Fadumo Korn: „Keine Religion verlangt die Frauenbeschneidung“

Rund 140 Millionen Frauen und Mädchen gibt es, die von der Genitalverstümmlung betroffen sind. Fadumo Korn ist eine davon. Heute kämpft sie mit ihrem Verein gegen Frauenbeschneidung.

Fadumo Korn: „Keine Religion verlangt die Frauenbeschneidung“

„Es war eine Sendung über Frauenbeschneidung, die mich sehr wütend machte“, erinnert sich Fadumo Korn. „Zu sehen war ein Mädchen, das vor laufender Kamera im Genitalbereich verstümmelt wurde.“ Korn konnte nicht verstehen, wie man sie filmen konnte und womöglich Geld für die Aufnahme bezahlen konnte, anstatt ihr zu helfen. „Auch hat es mich gestört, dass man ständig über uns anstatt mit uns darüber spricht.“

Fadumo Korn spricht aus Erfahrung

„Genäht wird mit dem was sie haben, ich wurde mit Stacheln genäht.“ - Fadumo Korn, Vorsitzende von Nala

Denn auch Korn wurde mit sieben Jahren in Somalia beschnitten. „Bei mir wurde eine pharaonische Beschneidung durchgeführt“, erzählt sie. Bei diesem Vorgang wird das gesamte äußerliche Geschlechtsteil samt Klitoris und großen sowie kleinen Labien herausgeschnitten. Anschließend wird das, was vom Geschlecht übrigbleibt von oben nach unten zugenäht. Ein kleines Loch bleibt bestehen, so soll Urin und die Menstruation abfließen. Korn trägt bis heute die Folgen mit sich herum. Zum einen seelische Verletzungen, aber auch gesundheitliche Schäden. Nur knapp hat sie den grausamen Vorgang überlebt. Sie zog sich eine Blutvergiftung zu, denn „genäht wird mit dem was sie haben, ich wurde mit Stacheln genäht“, erklärt Korn. Eine Sepsis schädigte ihr Nervensystem, was bis heute Auswirkungen auf die 55-Jährige hat.

Mit einem Verein gegen Genitalverstümmlung

Ende der Siebziger Jahre kam Korn nach Deutschland. Dort verarbeitete sie ihre Geschichte Stück für Stück. „Ich habe mich in die Sendung live einschalten lassen und ihnen meine Meinung zu diesem Thema gesagt“, erzählt sie. „Auch habe ich angefangen mich in der Öffentlichkeit zu outen.“ Das tat sie, indem sie Bücher schrieb und selbst 2012 in Frankfurt den Verein Nala gründete, der sich gegen die Genitalverstümmelung einsetzt. Sie selbst lebt allerdings in München. „Die meisten in unserem Vorstand sind aus Frankfurt, deshalb wurde die Stadt gewählt“, erklärt sie.

„Keine Religion verlangt die Frauenbeschneidung.“ - Fadumo Korn, Vorsitzende von Nala

Ihre Tätigkeiten beschränken sich jedoch nicht auf die Stadt am Main. Sie trifft Mädchen, die dasselbe Schicksal erleiden mussten und hilft ihnen auf dem Weg ihre eigene Weiblichkeit und Sexualität zu finden. Korn ist aber auch außerhalb von Deutschland im aktiv. Denn laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind es weltweit rund 140 Millionen Frauen und Mädchen, die von der Genitalverstümmlung betroffen sind. Dazu zählen viele westliche und östliche Länder Afrikas, aber auch Teile Asiens. Korn bereist diese Länder und versucht die Menschen dort aufzuklären, indem sie über das Thema Genitalverstümmlung referiert. „Es ist nicht immer einfach, den Menschen klarzumachen, dass das Ritual falsch ist“, erklärt die 55-Jährige. „Auch wenn der Ursprung nichts mit der Religion zu tun hat, sondern meist auf jahrtausendealte Traditionen zurückzuführen ist, glauben die Menschen oft dennoch, dass eine Frauenbeschneidung auch für ihre Religion unverzichtbar ist“, sagt Korn. Dabei spiele keine Rolle, welchem Glauben die Menschen angehören. „Keine Religion verlangt die Frauenbeschneidung.“

Gründe für die Beschneidung sind meistens dieselben. Es gehe vor allem darum, die Sexualität der Frau zu kontrollieren. Eine Frau, die nicht beschnitten ist, ist nichts wert. Weil in den Augen der Menschen die Gefahr besteht, dass eine unbeschnittene Frau ihre Jungfräulichkeit nicht bewahrt, schadet es dem Ansehen der Familie.

13.000 Mädchen in Deutschland von Genitalverstümmelung betroffen

Um die Menschen von ihrer Meinung abzubringen, gibt es unterschiedliche Maßnahmen, die Korn anwendet. „Es gibt Menschen, denen muss man schreckliche Bilder von dem Vorgang zeigen, anderen muss man wiederum klar machen, dass das nichts mit ihrer Religion zu tun hat“, erklärt Korn. Auch in Deutschland gebe es noch Menschen, die glauben, dass die Tradition richtig ist. In solchen Fällen agiert Korn als Kulturübersetzerin und versucht die Menschen aufzuklären. Besonders in Hessen gebe es viele Familien aus den afrikanischen Ländern, in denen die Praxis angewandt wird, insofern sei dort der Bedarf besonders groß. Nach den Zahlen der Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes sind in Deutschland 13.000 Mädchen von Genitalverstümmelung bedroht. Zuverlässige Zahlen gebe es allerdings nicht. „Viele wissen, dass es strafbar ist, deshalb versuchen sie es heimlich, beispielsweise im Ausland, zu praktizieren“, sagt Korn. Dass es jedoch auch in Deutschland praktiziert wird, könne nicht ausgeschlossen werden. „Genitalverstümmelung ist, so erschrecken das ist, für viele dieser Menschen noch ein Teil ihrer kulturellen Identität“, erklärt Korn.

„Ich rede mit ihnen und mache ihnen klar, welche Konsequenzen ihnen drohen, wenn sie heimlich versuchen, ihre Töchter zu beschneiden.“ - Fadumo Korn, Vorsitzende von Nala

Damit sich das ändert, pflegt sie den Kontakt zu den Familien. „Ich kenne mich mit der Herkunft aus und kann einschätzen, ob die Gefahr besteht, dass eine Beschneidung bei einem Kind durchgeführt wird.“ Ist dies der Fall, besucht Korn die Familien, bei denen die Behörden den Verdacht haben, einem Mädchen könnte eine Genitalverstümmelung drohen. „Ich rede mit ihnen und mache ihnen klar, welche Konsequenzen ihnen drohen, wenn sie heimlich versuchen, ihre Töchter zu beschneiden.“ Dabei kann es auch vorkommen, dass Mädchen vor und nach einer Reise medizinisch untersucht werden. Erfolge gibt es viele, kleine und große - aber so lange es Frauenbeschneidungen gibt, möchte Korn nicht aufgeben. „Es ist ein riesiger Spagat zwischen den Kulturen, aber auch eine Lebensaufgabe.“

(rr)

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