Landwirte und Naturschützer fordern Unterstützung von Landesregierung

Wildpflanzen sterben, Vögel verstummen: Die Artenvielfalt auf den Feldern nimmt dramatisch ab. Naturschutz- und Bauernverbände wollen nun gemeinsam Lösungen finden - und fordern die Landesregierung auf, das zu fördern.

Landwirte und Naturschützer fordern Unterstützung von Landesregierung

Wenn nun im Frühjahr auf den Feldern rund um Mainz das Obst, Gemüse und Getreide anfängt zu wachsen, beginnt für die Landwirte auch die Hochzeit des Düngens und des Pflanzenschutzes. Auf dem Großteil der Ackerfläche werden chemisch-synthetische Mittel genutzt – mit oft fatalen Folgen für die Artenvielfalt. „Die Biodiversität hat erschreckend abgenommen“, heißt es dazu in einer kürzlich erschienen Agrarstudie des Naturschutzbundes (NABU) Rheinland-Pfalz.

Um die Artenvielfalt wieder zu fördern, haben sich etliche rheinland-pfälzische Naturschutzverbände mit Landwirtschaftsverbänden zusammengeschlossen und einen gemeinsamen Appell an die Landesregierung verfasst. Darin fordern sie „praxisgerechte Lösungen“. Konkret soll die Regierung vor allem Bürokratie abbauen, mehr Personal und Finanzmittel zur Verfügung stellen sowie kooperative Maßnahmen unterstützen, heißt es in dem Brief. Es sollen Lösungen entwickelt werden, mit denen „nicht nur ökologische Ziele erreicht werden, sondern die landwirtschaftlichen Betriebe auch Geld verdienen können.“

Naturschutz und Landwirtschaft sollen es also schaffen, Kompromisse zu finden. Das Ziel: die vielfältige Kulturlandschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln, die regionale Produktion sowie hochwertige Lebensmittel zu sichern und gleichzeitig die Artenvielfalt weiterzuentwickeln.

Naturverträgliche Landwirtschaft soll honoriert werden

Um die dazu entsprechenden Maßnahmen umsetzen zu können, sei die Unterstützung der Landesregierung notwendig: „Es geht uns darum, dass ein konstruktiver Dialog auf Augenhöhe geführt wird“, sagt Cosima Lindemann, Landesvorsitzende des NABU Rheinland-Pfalz mit Sitz in Mainz. Die Landesregierung solle sich am Dialog beteiligen, bürokratische Hemmnisse abbauen und die Landwirte dafür honorieren, wenn sie sich für mehr Artenvielfalt auf dem Acker einsetzen.

Die Möglichkeiten, um die Landwirtschaft naturverträglicher zu gestalten, seien vielfältig und müssten an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst sein. „Was im rheinhessischen Obstbau das richtige ist, eignet sich für den Zuckerrübenanbau in der Pfalz vielleicht gar nicht“, so Andreas Köhr, Pressesprecher des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Süd.

Prinzipielle Lösungen können sein, den Pflanzenschutz- und Düngemitteleinsatz zu reduzieren und ungenutzte Flächen zu schaffen, in denen Wildpflanzen und Tiere Platz finden. Kleinflächige Brachen, Blühstreifen und Streifen am Rand können Verstecke und Nahrung bieten, damit sich Arten wieder ausbreiten können. Auch Extensivgetreide, also ein lichter Bestand, können Ackerwildkräuter und Feldvögel wieder anlocken.

Bisherige Maßnahmen zeigen kaum Effekte

Zahlreiche Maßnahmen gibt es zwar bereits, die die Biodiversität in der Agrarlandschaft sichern sollen, doch der Effekt sei bislang zu klein. Der Umfang der Maßnahmen, „die in besonderem Maße der Förderung der Biodiversität dienen“ sei viel zu gering, heißt des in der NABU-Agrarstudie. Insgesamt werde auf lediglich fünf Prozent der Fläche die Artenvielfalt gefördert, notwendig wären rund 20 Prozent. „Lücken gibt es beispielsweise bei der Förderung im Obstbau, wo noch spezielle Maßnahmen fehlen,“ sagt Köhr.

Einige Modellbetriebe testen aktuell, welche Auswirkungen verschiedene Maßnahmen haben können und wie diese vor allem finanziell umgesetzt werden können. Ein vom NABU wissenschaftlich begleitetes Projekt des Deutschen Bauernverbandes und der „Umweltstiftung Michael Otto“ ist F.R.A.N.Z. („Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft“). Ziel ist es, Lebensräume für die jeweils vor Ort vorkommenden Wildtiere und -pflanzen zu schaffen. Die Maßnahmen sollen sich gleichzeitig gut in die betriebswirtschaftlichen Prozesse integrieren lassen. Mit Tobias Diehl nimmt auch ein rheinhessischer Landwirt daran teil. „Es ist wichtig, dass geprüft wird, was wirkt und zum Erfolg führt“, sagt Andreas Köhr vom Bauernverband. „Und es ist wichtig, dass ein Ausgleich mitgedacht wird, dass die Maßnahmen auch honoriert werden, damit der Betrieb daran nicht zugrunde geht.“

„Uns ist wichtig, dass Landwirtschaft und Naturschutz auf Augenhöhe sprechen.“ - Cosima Lindemann, Landesvorsitzende des NABU Rheinland-Pfalz

Bisher halten sich die Parteien der Landesregierung zurück, da noch Koalitionsverhandlungen laufen, vermutet Cosima Lindemann vom NABU. „Wir erwarten, dass die neue Landesregierung einen solchen Dialog auch aufgreift. Dabei ist es uns wichtig, dass Landwirtschaft und Naturschutz auf Augenhöhe sprechen. Dazu müssten auch beide Ministerien an dem Dialog beteiligt sein.“ Grundsätzlich habe sie aber von Seiten der Politik bereits positives Feedback erhalten.

Die Rheinland-Pfälzer sind nicht die ersten, die mehr Unterstützung von der Lokalpolitik fordern: In Niedersachsen, Brandenburg und Baden-Württemberg habe es bereits Dialoge gegeben. „Mit den Ergebnissen waren die Beteiligten sehr zufrieden“, so Lindemann.

Unterzeichner des Appells an die Landesregierung sind:

  • Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd e.V.

  • Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V.

  • Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz

  • NABU Rheinland-Pfalz

  • BUND Landesverband Rheinland-Pfalz e.V.

  • GNOR e.V.

  • AÖL Rheinland-Pfalz/Saarland e.V.

  • ÖJV Rheinland-Pfalz e.V.

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