Mainzer Gastronomenfamilie wegen Betrugs angezeigt

Die Corona-Krise stellt viele Gastronomen vor große Probleme. Natalie und Evangelos Vogiatzi von der „Boulevard“-Bar haben noch ein anderes Problem: eine Anzeige wegen Subventionsbetrugs. Was dahinter steckt.

Mainzer Gastronomenfamilie wegen Betrugs angezeigt

Seit mehr als zwei Jahren führt Natalia Vogiatzi die Shisha-Bar „Boulevard“ in der Mombacher Straße. Früher war das „Nero’s“ in den Räumen, danach für kurze Zeit das „Just Made 38“. Wie fast alle Gastronomen durchlebt Vogiatzi momentan eine schwere Zeit, doch der Hauptgrund sei nicht Corona, wie ihr Bruder Evangelos Vogiatzi gegenüber Merkurist sagt. Seit einigen Tagen muss sich die Familie noch mit etwas anderem herumschlagen: einer Anzeige wegen Subventionsbetrugs.

Evangelos Vogiatzi ist aufgebracht, als wir ihn in der „Boulevard“-Bar treffen. Die Shisha-Bar führen die Vogiatzis als Familienunternehmen, genau wie das Restaurant „Platon“ in Hochheim. Er gibt zu: Auch vor der Corona-Krise und der vorübergehenden Zwangsschließung habe es Probleme gegeben. „Wir hatten in der Vergangenheit einige Kontopfändungen. Das Finanzamt pfändet schnell.“ Aber: „Wir haben alles wieder beglichen. Wir schulden niemandem Geld.“

Doch dann kam die Corona-Krise. „Wir haben wegen der Krise einer Versicherung 2800 Euro geschuldet“, sagt Vogiatzi. Deshalb sei ein Insolvenzverwalter eingeschaltet worden. „Auch diese Schulden haben wir dann direkt beglichen“, sagt Vogiatzi. Das sei etwa sechs Wochen nach Beginn der Corona-Krise gewesen.

Konten gekündigt

Wie Vogiatzi sagt, habe der Insolvenzverwalter daraufhin den Fall für erledigt erklärt und die Mainzer Volksbank darüber informiert. „Wir sind seit 25 Jahren Kunden der Mainzer Volksbank in Hochheim“, sagt Vogiatzi. „Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis zu der Bank.“ Deshalb habe ihn die weitere Entwicklung des Falls auch so überrascht.

Denn kurz darauf kam ein Schreiben der Bank. „Darin hieß es, dass unsere Konten gekündigt werden“, sagt Vogiatzi. Zudem sei ein Darlehen gekündigt worden, das die Familie bei der Bank hatte. „Auch dieses Darlehen hatten wir zu dem Zeitpunkt immer fristgerecht per Ratenzahlung gezahlt.“ Deshalb könne er die Kündigung nicht verstehen.

Vogiatzi sagt: „Wir konnten jetzt kein Geld mehr abheben oder sonst etwas machen. Es war alles weg.“ Das Hauptproblem sei: Seit Wochen warte man auf die Corona-Sofortzahlung von 10.000 Euro, die Gastronomen zusteht, die wegen Corona in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Dieses Geld kann nun nicht mehr auf das Konto eingehen. „Wir konnten auch kein neues Konto gründen, andere Banken haben uns abgelehnt“, sagt Vogiatzi. Schließlich habe ihnen ein Freund Geld geliehen. Doch das reiche auch nicht lange. Ohne die 10.000 Euro könnten sämtliche Rechnungen nicht bezahlt werden.

Anzeige: Subventionsbetrug

Kurz nach dem Kündigungs-Schreiben rief Evangelos Vogiatzi eine Mitarbeiterin der Mainzer Volksbank an. „Ich bin am Telefon laut geworden, weil ich nicht verstanden habe, warum einfach so die Konten gekündigt wurden.“ Daraufhin habe die Mitarbeiterin ihm vorgeworfen, mit der Soforthilfe ältere Schulden begleichen zu wollen. „Dabei hatten wir doch alle alten Schulden beglichen“, sagt Vogiatzi.

