Heute vor 60 Jahren: Als ein echter Wal fast bis Koblenz schwamm

Es ist eine Geschichte, die auch 60 Jahre später unglaublich klingt: Ein weißer Wal schwamm im Rhein. Moby Dick hielt die Region wochenlang in Atem und wurde zum Symbol für den Tierschutz.

Heute vor 60 Jahren: Als ein echter Wal fast bis Koblenz schwamm

Ein weißer Wal im Rhein? Was heute wie eine Fantasiegeschichte klingt, wurde vor genau 60 Jahren zur Realität. Ein verirrter Beluga sorgte wochenlang für ein Spektakel, das die Menschen von Duisburg bis nach Rheinland-Pfalz fesselte und eine hitzige Debatte auslöste.

Alles begann am 11. Mai 1966 mit einer Meldung, die bei der Wasserschutzpolizei in Duisburg zunächst für Kopfschütteln sorgte. Rheinschiffer berichteten von einem weißen Wal im Fluss. Die Beamten waren so skeptisch, dass sie laut Berichten erst einen Alkoholtest anordneten. Doch die Männer hatten recht. Ein rund vier Meter langes, arktisches Säugetier, das bald den Namen „Moby Dick“ tragen sollte, schwamm tatsächlich den Rhein hinauf.

Eine umstrittene Jagd beginnt

Das Tier wurde zur Attraktion, die Tausende an die Ufer lockte. In Bonn verließen sogar Journalisten die Pressetribüne des Bundestags, um den Wal zu sehen. An Bord des Ausflugsschiffes „Bismarck“ kam es zu einer brenzligen Situation, als alle Passagiere auf eine Seite stürmten und das Schiff in bedrohliche Schieflage brachten. Die Begeisterung für den seltenen Gast schlug jedoch bald in handfesten Aktionismus um. Der Direktor des Duisburger Zoos, Wolfgang Gewalt, wollte den Wal als neue Sensation für sein Haus fangen.

Diese Jagd auf den Wal mit Netzen und Betäubungspfeilen löste eine Welle der Entrüstung aus. Tierschützer versuchten, die Fangversuche zu stören, und aus den Niederlanden kam offizieller Protest. Die umstrittenen Aktionen wurden schließlich eingestellt. Die Reise durch das damals stark verschmutzte Rheinwasser hinterließ währenddessen sichtbare Spuren. Die ursprünglich weiße Haut des Tieres nahm eine schmutzig-graue Färbung an.

Ein Symbol für den Umweltschutz

Wie der Beluga überhaupt in den Rhein gelangen konnte, ist bis heute ein Rätsel. Eine oft erzählte, aber nie bestätigte Geschichte handelt von einem Tiertransport nach England, bei dem der Wal während eines Sturms über Bord gespült worden sein soll.

Nach fast einem Monat und rund 300 geschwommenen Kilometern drehte Moby Dick schließlich bei Rolandseck von selbst um und nahm Kurs auf die offene See. Am 16. Juni 1966 wurde er zum letzten Mal bei Hoek van Holland gesichtet. Ob er den Weg zurück in seine arktische Heimat fand, ist nicht bekannt. Seine Reise gilt aber als Weckruf für den Umweltschutz und als einer der Auslöser für die Tierschutzbewegung in Deutschland. In Bonn erinnert bis heute ein Ausflugsschiff mit seinem Namen an den wohl berühmtesten Besucher, den der Rhein je hatte.