Neue Verkehrsführung auf der Koblenzer Balduinbrücke: Das sagen die Parteien

Der Stadtrat Koblenz hat einen umstrittenen Verkehrsversuch für die Balduinbrücke beschlossen. Radfahrer sollen auf der Fahrbahn fahren, doch die Kritik an den hohen Kosten und den Folgen ist groß.

Neue Verkehrsführung auf der Koblenzer Balduinbrücke: Das sagen die Parteien

Mit 13 Gegenstimmen hat eine Mehrheit des Koblenzer Stadtrats in der jüngsten Sitzung dem umstrittenen Verkehrsversuch auf der Balduinbrücke zugestimmt. Der Entscheidung ging eine hitzige Debatte voraus. Während Befürworter von einem notwendigen Schritt für mehr Sicherheit sprachen, kritisierten Gegner das Vorhaben als teures und realitätsfernes Experiment.

Zur Erinnerung: Grund für die geplante Neuordnung ist die aus Sicht der Stadtverwaltung konfliktreiche und gefährliche Verkehrssituation auf der Brücke. Vor allem auf dem nur 3,60 Meter breiten kombinierten Geh- und Radweg kommt es laut Stadt regelmäßig zu brenzligen Situationen. In Spitzenzeiten teilen sich hier bis zu 165 Fußgänger und 140 Radfahrer pro Stunde den knappen Platz. Die Folge: Schnellere Radfahrer überholen langsamere, entgegenkommende „Geister-Radler“ zwingen zum Ausweichen und Fußgänger geraten immer wieder in Bedrängnis. Aber auch auf der Fahrbahn gibt es Probleme. Stadteinwärts ist der Schutzstreifen für Radfahrer so schmal, dass Autos und Lkw beim Überholen den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern kaum einhalten können, was Radler unter Druck setzt.

Der einjährige Versuch, der im Herbst 2026 starten soll, sieht vor, Radfahrer künftig auf der Fahrbahn zu führen. Auf der gesamten Brücke wird dafür die Geschwindigkeit für alle Verkehrsteilnehmer auf 30 km/h begrenzt. Entscheidend ist zudem ein striktes Überholverbot: Autos, Lkw und Busse dürfen Radfahrer nicht mehr passieren und müssen sich deren Tempo anpassen. Die Radler geben somit die Geschwindigkeit vor. Der bisherige Geh- und Radweg wird im Gegenzug zu einem reinen Fußweg. Radfahren ist dort dann nur noch in Schrittgeschwindigkeit in Richtung Lützel erlaubt (Merkurist berichtete).

Das Gesamtprojekt, das auch einen inzwischen zurückgestellten Kreiselbau umfasste, wird auf rund 263.000 Euro geschätzt. Davon entfallen etwa 78.000 Euro auf den reinen Verkehrsversuch. Hinzu kommen geschätzte jährliche Mehrkosten von 410.000 Euro für die Koblenzer Verkehrsbetriebe (koveb), da durch die längeren Fahrtzeiten mehr Personal und Busse eingesetzt werden müssten.

Kritiker befürchten „Lösung auf der Suche nach einem Problem“

Besonders die Freien Wähler, die FDP, die AfD und die Wählergruppe Schängel kritisieren das Projekt in der Stadtratssitzung scharf. Christian Altmaier (Freie Wähler), der die Brücke nach eigenen Angaben täglich befährt, sieht keine akute Gefahrenlage. Er bezeichnete das Vorhaben als „grünes Experiment, was halt nicht funktionieren wird“ und warnte vor den hohen Kosten, die am Ende zu Steuererhöhungen führen könnten.

David Hennchen (FDP) nannte den Versuch eine „Lösung auf der Suche nach einem Problem“, da es keine belegte Unfallhäufung gebe und der Verkehr unnötig ausgebremst werde. Auch die Wählergruppe Schängel lehnte die Maßnahme ab. Anna-Maria Plato argumentierte, der öffentliche Nahverkehr werde ausgebremst. Zudem sei es naiv zu glauben, dass sich undisziplinierte Radfahrer, wegen denen der Versuch überhaupt gemacht wird, plötzlich an neue Regeln wie die Schrittgeschwindigkeit auf dem alten Weg halten würden. Joachim Paul (AfD) befürchtet neue Konflikte zwischen genervten Autofahrern und langsamen Radfahrern.

Befürworter pochen auf mehr Sicherheit

Die Befürworter von Grünen, CDU, SPD und Linken hielten den Versuch für unverzichtbar. Dr. Ulrich Kleemann (Die Grünen) betonte, dass die Maßnahme im Verkehrsentwicklungsplan vorgesehen sei und es sich bei der Brücke um einen „Gefahrenpunkt für Radfahrende“ handle. Er berichtete von einem riskanten Überholmanöver, das er erst kürzlich selbst auf der Brücke beobachtet habe. Auch Bert Flöck (CDU) argumentierte, dass Autofahrer schon heute Radfahrer oft regelwidrig und ohne den nötigen Sicherheitsabstand überholten. Der Versuch sei eine Chance, die Situation zu verbessern.

Christoph Kretschmer (SPD), selbst Radfahrer, rechnete vor, dass der Zeitverlust für Autofahrer minimal sei: „Wir reden von 475 Metern Brücke. Bei Tempo 50 braucht man 52 Sekunden, bei Tempo 20 1,26 Minuten. Wir reden also von 34 Sekunden.“ Sein Parteikollege Detlev Pilger räumte ein, den Versuch kritisch zu sehen, stimmte aber dafür: „Die Verkehrssicherheit sollte uns 410.000 Euro wert sein.“ Oliver Antpöhler-Zwiernik (Die Linke) erinnerte zudem an den Ratsentscheid, in dessen Folge die Überprüfung der Brückensituation beschlossen wurde.

Sorge um Fußgänger bleibt

Eine besondere Perspektive brachte die Behindertenbeauftragte Katharina Kubitza ein. Sie kritisierte, dass der bisherige Weg zu einem gemeinsamen Geh- und Radweg mit erlaubter Schrittgeschwindigkeit werden soll. Dies löse das Konfliktpotenzial für Fußgänger und mobilitätseingeschränkte Menschen – die „wirklich die Schwächsten“ im Verkehr seien – nicht. „Ich kenne niemanden, der wirklich Schrittgeschwindigkeit fährt“, gab sie zu bedenken und forderte eine strikte Trennung von Fuß- und Radweg.

Ursprünglich war im Zuge des Versuchs auch ein kleiner Kreisverkehr am Altstadt-Ende der Brücke geplant, um Radfahrern das legale Abbiegen in die Burgstraße zu ermöglichen. Dieser wurde jedoch zurückgestellt. Zuerst soll die Verwaltung ein umfassendes Verkehrskonzept für die gesamte Altstadt zwischen Peter-Altmeier-Ufer und Friedrich-Ebert-Ring erarbeiten.