Hat es sich früher anders als Student gelebt, als heute?

Ehemalige und aktuelle Studenten der Goethe-Universität erzählen, was ihr Leben als Student ausmachte beziehungsweise ausmacht. Dabei kam ein Unterschied ans Licht und überraschend viele Gemeinsamkeiten.

Hat es sich früher anders als Student gelebt, als heute?

Das ehemalige rötliche Hauptgebäude des Campus Bockenheim ist von einem Bauzaun umgeben. Erste Fenster und Teile der Fassade sind bereits saniert und erneuert worden; über dem Haupteingang ist nun das Wort „Senkenberg“ eingraviert - ein Zeichen dafür, dass das Gebäude bald nicht mehr in der Hand der Universität ist und dass die Fachschaften und Studenten auf den Campus Westend umziehen. Damit ist die Zeit vorbei, in der der Campus Bockenheim von Studentenmengen zu überlaufen drohte. Von außen ist der Wandel des Studentenlebens sichtbar, doch hat sich abgesehen von dem örtlichen Wechsel wirklich etwas verändert? Merkurist hat mit ehemaligen und aktuellen Studenten der Goethe-Universität gesprochen.

Herausforderungen durch Prüfungen

Früher: Heinz Hänel sitzt in der Caféteria im großen, grauen Gebäude der Rechtswissenschaften und der Verwaltung auf dem Campus Bockenheim. Vor ihm steht ein Plastikbecher gefüllt mit Kaffee aus dem Automaten. „Früher gab es hier eine richtige Theke“, sagt der 62-Jährige. Hässlich sei der Campus aber schon immer gewesen - auch in seiner Studienzeit zwischen 1976 und 1981. „Die Leute sind geflüchtet, weil es ja hässlich hier war“, so Hänel. Der Campus sei überfüllt gewesen, im Studentenhaus habe es gestunken. „Es war dreckig und zu sehr '68 für mich.“ Im Café „Koz“ habe er nach dem Preis für einen Kaffee gefragt und als Antwort „Gib was du kannst!“, erhalten.

„Wenn man sich mit den Professoren gut verstanden hat, dann hat man sich dabei nett unterhalten.“ - Heinz Hänel, ehemaliger Zoologie-Student

Damit sei er als Student der Biologie mit Schwerpunkt Zoologie genauso überfordert gewesen, wie mit den politische Aktivisten, die versucht hätten ihn politisch zu überzeugen. „Im Vergleich zu der 68er-Bewegung waren die alle weichgespült“, erzählt Hänel.

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„Trotzdem war ich als junger Biologe damit intellektuell überfordert.“ Mit seinem Studium kam der 62-Jährige hingegen gut zurecht. Er habe praktisch keine schriftlichen Prüfungen gehabt, nur mündliche. „Wenn man sich mit den Professoren gut verstanden hat, dann hat man sich dabei nett unterhalten.“

Heute: Diskussionen mit den Professoren und Kommilitonen sind auch heute noch an der Tagesordnung - zumindest in Juliane Koswigs Philosophie-Kursen und Seminaren in Politikwissenschaft.

„Ich finde es toll, dass uns die Profs den Freiraum dazu lassen.“ - Juliane Koswig, Studentin der Politikwissenschaft

„Die Streitgespräche machen ziemlich Spaß“, sagt die 19-Jährige, die für ihr Studium von der Baden-Würtembergischen Stadt Offenburg nach Frankfurt zum Studium gekommen ist. „Ich finde es toll, dass uns die Profs den Freiraum dazu lassen.“ Stressig sei ihr Studium bis jetzt in der Mitte des ersten Semesters noch nicht gewesen, erzählt Juliane, während sie mit übereinandergeschlagenen Beinen entspannt auf einer der Holzbänke im PEG-Gebäude sitzt. „Mein Studienfach ist eher entspannt, es herrscht ja keine Anwesenheitspflicht und ich kann dann lernen, wenn ich mein Motivationshoch habe.“ Zwei bis drei Veranstaltungen habe sie pro Tag, mittwochs und freitags hat sie frei.

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Bei Problemen hilft man sich untereinander weiter, so Dominik Rauth, der Politikwissenschaften und Koreanisch studiert. Vieles, vor dem er anfangs Respekt gehabt habe, lerne der 19-jährige Erst-Semestler während er die Aufgabe angehe.

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Finanzieller Druck und Nebenjob

Früher: Gelernt hat auch Gunta Saul während ihres Soziologie-Studiums von 1974 bis 1980 nach eigenen Aussagen viel - unter anderem auch, wie man eine „Doppelexistenz“ führt. Neben dem Studium hat die ehemalige Studentin viel gearbeitet. Mal war sie HiWi bei der katholischen Theologie, mal Verwaltungsangestellte bei den Juristen, mal hat sie Tutorien gehalten, mal hat sie als Aushilfskraft abseits der Uni ihr Geld verdient.

„Man musste halt Geld verdienen.“ - Gunta Saul, ehemalige Soziologie-Studentin

„Es gab schon komische Jobs“, sagt Saul. „Aber man musste halt Geld verdienen.“ Das und der regelmäßige Umzug von WG zu WG sei anstrengend gewesen und trotzdem habe sie noch genug Zeit für ihr Studium und ihr Sozialleben gehabt, so Saul während sie im „Café Crumble“ - der ehemaligen Buchhandlung Huss'sche - einen Kaffee trinkt und ihre alten Studienbücher mit den Scheinen für die einzelnen Veranstaltungen durchblättert.

