Warum der „Trattoria“-Chef Obdachlose zum Essen einlädt

Direkt an der Grenze zwischen Neustadt und Altstadt befindet sich das italienische Restaurant „Trattoria am Kaisertor“. Laut eines Interviews auf „Spiegel Online“ sollen die Gäste hier beim Trinkgeld ruhig großzügig sein. Was dahinter steckt.

Warum der „Trattoria“-Chef Obdachlose zum Essen einlädt

Morgens ein Stadtbummel vom Dom bis zur Stephanskirche, nachmittags ein Oregano-Eis beim N'Eis und am Abend Party im „Schon Schön“ – so oder so ähnlich könnte ein perfekter Tag in Mainz aussehen, wenn es nach dem Reisebuchautor Johannes Kral geht. Im Jahr 2014 verriet er dem Magazin „Spiegel Online“ seine persönlichen Mainz-Tipps. Einer von ihnen: „Die Trattoria am Kaisertor nahe der Christuskirche kredenzt werktags ein wöchentlich wechselndes, köstliches italienisches Mittagsmenü für unschlagbare 8,50 Euro – beim Trinkgeld ruhig großzügig sein“, so Kral.

Großzügig sein solle man allerdings nicht nur wegen des Mittagessens, sondern vielmehr, weil die „Trattoria“ ihrerseits spendabel sei: „Der Chef bittet regelmäßig mittellose Menschen auf seine Rechnung an einen der Tische“, so Kral in dem Interview. Wir wollten es genauer wissen: Auf Merkurist-Nachfrage erzählt der Autor, dass er eine solche Szene selbst einmal miterlebt habe. „Ich saß im Sommer auf der Terrasse der Trattoria. Ein obdachloser Mann mit Schlafsack und Plastiktüten kam an meinen Tisch und wollte etwas von meinem Brot haben.“ Der Inhaber des Restaurants habe den Obdachlosen daraufhin gefragt, was er da mache. „Es tut mir leid“, habe der Mann geantwortet, „ich habe Hunger.“

„Was möchtest du essen?“ - Majid Akrri

Wie der „Trattoria“-Chef dann reagierte, beeindruckte Kral. Statt den Obdachlosen abzuweisen, bat er ihn, an einem der Tische Platz zu nehmen. „Was möchtest du essen?“ Er spendierte dem Mann einen Teller mit Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und dazu eine Cola. Kral sagt heute: „Das war schon sehr nett von ihm und keine Selbstverständlichkeit.“ Gegenüber dem Gastwirt gab sich Kral damals nicht als Autor zu erkennen. „Sonst verhalten sich die Leute nicht, wie sie sich normalerweise verhalten.“ Auch von anderen habe er gehört, dass der Inhaber der „Trattoria“ häufiger arme Menschen auf seine Rechnung bewirte. Doch was sagt der Gastwirt selbst?

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Was der „Trattoria“-Chef dazu sagt

Seit sechs Jahren führt Majid Akrri die „Trattoria am Kaisertor“. Als wir ihn auf Krals Beobachtung ansprechen, bestätigt er den Vorfall. Warum er so gehandelt hat? „Der Mann hatte Hunger.“ Monate später, so erzählt der „Trattoria“-Chef, habe er das Interview zufällig auf „Spiegel Online“ entdeckt. „Ich will so etwas nicht an die große Glocke hängen“, erzählt Akrri, „ich bin nicht der Wohltäter vor dem Herrn, was ich gemacht habe, ist doch normal.“

„Wenn jemand sagt, er hat Hunger, muss man ihm etwas zu Essen geben.“ - Majid Akrri

Dabei spiele es keine Rolle, dass er Gastronom sei. „Wenn jemand vor der Tür steht und sagt, er hat Hunger, muss man ihm etwas zu Essen geben.“ Es war weder das erste noch das letzte Mal, dass Akrri so handelte. Einmal habe er eine junge Frau, die draußen in den Mülltonnen wühlte, in sein Restaurant gebeten und ihr ein Essen ausgegeben. Regelmäßig lade er arme Menschen auf eine Suppe oder einen Kaffee ein. „Ich kann sie nicht auffangen, aber ich kann ihnen für den Moment etwas Gutes tun“, so Akrri. Das wünsche er sich auch von Anderen. „So viele Leute kaufen ihren Kindern für 400 Euro eine Playstation – da muss doch eine warme Mahlzeit für einen Bedürftigen drin sein.“

Vom Studenten im Haus bis zur Ministerpräsidentin

Die einheimischen Obdachlosen würden derzeit zu häufig in Vergessenheit geraten, sagt Akrri, der ursprünglich aus Marokko kommt. „Doch wir müssen gerade vor der eigenen Haustür helfen.“ Ursprünglich habe er die Idee gehabt, statt der „Trattoria“ ein „Lokal für Nachbarn“ zu eröffnen, in das in erster Linie Anwohner gehen. Jetzt habe er ein Restaurant für jedermann: vom Studenten, der oben im Haus wohnt, bis zur Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die immer mal wieder Gast sei. Oder eben ein Obdachloser, der sich das Essen nicht leisten kann. „Mensch ist Mensch“, sagt Akrri.

Dass diese Einstellung nicht selbstverständlich ist, erfuhr der Autor Kral damals auf der Restaurant-Terrasse von dem Obdachlosen selbst. Dieser habe ihm noch erzählt, dass es in den Achtzigern normal gewesen sei, dass Gastwirte ihm etwas zu Essen anboten, mittlerweile sei Akrri eine große Ausnahme. Kral sagt: „Der Trattoria-Chef ist ein Mensch mit einem offenen Herzen.“

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