Marko Boos ist seit dem 1. Januar 2025 Landrat des Kreises Mayen-Koblenz. Im Gespräch mit Merkurist zieht er eine erste Bilanz seiner Amtszeit, die von großen finanziellen und strukturellen Herausforderungen, der angespannten Situation im Gesundheitsbereich sowie Problemen im öffentlichen Nahverkehr geprägt war. Dabei spart der SPD-Politiker nicht mit Kritik am politischen System und an starren Verwaltungsstrukturen, die er nun aufbrechen will. Sein Parteibuch spiele bei seiner Arbeit keine Rolle: „Ich sehe das so, dass ich hier aus diesem Büro für diesen Landkreis keine Partei mit reinbringe.“
Obwohl er Mitglied der SPD ist und bleiben will, zeigt er sich unzufrieden mit dem Kurs seiner Partei und dem ständigen Gegeneinander der politischen Lager. Für ihn stehe die Arbeit für den Landkreis im Vordergrund. Die Zusammenarbeit im Kreistag mit den anderen Parteien funktioniere gut. Alle säßen im selben Boot – egal, welcher Fraktion man angehöre. Und das sähen glücklicherweise auch die meisten so.
Klartext auf Augenhöhe und persönliche Veränderungen
Das erste Jahr im Amt hat auch persönliche Spuren hinterlassen. „Ich arbeite rund 25 Stunden mehr pro Woche für das gleiche Geld“, sagt Boos mit einem Augenzwinkern. Anders als früher oft üblich, ordnet er seinem Job aber nicht alles unter. Feste Familienzeiten sind ihm heilig. „Ich versuche, möglichst viele Termine mit meiner Frau gemeinsam zu machen. Ich versuche, mir die Fußballspiele meiner Kinder anzugucken“, sagt er. Dass sein Terminkalender deutlich voller geworden sei, stelle er nicht infrage. „Aber ich glaube, das haben wir ganz gut hinbekommen.“ Für ihn ist es selbstverständlich, auch abends am Sportplatz präsent zu sein oder seine Söhne vom Training abzuholen. „Das gehört dazu“, sagt der Familienvater.
Auf die Frage, ob der Job seine Kompromissbereitschaft erhöht habe, antwortet der Landrat mit einem klaren „Nein“. Er sei jemand, der sagt, was er denkt, und seine Linie durchzieht. „Von mir kriegt man immer Gegenwehr, wenn es um eigene Profilierung geht oder darum, irgendwie seine Partei nach vorne zu bringen“, stellt er klar. Das Wohl der Bürger und des Kreises stehe an erster Stelle.
Grundsätzlich schätzt er aber den offenen Austausch, auch mit den Bürgermeistern der Städte und Verbandsgemeinden. Auseinandersetzungen gehören für ihn zur Demokratie dazu. „Ich finde das wichtig, dass es mal rappelt, weil natürlich hat jeder seine Bedürfnisse und die will er auch durchsetzen“, erklärt er. Entscheidend sei, dass die Debatten „respektvoll und auf Augenhöhe“ geführt werden. Diese Haltung führe dazu, dass er mit allen Bürgermeistern im Kreis einen „richtig guten Austausch“ pflege.
Vom Beobachter zum konsequenten Reformer
Rückblickend beschreibt Boos sein erstes Jahr auch als eine bewusste Beobachtungsphase. „Das erste Jahr war ein Jahr, in dem ich mir angeschaut habe: Was ist hier im Haus los, was musst du tun?“, sagt er. Zwar seien einige Veränderungen zunächst zügig angestoßen worden, doch habe sich der Fortschritt hier und da verlangsamt. Alles in allem sei aber zunehmend deutlich geworden, dass er die angekündigten Reformen mit Nachdruck verfolge. Über die Weihnachtstage habe er deshalb noch einmal bewusst innegehalten. In den 14 freien Tagen zu Hause habe er „Tabula rasa gemacht“ und kritisch reflektiert, was gut gelaufen sei, was nicht und was sich ändern müsse. „Und genau das mache ich jetzt auch“, kündigt er an. Nach einem Jahr des Beobachtens werde er das zweite Jahr deutlich anders gestalten und seinen Weg konsequenter verfolgen.
Trotz des neuen, härteren Kurses in der Sache will er seinen persönlichen Umgangsstil beibehalten. Dazu gehört eine lockere Kommunikationskultur. Er ärgere sich aber darüber, dass er es bei über 800 Mitarbeitern in der Kreisverwaltung nicht schaffe, sich alle Namen zu merken, wie an seiner alten Wirkungsstätte, dem Mayener Jugendhilfezentrum Bernardshof. Seine Tür stehe für die Mitarbeiter immer offen, auch wenn er nicht jedes Problem lösen könne. Oft sei es aber „ein Fehler des Systems“.
„Deppen in der Nahrungskette“
Ein solcher Systemfehler ist für ihn der Wettbewerb um Fachkräfte. Die Kreisverwaltung könne bei der Bezahlung oft nicht mit Landes- oder Bundesbehörden mithalten. „Wir sind die Deppen in der Nahrungskette“, sagt der Landrat deutlich. So würden qualifizierte Quereinsteiger aus der Wirtschaft aufgrund fehlender Verwaltungsabschlüsse in niedrigere Entgeltgruppen eingestuft. Gleichzeitig würden langjährige Mitarbeiter zu besser bezahlten Posten bei anderen Behörden abwandern, wo teilweise auch für weniger Verantwortung mehr Gehalt gezahlt werde.
Diesen Zustand will er nicht länger hinnehmen und hat sich bereits in einem Brief an Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) gewandt. Er kündigt an, weiter dafür zu kämpfen, Mitarbeiter leistungsgerecht bezahlen zu können. „Das mache ich nicht mehr mit“, so Boos kämpferisch.
Kreisverwaltung umbauen und eine „MYKer“-Identität schaffen
Um die Bürger besser über die Vorgänge im Kreishaus zu informieren, setzt Boos verstärkt auf Social Media. Dieses Versprechen aus dem Wahlkampf löst er ein, indem er auf Facebook und Instagram Einblicke in seine Arbeit gibt. Zwar bekämen private Posts mehr Zuspruch, doch die Inhalte aus dem Kreishaus würden gesehen und verstanden. „Das wird dieses Jahr noch intensiver werden, damit die Leute einfach verstehen, warum passiert das hier im Haus“, kündigt er an.
Für die kommenden Jahre hat sich der Kreischef viel vorgenommen. Eine seiner Prioritäten ist die Umstrukturierung der Kreisverwaltung und des Jugendamtes. Angesichts des Fachkräftemangels müsse die Verwaltung durch Digitalisierung und neue Arbeitsmodelle wie Desk-Sharing zukunftsfest gemacht werden. Zudem ist ein neuer Ältestenrat in Planung, der die Fraktionen enger in die politische Arbeit einbinden und die Zusammenarbeit stärken soll.
Ein weiteres Herzensprojekt ist die Schaffung einer gemeinsamen Identität für den Landkreis. „Wir müssen es schaffen, aus diesem Landkreis endlich eine Gemeinschaft zu machen“, erklärt Boos. Sein Ziel ist es, dass sich die Menschen nicht nur als Mayener oder Vordereifeler, sondern als „Mayen-Koblenzer“ fühlen. Weitere große Themen seien die Einrichtung eines neuen Katastrophenschutzzentrums in Mendig und die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs. Hier gelte es, Fehler aus der Vergangenheit bei der nächsten Ausschreibung zu vermeiden. Sein größter Wunsch für die Zukunft: „Dass wir hier weiterhin an einem Strang ziehen.“