Newweling-Schock: Stirbt die Mainzer Tradition aus?

Seit dem Mittelalter gehört der „Newweling“ traditionell an Allerheiligen auf die Mainzer Friedhöfe. Der bunte Wachskegel wird nur noch in einer einzigen Fabrik in Handarbeit hergestellt – doch in diesem Jahr wird es keine geben. Und danach?

Newweling-Schock: Stirbt die Mainzer Tradition aus?

Normalerweise würde Franz-Hubertus Tusar nun seine alte Maschine aus dem Jahr 1949 in Gang setzen. Gemeinsam mit seiner Schwester Maria Theresia würde er in seiner Kerzenfabrik, wie jedes Jahr, unzählige feine Wachsschnüre ziehen, und daraus in mühevoller Handarbeit die Newwelinge produzieren.

Newwelinge gibt es nur in Mainz, und das seit vielen hundert Jahren. Erstmals urkundlich erwähnt wurden sie 1367. Sogar im alten Fastnachtslied „„Määnz bleibt Määnz“ ist der Newweling verewigt.

Einzige Newweling-Produktionsstätte

Das Kerzenunternehmen August Tusar Erben KG ist in ganz Mainz die einzige Institution, in denen der Newweling nach alter Machart noch hergestellt wird. Vor vielen Jahren gab es noch in Weisenau einen Kerzenmacher, der ebenfalls Newwelinge produzierte. Nun gibt es sie nur noch bei dem Geschwisterpaar in der Binger Straße.

Verkauft wird der Newweling traditionell an Allerheiligen an den Mainzer Friedhöfen. Dann steht er an den Gräbern oder wird mit nach Hause genommen. Angezündet wird er an dem Wachsfaden, der dann langsam abbrennt, so lange man am Grab steht. Der Newweling ist damit den Wachsstöcken ähnlich, die früher den Betenden in der Kirche Licht spendeten. Richtige Kerzen waren kostbar und wurden daher weniger verwendet. „Es war die Kerze der armen Leute, da sie innen hohl ist und dadurch günstiger“, sagte Tusar einmal gegenüber Merkurist. Maria Theresia Tusar hat aus 200 Meter langen, klebrigen Wachschnüren jeden einzelnen Kegel per Hand gewickelt. Die „Zutaten“ für die Wachschnüre haben die Kerzenhersteller selbst hergestellt.

Nun wird es in diesem Jahr zu ersten Mal keine Newwelinge zu kaufen geben. Maria Theresia Tusar hat vor einigen Wochen einen Schlaganfall erlitten. „Wir machen ja die Newwelinge im seit Jahren eingespielten Team und alleine bin ich dazu nicht in der Lage“, sagt ihr Bruder Franz-Hubertus auf Anfrage. „Außerdem muss ich sehen, dass ich die sonstigen Produkte in unserer Firma herstelle, um die Kunden zufrieden zu stellen.“

Ob es im nächsten Jahr wieder Newwelinge geben wird? „Das weiß allein der Liebe Gott“, sagt Tusar. „Man hat ja jetzt gesehen, wie schnell man von einem Schicksalsschlag getroffen werden kann.“

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