Jüdisches Leben in Deutschland schützen

Hinter uns liegt eine aufwühlende Woche, in der Rechtsextremismus und Antisemitismus in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt sind.

Jüdisches Leben in Deutschland schützen

Vor genau sieben Tagen habe ich in Paris die Gedenkstätte für die Opfer der Shoah besucht. 2005 eröffnet ist sie zentraler Ort des Gedenkens an die Zeit des Holocaust und der Judenverfolgung im von den Nazis besetzten Frankreich und des Vichy-Regimes. Die dortige Dauerausstellung schließt mit einem Raum, in dem man umgeben ist von 4.700 Bildern, die Kinder und junge Erwachsene zeigen. Sie alle sind unter der Herrschaft der Nazis deportiert worden. Diese Menschen hatten keine Chance, so groß zu werden, wie es meiner Generation möglich ist - in Frieden, Freiheit, Wohlstand und einem geeinten Europa.

Ich habe nach diesem Besuch mit einem Freund über Rechtsextremismus und Antisemitismus diskutiert. Ich war so naiv, es nicht für möglich zu halten, dass diese Themen über 70 Jahre nach Kriegsende unser Land plötzlich wieder derart in Atem halten. Dass in Halle zwei Menschen von einem Antisemiten getötet wurden, ist schrecklich. Gleichwohl galt ihnen diese Attacke eigentlich nicht. Eine einzige verschlossene Tür hat den Täter daran gehindert, an Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungsfest, in einer Synagoge ein Blutbad anzurichten.

Dass sich Menschen in diesem Land wieder zunehmend radikalisieren, in die politisch ganz extremen und gesellschaftlich isolierten Bereiche abrutschen, einen antisemitischen Anschlag planen, ihn live im Internet übertragen und dabei bereit sind, vielfach und wahllos zu töten, war für mich nicht vorstellbar.

Dass wir 2019 darüber diskutieren, inwiefern eine Synagoge polizeilich vor Angriffen geschützt sein muss, ist erschreckend. Man stelle sich vor, es bedürfe an Heiligabend dem Schutz bewaffneter Beamter, um einen Gottesdienst besuchen zu können. Diese Tatsache ist ein dringender Handlungsauftrag. Dass jüdisches Leben in Deutschland nur unter besonderen Schutzmaßnahmen stattfinden kann, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

Ich glaube, dass die zunehmende Radikalisierung in der politischen Auseinandersetzung eine Mitschuld daran hat, dass solche Maßnahmen nötig sind. Krude Verschwörungstheorien, latenter Rassismus, pseudowissenschaftliche getarnte Diskriminierung und ein fortwährendes Überschreiten roter Linien, treibt einige Menschen ins Extreme. Dort sind sie meist völlig isoliert von anderer Meinung menschenverachtenden Ideologien ausgesetzt, die sie vereinnahmen und offensichtlich bis zum Äußersten treiben können.

Es liegt in unser aller Verantwortung uns diesen Tendenzen entgegenzustellen, für die offene Gesellschaft, ein Klima der Toleranz und unser demokratisches Miteinander zu kämpfen. Unser Staat hat den Auftrag konkret gegen rechtsextreme und antisemitische Strukturen zu handeln. Zeigen wir in diesen Tagen einmal mehr Solidarität mit den jüdischen Gemeinden in unserem Land. Kein Mensch darf wegen seines Glaubens in Angst leben.

Matthias Keidel ist 26 Jahre alt und kommt aus Kirschweiler. Der Kreis- und Fraktionsvorsitzende der Freien Demokraten arbeitet als Referent für Öffentlichkeitsarbeit, Medien, Digitale Infrastruktur, Netzpolitik sowie Gleichstellung und Frauenförderung in der FDP-Fraktion im Landtag Rheinland-Pfalz. Der Werder Bremen-Fan will jungen Menschen Lust auf Politik im ländlichen Raum machen und sieht sich selbst dem sozialliberalen Flügel der Freien Demokraten verbunden.

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