Heute: Geld spielt auch für Juliane eine Rolle, deswegen hat sie sich für eine Wohnung im benachbarten Mühlheim und nicht für ein Zimmer in Frankfurt entschieden. Da sie das „Deutschlandstipendium“ bekommen und somit für das nächste Jahr 300 Euro pro Monat von Spenden von Privatpersonen oder Firmen und aus öffentlichen Geldern erhält, sei der finanzielle Druck aber nicht so groß. Zudem habe sie im Sommer durch Nachschichten bei einem Industrie-Unternehmen einiges an Geld angespart. Ein Job muss trotzdem bald her. Ihr Kommilitone Dominik hat es da besser: seine Eltern werden das WG-Zimmer, das er im nächsten Semester beziehen wird, bezahlen. Trotzdem hat er sich für ein Stipendium beworben.

Partys und Sozialleben

Früher: Freunde und Kommilitonen waren in etwa die gleichen. „Das soziale Leben hing eng mit dem Uni-Leben zusammen“, erinnert sich Saul. Mit ihren Kommilitonen habe sie in ihrer Freizeit Kurse im Sportinstitut belegt und sich zum gemeinsamen Lesen getroffen - dabei wurden Werke von Karl Marx genauer unter die Lupe genommen.

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Soziale Kontakte habe Saul auch dadurch bekommen, dass sie unterschiedliche Vereine gegründet hat. „Wenn mir etwas nicht gepasst hat, dann habe ich etwas neues gegründet.“ So etwa das „Wohngruppenzentrum“, das Studenten bei Wohnproblemen beraten hat. Zudem war Saul Teil der studentischen Emanzipationsbewegung.

„Ich habe nicht das Vergnügen gesucht, sondern mich auf mein Studium konzentriert.“ - Heinz Hänel, ehemaliger Zoologie-Student

Gefeiert wurde im Keller der evangelischen Studentengemeinde, wo auch junge Dozenten anwesend waren. In der „Pupille“ im Studierendenhaus hat Saul beim „Frauen-Rock-Fest“ ausgiebig getanzt und sich beim „Quartier Latin“ im Hörsaal-Gebäude verkleidet durch die Mengen geschoben. Hänel war hingegen in der Faschings-Zeit bei der Party „Biologischer Fasching“. Generell habe der 62-Jährige damals aber „nicht das Vergnügen gesucht, sondern sich auf sein Studium konzentriert“. Er hat seine Clique durch die vielen Praktika im Forschungsbereich der Zoologie gefunden.

Heute: Seine Gruppe an Freunden hat Dominik bei der Einführungsveranstaltung am Anfang seines Studiums kennengelernt.

„Die Uni ist so groß, da findet jeder jemanden, der zu ihm passt.“ - Dominik Rauth, Student der Politikwissenschaft

Alleine oder freakig habe er sich nie gefühlt: „Die Uni ist so groß, da findet jeder jemanden, der zu ihm passt“, sagt der 19-Jährige. Dreh- und Angelpunkt ist auch bei den Freizeitaktivitäten für Dominik der Campus Westend, dort isst und trinkt er gemeinsam mit seinen Freunden in einer der Mensen oder diskutiert über politische Themen. Auch ein Besuch zum Weihnachtsmarkt und ins Theater ist an der Tagesordnung.

„Ich schaue schon, dass ich zu Veranstaltungen gehen, sonst brauche ich mich auch nicht an der Uni einschreiben.“ - Juliane Koswig, Studentin der Politikwissenschaft

Juliane geht regelmäßig abends weg. „Wir setzen uns in eine Kneipe, gehen auf WG-Partys oder treffen uns in den Gemeinschaftsräumen im Studentenwohnheim“, sagt die Politikwissenschaftlerin. Dennoch komme das Projektschreiben bei ihr vor dem Glühwein. „Ich komme dann später nach“, habe sie letztens auf eine Anfrage von Freunden geantwortet und sich erst noch an den Schreibtisch gesetzt. Vor einem Uni-Tag gehe sie aber prinzipiell nicht aus. „Ich schaue schon, dass ich zu Veranstaltungen gehen, sonst brauche ich mich auch nicht an der Uni einschreiben.“

Der kleine aber feine Unterschied

Trotz neuem Campus scheint sich am Studentenleben in den vergangenen 40 Jahren nicht viel verändert zu haben. Auch wenn die „Teppich-Mensa“ auf dem Campus Bockenheim, in der man über „gereinigte Essensreste stolpert“ und der AfE-Turm, in dem Hänel immer sein „Frühstück oder sein Pausenbrot“ im obersten Stock zu sich genommen hat, nicht mehr existiert und keine (oder weniger) Studenten Marihuana auf dem alten Campus rauchen, scheint der Lebensstil ähnlich zu sein.

Einen großen Unterschied gibt es dennoch: Während sich Juliane auf dem „wunderschönen Campus Westend unheimlich wohl fühlt“, fanden Hänel, der Mitglied im Alumnirat der Goethe-Universität ist, und Saul den alten Campus „von ergreifender Hässlichkeit“ überzogen.

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