Gastronomen zur Sperrstunde: „Wir fühlen uns verarscht“

Eine halbe Stunde länger dürfen Gastronomen in Rheinland-Pfalz seit diesem Mittwoch öffnen. Jetzt heißt es um 22:30 Uhr Feierabend. Glücklich sind viele Gastronomen damit aber nicht, im Gegenteil: Sie halten die halbe Stunde für eine „Beleidigung“.

Gastronomen zur Sperrstunde: „Wir fühlen uns verarscht“

Seit etwa zwei Wochen dürfen Gastronomien in Rheinland-Pfalz wieder öffnen – allerdings nach wie vor unter strengen Regeln. So gilt etwa ein Abstand von 1,50 Metern zwischen den Tischen, zudem dürfen Gäste nicht an der Theke sitzen (wir berichteten). Was für viele Gastronomen aber die schwierigste Vorgabe ist: Um 22:30 Uhr müssen sie ihr Lokal schließen. Die Sperrstunde gilt seit diesem Mittwoch, zuvor war um 22 Uhr Schluss.

Doch diese halbe Stunde mehr empfinden viele Gastwirte als Hohn – zumal im Nachbarland Hessen diese strenge Endzeit nicht gilt. „Die Leute hauen uns ab nach Wiesbaden“, sagt Nima Khalatbari, Betreiber der Cocktailbar „Der Große Gatsby“ in der Oberstadt. Er sagt deutlich: „Wir fühlen uns verarscht.“

Ausgaben immer noch höher als Einnahmen

Restaurants könnte die halbe Stunde zwar etwas bringen, nicht aber Kneipen und Bars, so Khalatbari. „Bei uns geht der Betrieb erst nach dem Abendessen richtig los, also etwa ab 21 Uhr. Dann lieber gar nichts als diese halbe Stunde mehr.“ Denn nach wie vor habe man höhere Ausgaben als Einnahmen. „Ich wüsste gerne, wer diese Idee hatte. Da wurde nicht nachgedacht.“ Gegen die Abstandsregel und die Maskenpflicht bis zum Tisch habe er dagegen nichts einzuwenden.

„Und dann wird es keine Bars mehr in Mainz geben“ - Nima Khalatbari

Auch dass es eine Sperrstunde gebe, sei in Ordnung. „Die Leute werden natürlich ab einer bestimmten Uhrzeit leichtsinniger“, so Khalatbari. Die Sperrstunde solle aber unter der Woche auf 24 Uhr, am Wochenende auf 1 Uhr verlängert werden. „Nur dann haben wir auch eine Chance.“ Sonst könne man höchstens noch ein halbes Jahr überstehen. „Und dann wird es keine Bars mehr in Mainz geben.“

Er hoffte jetzt auf weitergehende Lockerungen, denn die Zahlen der Corona-Neuinfektionen seien in Rheinland-Pfalz relativ gut. „Das sagt ja Malu Dreyer immer wieder“, so Khalatbari. „Aber ich hoffe, dass jetzt die Sperrstunde nicht weiter in diesen Mini-Schritten nach hinten geschoben wird.“

„Quartier“-Chef: Halbe Stunde eine „Frechheit“

Auch Shahrouz Azodi hat kein Verständnis für die Verlängerung auf 22:30 Uhr. Er führt seit fünf Jahren das „Quartier Mayence“, seit 15. Mai dieses Jahres ist er auch Inhaber. Azodi sagt: „Diese halbe Stunde ist eine Beleidigung und ein Schlag ins Gesicht für alle Gastronomen.“

Azodi vermutet, dass die neue Endzeit für Fußballfans gemacht wurde. „Das ist für Kneipen, die Sky zeigen, natürlich gut. Allen anderen bringt es aber gar nichts.“ Denn durch die halbe Stunde entstünden mehr Personalkosten, die zusätzlichen Einnahmen seien aber verschwindend gering. „Da verkaufen wir dann vielleicht ein, zwei Bier mehr, das sind nicht mal zehn Euro.“ Zudem mussten die Karten neu gemacht und die Homepage aktualisiert werden. „Deshalb kann es jetzt nicht in diesen Halbe-Stunde-Schritten weitergehen.“

„Wir fühlen uns im Stich gelassen“

Auch Azodi wünscht sich eine Sperrstunde um 0 oder 1 Uhr, zumindest am Wochenende. „Wir verdienen unser Hauptgeld am Abend, ab 22 Uhr geht es erst rund.“ Derzeit mache das „Quartier“ 20 Prozent vom normalen Umsatz. Für viele Gastronomen sei das existenzbedrohend. „Wenn das so weiter geht, müssen wir auch in zwei, drei Monaten zumachen. Ich sehe es nicht ein, mich hoch zu verschulden.“ Den Gastronomen werde nicht vertraut, dass sie die Regeln auch nach 22:30 Uhr einhalten können. „Die Politik sollte mal daran denken, dass es hier auch um Existenzen geht. Wir schmeißen den Laden mit viel Engagement, fühlen uns im Stich gelassen.“

Zudem zwinge die strikte Sperrstunde Gastronomen dazu, unhöflich zu werden. „Ich muss die Leute kurz vorher bitten, aufzustehen und schnell das Grundstück zu verlassen. Das hat mit gastfreundlich nichts mehr zu tun.“ Azodi glaubt, dass das auch der Grund sei, warum die Gastronomien seit der Wiedereröffnung größtenteils leer blieben. „Das große Problem ist nicht der Datenschutz, es geht um die Gemütlichkeit. Und die beliebt gerade auf der Strecke.“ Derzeit überlebe er nur dank seiner Stammgäste. „Ich bin froh, wenn ich derzeit jeden Monat nur 5000 Euro Minus mache.“

Was sagt die Landesregierung?

Auf Merkurist-Anfrage erklärt ein Sprecher der Landesregierung: „Der Stufenplan der Landeregierung ermöglicht schrittweise Lockerungen und eine Rückkehr in die Normalität.“ Gleichzeitig werde das Infektionsgeschehen „genauestens beobachtet und im Einzelfall lokal rasch reagiert, um nicht einen erneuten breiten Ausbruch wie beispielsweise in Ostfriesland zu erleben“.

Deshalb liege es in der Verantwortung der Branche und der Gäste, die Schutzmaßnahmen ernst zu nehmen und weiterhin verantwortungsvoll umzusetzen. „Eine Sperrstunde kann dazu beitragen, an diese Verantwortung zu erinnern.“

Wegen der sehr niedrigen Zahl der Neuinfektionen der vergangenen Woche habe man entschieden, „die Sperrzeiten in der Gastronomie um eine halbe Stunde auf 22:30 Uhr zu verlängern und eine Abgabe von Speisen und Getränken an Theken in der Gastronomie oder in Anreichen in Hotels beim Frühstück zu ermöglichen“. Ob in der nächsten Woche über eine weitere Verlängerung entschieden wird, geht aus der Antwort nicht hervor. (pk)

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