Bistum Mainz: Mehr Fälle von sexuellem Missbrauch als bisher gedacht

Das Bistum Mainz hat eine erste Zwischenbilanz der Studie zur Untersuchung von Fällen sexueller Gewalt von 1945 bis 2019 vorgestellt. Demnach sind 422 Menschen von sexuellem Missbrauch betroffen.

Bistum Mainz: Mehr Fälle von sexuellem Missbrauch als bisher gedacht

Deutlich mehr Kinder und Jugendliche, aber auch Frauen und Männer, als gedacht sind in den vergangenen Jahren Opfer sexuellen Missbrauchs im Bistum Mainz geworden. Das geht aus der Aufklärungsstudie „Erfahren, Verstehen, Vorsorgen“ (EVV) hervor, die am Mittwoch vom Bistum Mainz vorgestellt wurde.

Die Bistumsleitung hatte den Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber 2019 zur Aufklärung der Taten beauftragt. Laut seinen Ermittlungen gab es seit Kriegsende insgesamt 422 Betroffene und 273 Täter im Bistum Mainz. „Wie kann es sein, dass verantwortliche Stellen nicht informiert wurden, obwohl pädophile Neigungen eines Beschuldigten Stadtgespräch waren?“, so Weber. Neben Klerikern sollen auch Laien, Gruppenleiter und kirchliche Angestellte des Bistums Mainz zu den Tätern gehören. Ihnen werden unter anderem verbale sexuelle Belästigungen aber auch schwerer sexueller Missbrauch eines Vorschulkindes vorgeworfen.

Mit seinem Zwischenbericht wolle Weber dazu anregen, dass sich noch weitere Betroffene melden, also etwa Angehörige von Betroffenen, Pfarreiangehörige oder Bistumsmitarbeiter. Grundlage für diesen Status quo des Zwischenberichtes seien neben der Prüfung kirchlicher Unterlagen bislang die Gespräche mit 50 Betroffenen und 75 Wissensträgern.

„Wir werden dieser Aufgabe nicht aus dem Weg gehen. In dieser Hinsicht gibt es im Bistum Mainz kein Tabu mehr.“ - Bischof Peter Kohlgraf

Die bisherigen Untersuchungen machten aber bereits „ein Fehlverhalten“ auf Ebene der Pfarreien und der Bistumsleitung deutlich. In der Vergangenheit sei in der Bistumsleitung auf einschlägige Meldungen auch oftmals nicht adäquat reagiert worden, so der Rechtsanwalt. Aber nicht nur gegen diese formulierte Weber Vorwürfe. „Klare Indizien und Kenntnisse durch Mitarbeiter vor Ort wurden in den Pfarrgemeinden negiert, bagatellisiert oder für sich behalten.“ Melder und Betroffene seien unter Druck gesetzt und isoliert worden.

Man werde nicht auf die Suche nach Entschuldigungen gehen, sondern sich der Frage stellen, was solches Fehlverhalten für das Leben der Kirche heute bedeutet, so der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Mit dem Abschlussbericht komme auf das Bistum die Aufgabe zu, sich früheren Fehlern zu stellen. „Wir werden dieser Aufgabe nicht aus dem Weg gehen. In dieser Hinsicht gibt es im Bistum Mainz kein Tabu mehr“, betonte Kohlgraf weiter.

Mit dem unabhängigen Aufklärungsprojekt „Erfahren.Verstehen.Vorsorgen“ sollen laut dem Bistum Mainz drei wesentliche Fragen geklärt werden: „Gibt es Rahmenbedingungen im Bistum, die sexuelle Gewalt befördert oder nicht verhindert haben?“, „Wie wurde mit Fällen sexueller Gewalt umgegangen, nachdem sie bekannt geworden waren?“ und „Gab es im Bistum seit dem Zweiten Weltkrieg weitere, bislang unbekannte Fälle von sexueller Gewalt?“

Für die Kontaktaufnahme hat Weber eine eigene Internetseite freigeschaltet. (df)

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