Im faszinierendsten Zirkus der Welt

Unser Autor Max Storr wird derzeit in der RTL-Journalistenschule ausgebildet. Im August war er in der Sportredaktion auf Station. Und erlebte dabei die Formel 1 hautnah. Hier schildert er seine Erfahrungen.

Im faszinierendsten Zirkus der Welt

Die Formel 1 – Königsklasse des Motorsports, auch gerne als Formel-1-Zirkus bezeichnet. Warum die Formel 1 ein Zirkus sein soll, habe ich mich schon des Öfteren gefragt. Wahrscheinlich wieder nur so eine Floskel, wie wir sie aus der Welt des Sports zu Genüge kennen, denke ich mir. Erst vier Tage später, nach dem ersten Formel-1-Wochenende meines Lebens wird mir klar, wie viel Wahrheit in dieser Metapher steckt.

Aber zunächst ist es Donnerstag und es geht nach Spa. Von Köln aus ist das eine entspannte Fahrt. Wir brauchen knapp 2 Stunden bis zu unserem Ziel und bevor wir überhaupt an der Strecke ankommen, ahne ich schon, was hier in den nächsten Tagen los sein wird. Spa – dieser beschauliche Kurort in Belgien im Ausnahmezustand. Schon am Donnerstagmorgen pilgern die ersten Formel-1-Fans durch die Straßen, versorgen sich mit Bier, Wurst oder belgischen Waffeln. Viele von ihnen im orangenen Dress. Den Farben ihres Heimatlandes. Denn der belgische Grand-Prix ist fest in der Hand der Max-Verstappen-Fans. Noch ist dieser Zirkus aber ein ruhiger, zumindest aus Sicht der Zuschauer. Schließlich wird erst ab Samstag so richtig heiß. Für die Pressevertreter, aber auch die Fahrer ist trotzdem schon genug zu tun.

Donnerstag ist Medientag. Und die Formel 1 ist schließlich ein gigantisches Medienspektakel. Dieses Spektakel jenseits der Strecke spielt sich im Paddock ab. Das Paddock ist im Prinzip eine kleine Stadt in unmittelbarer Nähe der Rennstrecke. Eine Kleinstadt, die in kürzester Zeit für ein langes Wochenende in die Höhe geschraubt und genauso schnell wieder abgebaut wird. Hier präsentieren sich die Teams in ihren jeweiligen Häusern, die für Fahrer, Journalisten, Promis, Ingenieure und weitere Teammitglieder geöffnet sind. Gebannt sehe ich mich um. Am meisten lockt mich das Ferrari Haus, an dem ein kleines italienisches Buffet aufgebaut ist und die Leute offenbar nur italienisch sprechen. Später erfahre ich, dass sich Pressevertreter vor allem im Rennstall ihres Heimatlandes verstärken sollen. In meinem Fall also Mercedes. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich aber schon an den Künsten der italienischen Küche erfreut. Naja, für das nächste Mal weiß ich es.

Im Paddock werden schon fleißig Interviews gegeben – und Selfies gemacht. Immer wieder sieht man die Matadoren, die Superstars der Szene entspannt und aus nächster Nähe an einem vorbei huschen: Sebastian Vettel, Lewis Hamilton, Charles Leclerc oder auch Renault-Fahrer Daniel Ricciardo, der immer für einen Spaß zu haben ist. Der Zirkus ist in vollem Gange, aber nicht überall so prunkvoll. In der knallengen Kabine der RTL-Formel-1-Kommentatoren Heiko Wasser und Christian Danner ist es vorbei mit dem Luxus. Der Blick aus der Kabine ist genauso schmal wie der Bewegungsradios in dieser Abstellkammer. Dazu noch die Technik, die gerade aufgebaut wird und den Raum zusätzlich aufheizt.

Während ich den Donnerstag und den Freitag vor allem nutze, um mir ein Bild von diesem Zirkus zu machen, geht es am Samstag richtig los. In den Zuschauerhängen formiert sich eine farbenfrohe Front, die Orange-Army, die Max-Verstappen-Anhänger sind klar in der Überzahl. Um die Strecke in Spa sind zahlreiche Tribünen aufgebaut. Sie gehört zu den längsten Strecken der Formel-1-Serie. Besonders prominent: Die „Eau Rouge“. Und wie gefährlich diese Kurve ist soll sich an diesem Abend noch zeigen. Der Formel-2-Fahrer Anthoine Hubert verunglückt ausgerechnet in der berüchtigtsten Formel1-Kurve nach einem Horror-Unfall. Und plötzlich spürt man förmlich, wie dieser sonst so bunte Zirkus seine Farbe verliert. Der Formel 1 steht still. Keine scherzenden Fahrer, sondern Bestürzung, Betroffenheit, ja sogar Fassungslosigkeit. Ein Blick in leere Gesichter. Auch für die Journalisten eine alles andere als gewöhnliche Situation. Dennoch ist es wichtig, professionell mit der Situation umzugehen, das weitere Vorgehen zu planen. Denn am nächsten Tag nimmt der Zirkus wieder seinen Betrieb auf, holt sich seine Farbe zurück.

Die Formel 2 sagt ihre Rennen zwar ab, die Formel 1 aber wird fahren. Auf der Pole Position: Der junge Charles Leclerc im Ferrari. Ausgerechnet an diesem Tag fährt er vorweg, feiert mit dem Sieg den größten Triumph seiner Karriere. Wenige Stunden, nachdem sein Freund und ehemaliger Wegbegleiter auf der Strecke sein Leben ließ. Formel-1-Fahrer sind nämlich Verdrängungskünstler, lasse ich mir erklären. Ohne diese Fähigkeit könnte man wohl auch nicht guten Gewissens in einen 700-PS-Boliden einsteigen und mit über 300 km/h über den Asphalt brettern. Das Risiko fährt immer mit, auch wenn es durch die heutigen Sicherheitsvorkehrungen minimiert ist.

Für die knapp 50.000 Max-Verstappen-Fans ist es im Übrigen ein Tag zum Vergessen. Ihr Held fliegt über den Asphalt ins Kiesbett und ist schon in der ersten Runde aus dem Rennen. Und auch unser Team verabschiedet uns nach allmählich nach vier Tagen aus Spa. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Verkehrschaos ist vorprogrammiert, erklärt mir unser Fahrer. Er kennt eigentlich alle Schleichwege, an diesem Abend hilft uns das aber nicht. Wir brauchen über eine Stunde, um aus Spa herauszukommen. Auch die anderen Teams, Journalisten und Produktionsteams werden sich in den nächsten Stunden auf den Weg machen. Die meisten nach Monza, wo der Formel 1-Tross vier Tage später Einzug hält. Spätestens jetzt habe ich verstanden, warum die Formel-1 ein Zirkus ist – der vielleicht größte und faszinierendste der Welt.

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