„So eine Achterbahnfahrt, habe ich noch nicht erlebt“

Die Universitäts-Europameisterschaft hatte für den aus Idar-Oberstein stammenden Coach Moritz Adam einige Turbulenzen parat. Eine Woche voller Videoanalysen, Eisbäder, „Powerposing“, einem Finale und Nächten, in denen die „Hütte abgerissen“ wurde.

„So eine Achterbahnfahrt, habe ich noch nicht erlebt“

Als der aus Idar-Oberstein stammende Moritz Adam freitagsmorgens um 04:30 Uhr im polnischen Bydgosczc aus dem Bussteigt, weiß der Co-Trainer der Universitäts-Handball-Mannschaft WG Köln noch nicht, was für eine turbulente Woche ihn erwartet. Er ist mit einigen Spielern zum ersten Turniertag nachgereist, während sich die Vorhut schon einmal im polnischen Nachtleben ausgetobt hat. Problem: Das erste Gruppenspiel gegen die Universität von Porto steht schon um 08:30 Uhr an.

„Nach eineinhalb Stunden Schlaf haben wir dann auch das erste Gruppenspiel knapp verloren“, resümiert Adam, der normalerweise den Mülheimer TV trainiert, zerknirscht die Auftaktniederlage. „In Normalform hätten wir diesen Gegner locker schlagen müssen, deshalb waren wir alle sehr enttäuscht. Doch der Turniermodus erlaubte eine Niederlage, in der Folge gelang es den Fokus besser umzusetzen. Nach einer von Moritz Adam vorbereiteten Videoanalyse wurde das nächste Spiel gegen Norwegen deutlich gewonnen. „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir aber immer noch eigene Fehler im Spiel“, erklärt Adam. „Insbesondere nach dem ersten Spiel hat glaube ich keiner wirklich geglaubt, dass wir im Turnier weit kommen würden.“

Diese Einstellung änderte sich im dritten Gruppenspiel gegen die spanische Universität von Granada, in dem Keeper Nils Thorben „Toto“ Schmidt – der später zum besten Torwart des Turniers ausgezeichnet wurde – und Marian Dahlke einen Sahnetag erwischten. Gegen die Uni, die wie ein eigener Klub im spanischen Ligabetrieb agiert, gewannen die Kölner mit 22:20 ohne nach der Halbzeit noch einmal die eigene Führung abzugeben. „Das war der Wendepunkt im Turnier“, bilanziert Adam. „In dem Spiel haben wir gemerkt: Hier geht was!“

Zu viel Negativität im Viertelfinale - Adam greift in die Trickkiste

Eine weitere Mentalitätsprobe bestand die Mannschaft dann im Viertelfinale gegen Rumänien, in dem die WG zur Pause mit zwei Toren ins Hintertreffen geriet. „Wir hatten sehr viel Unruhe im Team und sehr viel Negativität von der Bank, das hat mir nicht gefallen“, kritisiert Adam den Auftritt. Durch eine Umstellung zum Seitenwechsel gelang es jedoch noch das Spiel zu drehen, davonzuziehen und die Führung souverän nachhause zu bringen. Dennoch wollte Adam, der nach dem Halbfinale auf sich allein gestellt war, da sein Chefcoach das Turnier aus privaten Gründen verlassen musste, die Einstellung der Mannschaft optimieren und griff dafür tief in die Trickkiste. „Wir haben zum Beispiel Powerposing gemacht, bei dem man eine breite Brust zeigt und die Hände in die Hüften stemmt“, schildert der Idar-Obersteiner. „Das steigert das Testosteron im Körper um 10%.“ Offensichtlich mit Erfolg, im Halbfinale wartete nämlich der nächste Brocken aus Portugal. Ähnlich wie die Spanier spielt die Uni im landeseigenen Ligabetrieb als Klub.

Drama im Halbfinale gegen Portugal

In einem durch die Schiedsrichter provozierten zerfahrenen Spiel, zeigten die Portugiesen eine unangenehme Verteidigung. „Das war unser fünftes Spiel am fünften Tag, wir sind schon ein bisschen auf dem Zahnfleisch gegangen“, gesteht Adam ein. So konnte der Gegner auch zehn Minuten vor Schluss auf drei Tore wegziehen und als dieser Vorsprung vier Minuten vor der Schlusssirene noch Bestand hatte, war die Partie eigentlich gelaufen. „Wir haben aber eine positive Körpersprache bewahrt und immer daran geglaubt“, lobt Adam sein Team. Mit einem Rückstand von zwei Toren 120 Sekunden vor dem Ende, stellte das Trainerteam noch einmal um und provozierte damit leichte Fehler der Portugiesen, die sich in dieser Phase zudem noch mit zwei Zwei-Minuten-Strafen konfrontiert sahen.

Adams Team drehte die Partie komplett und führte zwanzig Sekunden vor dem Ende mit einem Tor, als die Portugiesen einen Siebenmeter zugesprochen bekommen, den der beste Torwart des Turniers aber entschärfen kann – Adams Team ist im Finale und hat die Silbermedaille sicher! „So eine Achterbahnfahrt habe ich noch nicht erlebt“, erklärt Adam seine Gefühlslage nach dem Spiel.

Finale gegen altbekannte Gegner

Und die Loopings gingen weiter. „Ich war noch nie so nervös vor einem Spiel, wie vor dem Finale“, gesteht Adam. Um sich zu entspannen, machte er mehrere Atemübungen und legte sich mehrere Minuten ins Eisbad – mit Erfolg. „Danach hatte ich eine super positive Einstellung“, empfiehlt Adam jedem, der unter Stress oder Anspannung leidet, die Maßnahmen. Doch trotz der positiven Einstellung von Coach und Team im Finale fehlten die Körner, um es auch auf den Platz zu bringen. „Wir mussten die ganze Partie über einem Rückstand hinterherlaufen“, erklärt der Idar-Obersteiner die Schwierigkeiten der Partie gegen die Spanier, die man in der Gruppenphase schon bezwungen hatte. Nachdem Kreisläufer Dustin Thöne dann nach seiner dritten Zwei-Minuten-Strafe vom Platz flog, war der Stecker gezogen.

„Wir waren schon alle sehr enttäuscht, aber im Nachhinein ist die Silbermedaille absoluter Wahnsinn“, resümiert Adam das Turnier. „Außerdem haben wir dann in Polen noch sowas von die Hütte abgerissen!“ Um halb sechs kam die Mannschaft vom Feiern aus der Stadt nachhause und hielt dann in der Unterkunft noch die Hotel-Security mit diversen Zimmer-Partys auf Trapp, ehe um zwölf der Bus in die Heimat losfuhr. „Wir haben so viel Zuspruch und Support bekommen, das war schon der Wahnsinn“, freut sich Adam abschließend und konnte im Bus auf eine erfolgreiche Woche zurückblicken.

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