Wer an Pole Dance denkt, hat möglicherweise zunächst Szenen aus Erotik- und Nachtclubs im Kopf. Dabei handelt es sich bei der Sportart um ein intensives Ganzkörper-Workout, das ein Höchstmaß an Kraft und Koordination erfordert. Genau diesen athletischen Aspekt will Tatiana Ostrovska in Koblenz in den Vordergrund rücken. Die 30-Jährige hat vor Kurzem ihr zweites Pole-Studio im Stadtteil Lützel eröffnet.
In ihrer Heimat, der Ukraine, ist das Image von Pole Dance ein völlig anderes. „Dort ist Pole Dance bereits seit vielen Jahren fest etabliert. Das sportliche Niveau ist außergewöhnlich hoch“, erklärt Ostrovska im Gespräch mit Merkurist. Die gelernte Physiotherapeutin leitete in Odessa ein Studio, das zu den größten Poledance-Schulen des Landes gehört.
Eine Entscheidung ins Ungewisse
Der Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar 2022 markierte für Tatiana Ostrovska einen tiefen Einschnitt. „Wie viele andere Menschen dachte ich damals nicht über Karriere, Sport und Zukunftspläne nach“, erinnert sie sich. Ein Kontakt aus Deutschland informierte Tatiana schließlich darüber, dass gegenüber seiner Wohnung in Koblenz eine Unterkunft frei geworden sei, für die sie sich innerhalb weniger Tage entscheiden müsse. „Das war wahrscheinlich eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens“, sagt Tatiana heute. „Ich kannte Koblenz nicht. Ich kannte niemanden außer ihn. Ich sprach nur ein wenig Deutsch und hatte keine Ahnung, wie meine Zukunft aussehen würde.“
„Nach etwas mehr als einem halben Jahr in Deutschland fand ich schließlich wieder Zugang zu einem Pole-Dance-Studio,“ blickt die 30-Jährige zurück. Die ehemalige Inhaberin des Studios, Meike Gerten, war von ihrem sportlichen Hintergrund begeistert und bot Tatiana an, die Leitung verschiedener Workshops in ihrem Studio zu übernehmen. „Mein Deutsch war damals noch weit von dem entfernt, was es heute ist“, blickt Ostrovska zurück. „Viele meiner ersten Schülerinnen waren unglaublich geduldig mit mir. Diese Frauen haben einen wichtigen Teil dazu beigetragen, dass ich mich in Deutschland zuhause fühlen konnte.“
Gemeinschaft und Akrobatik für jeden
Als die Inhaberin ihr anbot, das Studio zu übernehmen, war ihre erste Reaktion pure Ablehnung.„Mein erster Gedanke war: Auf gar keinen Fall“, erinnert sich die 30-Jährige. Trotz Zweifeln übernahm Tatiana 2024 dann aber doch Polefamily Koblenz: „Rückblickend war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“
Das Angebot in ihren Studios reicht von Pole-Dance-Training bis zu verschiedenen Events wie Junggesellinnenabschieden. „Das Schönste ist zu sehen, wie überrascht die Teilnehmer am Ende sind, was sie innerhalb einer einzigen Stunde bereits lernen konnten.“ Für Ostrovska macht genau das den Sport besonders: „Alter, Beruf, Herkunft oder Figur spielen keine Rolle.“
So vielfältig wie der Sport selbst ist auch die Zusammensetzung der Tänzer. „Unsere jüngste Schülerin ist gerade einmal fünf Jahre alt. Gleichzeitig trainieren bei uns Jugendliche, Erwachsene und auch Männer,“ erklärt Ostrovska.
Den Vorurteilen gegenüber ihrem Sport begegnet Ostrovska mit Selbstironie. „Manchmal sage ich scherzhaft, dass ich nach drei Studienabschlüssen heute mein Geld damit verdiene, an einer Stange zu tanzen“, berichtet sie mit einem Augenzwinkern. Die Wurzeln des Sports im Striptease-Bereich verleugnet die Koblenzerin nicht, betont aber explizit die Entwicklung. „Genau deshalb empfinde ich Vorurteile heute nicht mehr als Problem. Im Gegenteil: Häufig sind sie der Ausgangspunkt für ein Gespräch, an dessen Ende jemand eine völlig neue Sicht auf diesen Sport gewonnen hat.“ Für die Zukunft hat die 30-Jährige bereits neue Pläne: „Ein besonderes Herzensprojekt befindet sich derzeit im Aufbau: ein eigener Bereich für Luftakrobatik.“