Wer am ersten September-Wochenende durch Koblenz spazierte, hatte nicht das Gefühl allein zu sein. Die Stadt platzte förmlich aus alle Nähten. Das Kaiserfestival mit bekannten Sanges-Größen wie Howard Carpendale und Mark Forster lockte viele Fans ans Deutsche Eck. Dazu zwängten sich viele Flusskreuzfahrt-Touristen und Tagesausflügler durch die Altstadt-Gassen, in Restaurants und Geschäfte. Ein bekanntes Bild in den Sommermonaten, wenn ein Fest das nächste jagt. Aber wie kann Koblenz auch in den dunkleren Monaten attraktiver werden, wenn weniger Touristen kommen? Wie kann die Stadt den Leerstand von Geschäften stoppen, wie kann sie für Bewohner aus dem Umland und für die eigenen Einwohner wieder attraktiver werden?
Neun Experten sollten auf diese Fragen Antworten geben. Fast vier Stunden standen sie dem Stadtrat Rede und Antwort. Das Ergebnis? Naja, das Rad in Sachen Innenstadtbelebung haben die Damen und Herren nicht erfunden. Aber einige Erkenntnisse gab’s schon. Zum Beispiel die Sache mit den Leerständen: Zwar steht Koblenz mit einer Leerstandsquote von sechs Prozent noch relativ gut da im Vergleich mit anderen Städten. Aber die Experten gehen nicht davon aus, dass sozusagen über Nacht neue Einzelhändler auftauchen, die die Geschäfte wieder übernehmen und aus leeren Läden wieder gut besuchte Konsum-Tempel machen. Und der langfristige Trend geht – nicht zuletzt wegen des zunehmen Online-Handels – weg vom stationären Handel. Wie sagt der Kölner: „Wat fott es, es fott.“
2025: Koblenz zählte 164.000 Tagesgäste
Oder die Sache mit den Touristen: Zwar freut sich die Stadt über jeden Besucher, aber Tagestouristen geben in Gaststätten und Geschäften im Schnitt nur 25 bis 35 Euro aus. Übernachtungstouristen lassen dagegen 40 bis 140 Euro pro Tag in der Stadt. Allein die ausgefallenen Flusskreuzfahrten wegen des Niedrigwassers im Rhein haben Einzelhändlern an den betroffenen Tagen bis zu 18 Prozent Umsatzminus beschert. Im vergangenen Jahr zählte die Stadt knapp 164.000 Tagesgäste von Kreuzfahrtschiffen. Dazu kamen 461.000 Gäste, die für 892.500 Übernachtungen in Koblenz sorgten.
Und dann noch das Problem mit dem Leitmotiv. Koblenz fehlt ein Motto, eine verbindende Idee, die für Einwohner und Besucher auf den Punkt bringt, wofür Koblenz steht. Der Spruch „Koblenz verbindet“, mit dem die Stadt auf der Homepage wirbt, ist – gelinde gesagt – in die Jahre gekommen. Das gilt übrigens auch für die vergilbt wirkenden Werbevideos im Retro-Look. Es spricht für sich, dass Experten zu Recht darauf aufmerksam machten, dass der Wein als das markanteste Koblenzer Kulturgut in der Innenstadt so gut wie nicht vorkommt. Warum bieten die lokalen Winzer eigentlich keine gemeinsame Verkostungsstation an, wie das in anderen Weinregionen üblich ist?
Oder warum wird der Schängel nicht offensiver präsentiert? Der tägliche Touristen-Auflauf am Schängelbrunnen zeigt doch, wie die Besucher auf die Figur abfahren. Jeder Fußballklub hat ein Maskottchen, dass im Kostüm am Spielfeldrand steht. Warum gibt es keine Schängel-Figur, die durch die Stadt tigert und für Selfies mit Touristen parat steht? Wer den langwierigen, lächerlichen Streit um die Schängel-Ampel in Erinnerung hat, muss unweigerlich das Gefühl haben, dass die Stadt sein Wahrzeichen eher verstecken als öffentlich verkaufen will.
Wenn die Anhörung im Stadtrat eines gebracht hat, dann ist es die Erkenntnis: Es gibt viel zu tun für die Stadtspitze.