Dort war B’s Leben vor allem von Langeweile geprägt. Einen Deutschkurs habe er zwar besucht, habe anfangs auch regelmäßig daran teilgenommen. „Ich hatte keine Lust mehr. Alle anderen konnten schreiben, ich nicht“, sagt er. Und so kam es, dass er nach knapp zwei Monaten Deutsch „eher auf der Straße gelernt“, habe.

„Wir ficken Dich jetzt!“ - Ali B.

Ali B’s Tage in Wiesbaden begannen um 12 Uhr mittags. Nach dem Aufstehen habe er gefrühstückt, es gab oft Reis, auch Suppe wurde oft von seiner Mutter serviert. Nach dem Duschen ging es dann meist in die Wiesbadener Innenstadt, wo er sich mit Freunden getroffen und rumgehangen habe. Auch im Kurpark hing er oft mit seiner Clique ab. Dort, wo er auch später einen Mann ausgeraubt und gemeinsam mit einem Mittäter mit einem Messer bedroht und ausgeraubt habe. „Wir ficken Dich jetzt“, soll er gesagt und dem Opfer die Hose ausgezogen haben. Doch der Mann konnte fliehen.

Eine feste Gruppe aus fünf bis sechs Personen, hauptsächlich Afghanen, soll den Kern seines Freundeskreises gebildet haben. Neben Fußballspielen im Park standen Alkohol und Drogen auf der Tagesordnung. Drei- bis viermal in der Woche tranken sie Wodka und Whisky. Später seien dann auch Drogen im Spiel gewesen. „Im Irak gibt es so etwas nicht“, sagt B. In Deutschland konsumierte er regelmäßig Marihuana, auch Kokain habe man genommen.

Früh mit Alkohol in Kontakt gekommen

Bereits in seiner Heimat war Ali B. dem Alkohol nicht abgeneigt. „Seit ich zwölf bin“, lautet B’s Antwort auf die Frage des Richters, wann er denn das erste Mal getrunken habe. Im Irak habe es Alkohol aber nicht im Laden gegeben. Man musste ihn sich auf anderen Wegen, über Bekannte besorgen. Seine Eltern wollten ihm das Trinken verbieten. „Ich habe dann draußen, woanders getrunken“, schildert er vor dem Gericht.

„Mit Religion habe ich nichts zu tun.“ - Ali B.

Wie sich das denn mit dem muslimischen Glauben vereinbaren lasse, will Richter Bonk wissen. „Ich bete nicht, habe den Koran nicht gelesen“, sagt B., der — im Gegensatz zu seinen Eltern — nicht gläubig ist. „Mit Religion habe ich nichts zu tun.“ Auch dass B. in Wiesbaden früh eine Freundin fand, durften seine Eltern nicht erfahren. „Im Irak ginge das nicht, mit einer Frau frei herumzulaufen. Die Eltern hätten mich umbringen können.“ Dass das in Deutschland an der Tagesordnung ist, findet er „normal“, wie er sagt. Über sein Verständnis von einer „guten Frau“ wollte er vor Gericht aber nichts sagen.

Eine gute Frau muss Jungfrau sein

Den Richter machen diese Aussagen stutzig, hatte B. im Gespräch mit einer Psychiaterin doch andere Angaben gemacht, die Einblick in das Frauenbild des Irakers geben. Bonk zitiert die Aussage des mutmaßlichen Mörders: „Eine gute Frau darf nicht arbeiten gehen, muss putzen, kochen und darf das Haus nicht verlassen. Sie darf nicht alleine auf die Straße gehen, soll keinen Kontakt zu anderen Männern haben und muss Jungfrau sein.“ Daran, dass eine „gute Frau“ Jungfrau sein muss, will sich B. nicht mehr erinnern können. Den Rest der Aussage lässt er unkommentiert.

B. habe außerdem erklärt, dass es schlecht sei, dass Frauen in Deutschland und Europa noch vor dem Mann stünden. Männer hätten hier nichts zu sagen. Diese Aussagen sollen, so B. vor Gericht, aber mehr „eine Feststellung“ als eine Klage darüber gewesen sein. Auch habe er festgestellt, dass man in Deutschland nicht einfach so mit Messern herumlaufen kann. Die Polizei habe ihm drei, vier Mal ein Messer abgenommen.

„Das Messer war wie ein Freund.“ - Ali B.

Später habe B. dann kein Messer mehr getragen. Obwohl er in seiner Heimat nie ohne ein Messer aus dem Haus gegangen war. Warum er es dabei hatte? „Einfach so“, sagt er. „Es war normal. Das Messer war immer dabei, wie ein Freund von mir.“ (ms)

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