Weiterer Sturz im Volkspark: 19-Jährige schwer verletzt

Nachdem im Mai ein 18-Jähriger an der Grillstelle im Volkspark fünf Meter in die Tiefe stürzte, erfuhr Merkurist jetzt von einem weiteren Unfall: Auch die 19-jährige Desirée stürzte im Sommer im Volkspark. Wir haben mit ihr gesprochen.

Weiterer Sturz im Volkspark: 19-Jährige schwer verletzt

Rutschiger Boden, ein Sturz, ein dumpfer Aufprall: Auch nach drei Monaten hat Desirée (19) noch immer dieses „Fallgefühl“ im Kopf. Als wir die Mainzer Abiturientin Ende November in einem Café treffen, wird sie von ihrem Freund Vincent reingeschoben. Seit ihrem verhängnisvollen Sturz am Abend des 23. August sitzt Desirée im Rollstuhl. Dennoch sagt sie: „Ich hatte großes Glück.“

Was war passiert? An dem Abend im August feierte ein Freund seinen 20. Geburtstag an der Grillstelle im Volkspark. Desirée hatte vor wenigen Monaten ihr Abitur bestanden, in zwei Wochen hätte ihr Soziologiestudium angefangen. In großer Feierlaune sei sie an dem Abend aber nicht gewesen. „Ich habe nur ganz wenig getrunken und wäre eigentlich schon bald wieder weggegangen“, erzählt sie. Nach etwa einer Dreiviertelstunde, kurz vor 22 Uhr, wollte sie noch mit einer Freundin aufs Klo gehen.

Sturz in die Tiefe

Von der öffentlichen Toilette, die zu diesem Zeitpunkt wohl noch offen war, hätten ihr Freundinnen abgeraten. Deshalb entschieden sich Desirée und ihre Freundin, hinter einer etwa 80 Zentimeter hohen Mauer am Rande der Grillstelle in die Büsche zu gehen. „Die Freundin wollte eigentlich vorgehen, hat aber nochmal ihr Handy rausgeholt, weil sie die Taschenlampe anmachen wollte.“ Stattdessen machte Desirée den Schritt über die Mauer. Sie kam ins Rutschen – und fiel in die Tiefe.

Denn was die Freundinnen nicht wussten: Hinter der kleinen Mauer und einem etwa drei bis vier Meter langen Abhang mit Waldboden geht es an der Stadtmauer mindestens fünf Meter senkrecht nach unten. Ungebremst stürzte Desirée mit ausgestreckten Beinen auf den Boden. Dort merkte sie, dass etwas mit ihrem Rücken nicht stimmt. Ihre Freundin und weitere Freunde kamen über einen anderen Weg zu ihr nach unten und stützten Desirées Rücken. Gegen 22:10 Uhr trafen auch Rettungsdienst und Polizei ein, die Sanitäter gaben ihr Schmerzmittel und fuhren sie in die Uniklinik.

Drei lange Operationen

Dorthin fuhr auch ihr Freund Vincent. „Ich wollte eigentlich auch mit zu der Feier kommen, habe mich aber kurz vorher doch dagegen entschieden. Gegen 22 Uhr hatte ich dann plötzlich 15 Anrufe auf meinem Handy“, sagt er gegenüber Merkurist. „Es war ein totaler Schock. Ich dachte erst, jemand hätte sie runtergeschubst. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man da einfach eine Mauer runterfällt.“

Gemeinsam mit Desirées Familie wartete Vincent in der Notaufnahme der Uniklinik – bis 5 Uhr morgens. Erst dann war klar: Desirée ist nicht querschnittsgelähmt. Doch ihr dritter Wirbel war gebrochen, noch am nächsten Morgen wurde sie sechs Stunden an der Wirbelsäule operiert. Wenige Tage später folgte die nächste sechsstündige OP am Rücken, ein Titanwirbel musste eingesetzt werden. Doch das viel größere Problem waren die Füße.

Fersen zertrümmert

Bei dem Sturz waren Desirées Fersen regelrecht zertrümmert worden. Rund eine Woche später musste sie auch hier operiert werden – eine komplizierte OP angesichts vieler kleinteiliger Brüche. Doch auch die achtstündige OP war erfolgreich, nach insgesamt zweieinhalb Wochen konnte Desirée die Klinik verlassen.

