Bei der Durchsicht des Archivbestands der Pfarrei Heilig Geist in Koblenz-Ehrenbreitstein hat der ehrenamtliche Archivar Manfred Diehl eine beachtliche Entdeckung gemacht: Eine rund 500 Jahre alte Schrift des Reformators Martin Luther (1483-1546).
Bei seinem Fund handelt es sich um Luthers Schrift „De servo arbitrio“ (Über den geknechteten Willen) aus dem Jahr 1525, welche hinter das Werk „De libero arbitrio“ (Vom freien Willen) des niederländischen Universalgelehrten Erasmus von Rotterdam (146?-1536) gebunden war.
Zwei einflussreiche Vertreter ihrer Zeit
Die beiden Werke stellen die zentralen Streitschriften einer der größten Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts dar. Auf der einen Seite stand der Theologieprofessor Martin Luther, welcher durch die Veröffentlichung seiner 95 Thesen 1517 die Kirchenspaltung auslöste. Auf der anderen Seite der Universalgelehrte Desiderius Erasmus von Rotterdam, der heute als der einflussreichste Vertreter des europäischen Humanismus gesehen wird. Humanismus („Menschlichkeit“) bezeichnet eine Weltanschauung, die den Menschen, seine Würde und Fähigkeit zur Vernunft, in den Mittelpunkt stellt.
Luthers Schrift ist eine direkte Antwort auf die Thesen von Erasmus. Die beiden Schriften gehören daher inhaltlich untrennbar zusammen. „Wenn Sie die Luther-Schrift lesen, werden Sie diese nicht verstehen, wenn Sie nicht vorher Erasmus-Schrift gelesen haben“, erklärt der Professor für Kirchengeschichte der Universität Koblenz, Thomas Martin Schneider, im Gespräch mit Merkurist. Obwohl es also inhaltlich Sinn ergab, die Bücher gemeinsam aufzubewahren, war der Besitz von Luthers Teil verboten.
Ein gefährlicher Besitz im katholischen Koblenz
Im Januar 1521 wurde Martin Luther vom Papst Leo X. von der Kirche ausgeschlossen (exkommuniziert) und mit der Reichsacht belegt. Konsequenz war der Verlust des gesamten Besitzes sowie die Erlaubnis zur straffreien Tötung. „Es war nicht nur verboten, Luthers Schriften zu lesen, sondern, diese überhaupt zu besitzen“, erläutert Professor Schneider. Wer erwischt wurde, musste die Bücher zur Verbrennung aushändigen. Im damals streng katholischen Koblenz konnte die Reformation kaum Fuß fassen. Protestanten wurden verfolgt und mussten ihren Glauben im Geheimen leben. Deshalb ist der Fund dieser protestantischen Schrift in einer katholischen Region durchaus besonders. Laut Professor Schneider liege die Vermutung nahe, dass man die Luther-Schrift absichtlich hinter der Erasmus-Schrift versteckt habe. „Psychologisch würde ich immer sagen, dass verbotene Dinge immer einen besonderen Reiz haben“, veranschaulicht Schneider. Erst mit dem Code Napoléon (1804) wurde in Koblenz die Religionsfreiheit eingeführt, die es Protestanten erlaubte, offiziell Gemeinden zu gründen.
Entdecker Manfred Diehl hofft, dass er durch seinen Fund andere Ehrenamtliche ermutigen kann, in den Archiven genauer hinzusehen. Diesen Freitag haben Interessierte die Chance im Rahmen der „Nacht der offenen Kirchen“ (22. Mai 2026) in der Kapuzinerkirche in Ehrenbreitstein mehr über das Fundstück zu erfahren. Weitere Informationen gibt es hier.