Kurz darauf erreichte die Familie ein weiteres Schreiben, diesmal von der Polizei. „Das BKA war im Restaurant und hat es unserer Mutter gegeben.“ Eine Anzeige: Subventionsbetrug. „Wir sind aus allen Wolken gefallen“, sagt Vogiatzi. „Die Mainzer Volksbank war unser stärkster Partner und jetzt machen sie uns mehr Probleme als die Corona-Pandemie selbst.“

Doch was sagt die Mainzer Volksbank? Ein Sprecher teilt mit, dass er zu konkreten Kundenkonten keine Auskunft geben könne. Allgemein könne er aber sagen: „Als Genossenschaftsbank sind wir dem gewerblichen und privaten Mittelstand verpflichtet. Bestehende Kundenverhältnisse betreuen wir, soweit wir das wirtschaftlich gegenüber unseren Mitgliedern vertreten können.“ Die Mainzer Volksbank beschäftige zwei Abteilungen, deren Aufgabe ausschließlich darin bestehe, Firmen in wirtschaftlichen Notlagen zu unterstützen, um eine Insolvenz abzuwenden – „und dies sehr erfolgreich“. Sei eine Insolvenz nicht mehr abwendbar und komme es zu einem Insolvenzverfahren, beendige man das Engagement „im Interesse unserer bestehenden Kunden und kündige ein solches Vertragsverhältnis“.

Volksbank bewertet die Situation anders

Gerade in der Coronakrise stehe man an der Seite der betreuten Unternehmen und vermittele seit Bereitstellung der staatlichen Hilfen viele Sonderkredite und Corona-Soforthilfen, so der Volksbank-Sprecher. „Allerdings sind diese staatlichen Hilfen an bestimmte Bedingungen geknüpft, unter anderem daran, dass nur Unternehmen, die in 2019 wirtschaftlich gesund waren und nun wirtschaftliche Einbußen aufgrund der Coronakrise haben, diese Hilfen beantragen dürfen.“ Lägen Hinweise vor, dass gegen Bestimmungen verstoßen wurde, seien alle Banken verpflichtet, Verdachtsmeldungen abzugeben. „Die Bewertung solcher Meldungen und die Entscheidung über eine Anzeige erfolgen nicht in den Banken.“

Vogiatzi verweist gegenüber Merkurist darauf, dass Konten und Darlehen während der Corona-Krise nicht gekündigt werden dürften – vom 1. April bis 30. Juni. Das sieht der Sprecher der Mainzer Volksbank anders: Nach dem Kündigungsmoratorium seien nur Verbraucher vor der Kündigung von Darlehensverträgen geschützt, die „aufgrund der Covid-19-Pandemie wirtschaftliche Einbußen erlitten beziehungsweise erleiden.“ Die Regelung betreffe nicht gewerbliche Kunden und gelte auch nicht für generelle, sondern nur für Covid-19-verursachte Zahlungsschwierigkeiten.

Zumindest letzteres sieht Vogiatzi klar gegeben: dass die Zahlungsprobleme auf Covid-19 zurückzuführen seien. Die Familie hat mittlerweile einen Anwalt eingeschaltet. Zudem habe man das Konto eines Freundes angegeben, um die 10.000 Euro Soforthilfe doch noch zu bekommen. Denn ohne das Geld sei die Lage hoffnungslos: Die „Boulevard“-Bar kann erst seit kurzem wieder Shishas anbieten, bleibe trotz Lockerungen deutlich leerer als vor Corona. „Wir haben Einnahmeverluste von 90 Prozent“, sagt Vogiatzi. Lange halten könne man die Gastronomien unter diesen Umständen nicht. Er sagt: „Wenn wir die 10.000 Euro nicht bekommen, gebe ich uns noch einen Monat.“ (pk/df)

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