Bis Anfang September saß sie noch im Rollstuhl, weil ihre Füße noch nicht wieder voll belastbar sind. Mittlerweile läuft Desirée auf Krücken. Seit zweitem Dezember ist sie in der Reha, eine weitere Operation steht ihr noch bevor. Die gute Nachricht: Nach Ansicht der Ärzte wird Desirée auf jeden Fall wieder laufen können. „Vielleicht muss das Sprunggelenk versteift werden, dann kann ich den Fuß nur noch eingeschränkt bewegen.“ In Zukunft werde sie ganz anders auf ihren Körper achten müssen, viele Sportarten wie Joggen nie wieder machen können.

„Seit dem Sturz habe ich viel Angst“ - Desirée

Schlimmer seien aber die psychischen Folgen. „Seit dem Sturz habe ich viel Angst. Ich muss mir jetzt immer vorstellen, was noch hätte passieren können. Wer am meisten darunter leidet, ist aber meine Familie.“ Bald will Desirée eine Traumatherapie machen, um die Bilder aus dem Kopf zu kriegen.

Was ihr geholfen habe: Ein Treffen mit dem ebenfalls 19-jährigen Alexander. Denn ihn ereilte im Mai dieses Jahres, drei Monate vor Desirée, dasselbe Schicksal: ein folgenschwerer Sturz im Mainzer Volkspark.

Verblüffende Parallelen

Merkurist hatte Anfang November über Alexanders Sturz berichtet (zum Artikel). Und die Parallelen zu Desirées Unfall sind verblüffend: Alexander war im Mai dieses Jahres an derselben Grillstelle mit Freunden feiern, auch er wollte in die Büsche gehen, auch er stürzte fünf Meter in die Tiefe. Anders als Desirée landete er auf dem Kopf, er erlitt Hirnblutungen, einen Schädelbasisbruch; sechs Rippen brachen, eine von ihnen bohrte sich in den Lungenflügel. Seitdem ist Alexander auf einem Ohr taub, hat Gleichgewichtsprobleme, einen dauerhaften Tinnitus; seinen Geschmacks- und Geruchssinn hat er verloren.

Viele Leser reagierten betroffen auf Alexanders Unglück. Auch Desirées Bruder entdeckte den Artikel und zeigte ihn seiner Schwester. „Es war ein totaler Schock. Ich habe mich zurückerinnert, es ging mir sehr nahe. Es hätte mir ja auch passieren können, dass ich auf den Kopf falle“, sagt Desirée.

Treffen mit Oberbürgermeister Ebling

Sie meldete sich bei Alexanders Mutter Claudia, zu dritt trafen sie sich in einem Café. Claudia riet ihr sofort, sich auch an Alexanders Anwalt Ruben Goldmann zu wenden. Der wirft der Stadt eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht vor und forderte sie in einem Schreiben auf, eine Absturzsicherung oder Hinweisschilder anzubringen. „Nichts deutete daraufhin, dass in diesem Bereich hinter der Sitzbank bei Verlassen in Richtung Grünfläche absolute Lebensgefahr besteht“, so Goldmann in seinem Schreiben. „Die ungesicherte Stadtmauer ist bei Dunkelheit nicht zu erkennen.“

Die Stadt Mainz beauftragte daraufhin ihren Haftpflichtversicherer, ein Gutachten zu erstellen. Das Ergebnis: „Eine zum Schadensersatz führende Verkehrssicherungspflichtverletzung seitens der Stadt Mainz liegt völlig eindeutig nicht vor.“ Für jeden Besucher sei klar, dass er den geschützten Bereich verlasse, wenn er über die Mauer klettert und sich im Dunkeln in die Grünanlage begibt. Ein solches Verhalten geschehe stets auf eigenes Risiko. Zudem sei den Mitarbeitern der Stadt Mainz nicht bekannt, dass es in der Vergangenheit zu ähnlichen Situationen an der Unfallstelle gekommen sein soll.

„Es muss eine Absicherung angebracht werden“ - Desirée

Wie geht es jetzt weiter? Claudia und Alexander haben sich Ende November mit Oberbürgermeister Michael Ebling getroffen, jetzt könnte Bewegung in die Sache kommen. Das hofft auch Desirée: „Es muss eine Absicherung angebracht werden, dass das niemandem mehr passiert. Ich hatte großes Glück, auch weil meine Familie mich großartig unterstützt hat.“ (pk)

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