Gala gegen Sexismus an der Goethe-Universität

Mit der Veranstaltung wollten feministische Gruppen auf den noch immer bestehenden Sexismus aufmerksam machen. Die Veranstaltung stellte die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt.

Gala gegen Sexismus an der Goethe-Universität

Eine junge Frau steht auf der Bühne, fast zierlich wirkt sie, nur ein Blatt Papier in ihrer Hand. Sie trägt ein Gedicht vor. Gebannt blicken ernste Mienen in ihre Richtung. Kein Flüstern, kein Geräusch unterbrechen ihren Vortrag. Die Spannung flirrt in der Luft des Saals. Kaum ließe sich die Macht von Worten besser spüren, als in diesem Moment. Denn es ist ein ernstes Thema, um das es heute Abend geht: Sexismus.

Oftmals sind es nur Worte, um die es sich am Montagabend im Festsaal des Casinos der Goethe-Universität dreht. Worte wie „zierlich“ – wer käme auf den Gedanken, einen Mann als „zierlich“ zu bezeichnen? Fängt da schon Sexismus an? Wenn über Frauen anders gesprochen wird, als über Männer? Oder fängt er an beim Beurteilen nach Äußerlichkeiten? Oder bei einem Spruch, bei ungewollten Berührungen? Dieser und anderen Fragen ging die Veranstaltung Feministische Gala: Worst of Unisexism auf den Grund.

Breites Bündnis, umfangreiches Bühnenprogramm

„Wir wollten für die verschiedenen Ansätze feministischer Gruppen eine Bühne bieten.“ – Anna Wunderlich, Mitglied im Organisationsteam

Eingeladen hatten mehrere Gruppen aus dem näheren und weiteren Umfeld der Universität. Zusammengefunden haben sie sich trotz verschiedener Ausrichtungen: „Wir haben uns erst im kleinen Rahmen getroffen und ausgetauscht. Dann kam die Idee auf, dem ganzen einen größeren Rahmen zu geben. Wir wollten für die verschiedenen Ansätze feministischer Gruppen eine Bühne bieten“, erklärt Organisatorin Anna Wunderlich. Mit rund 300 Personen war der Saal gut gefüllt, selbst nachträglich aufgestellte Stühle reichten nicht aus.

Die wissenschaftlichen Grundlagen des Abends liefert Katharina Hoppe mit ihrem Vortrag „Genie und Wahnsinn / Fleiß und Hysterie“. Die Kernthese dreht sich um Geschlechterklischees in der Wissenschaft: Männer seien wahnsinnige Genies, Frauen fleißige Hysterikerinnen. Als Doktorantin und wissenschaftliche Mitarbeiterin forscht Hoppe unter Anderem zu soziologischen Theorien und feministischer Theorie, entsprechend akademisch ist der Vortrag.

Aber auch Künstlerisches wird vorgetragen. Das Bündnis feministischer Gruppen hatte mit Flyern an der Universität und online vor einigen Wochen dazu aufgerufen, Erlebnisse an der Universität zu teilen, die Betroffene als sexistisch empfunden haben. Bedingungen gab es keine. Von Gedichten bis nüchternen Schilderungen sind verschiedenste Textformen eingegangen. Orte, Namen und Umfeld wurden so weit abgeändert, dass sie keinen Rückschluss mehr auf Beteiligte zuließen. Denn, erklärt Moderatorin Anna Wunderlich, es gehe um die Perspektive der Betroffenen, nicht die Täter – und Täterinnen. Auch wenn es für Betroffene eine Erleichterung war, Erlebtes in Texte zu fassen, fehlt vielen die Kraft persönlich darüber zu reden. Daher übernehmen ein Schauspieler und eine Schauspielerin des Kollektivs Mise en Scene dies für sie.

Intensive Eindrücke

Welche tiefen und kaum verheilenden Wunden schon vermeintlich kleine Übergriffe verursachen können, wird beim Anhören er Erfahrungsberichte deutlich. Das Gefühl von Unwohlsein, wenn jemand abends spontan in einer einsamen Ecke des Campus angesprochen wird; die Aussage, dass starke Frauen keine Betroffenen von sexueller Gewalt sein können; Wachpersonal, das als Ansprechpartner dienen soll, aber nach Angaben der Universität gar keine Qualifikation für die Betreuung nach Übergriffen hat; der Professor, der einer Transfrau das Frausein vor versammeltem Hörsaal abspricht; eine Vertrauensperson, die nichts dabei findet, wenn sich mal ein Professor in eine junge Studentin verliebt.

„„Natürlich hat es interne Diskussionen gegeben, da es für uns nicht möglich war, die Aussagen zu verifizieren.“ - Anne Wachendörfer, Sprecherin der Organisatorinnen

Die Beispiele sind so vielfältig, wie eindringlich. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Berichte nicht nachprüfen lassen. Diesem Problem sind sich auch die Organisatorinnen bewusst. „Natürlich hat es interne Diskussionen gegeben, da es für uns nicht möglich war, die Aussagen zu verifizieren“, erklärt Sprecherin Anne Wachendörfer. Aber da es nicht um die Täter, sondern die Perspektive der Betroffenen ginge, habe man sich darauf verlassen, dass es sich um echte Aussagen handelt.

Ob echt oder nicht, noch eindrücklicher sind die Vorträge von vier jungen Frauen, die ihre eigenen Texte vortragen. Zwei von ihnen sind Women of Color – so ihre Selbstbezeichnung als nicht-weiße Menschen – und tragen Kopftuch. Sie unterstreichen, wie sich aufgrund dieses Kleidungsstücks immer wieder rassistische und sexistische Diskriminierung vermischen. Für eine von ihnen – sie hat ihren Namen nicht genannt – ist das Kopftuch ein Ausdruck ihrer persönlichen Freiheit, das Gegenteil von Unterdrückung. Und sie will sich auch nicht von Männern sagen lassen, dass sie es nicht tragen sollte.

Ein Thema für Universitätsleitung und Studierende gleichermaßen

Zum Ende der Veranstaltung wird dann auch nochmal die Universität selbst kritisch beleuchtet. Dabei geht es etwas humorvoller zu als beim Rest der Veranstaltung. Fritzi und Theresa sprechen für die satirische Gesellschaft für exzellente Gleichstellung. Sie zeigen, welche Bemühungen die Universität unternimmt und machen klar, dass sie diese noch lange nicht für ausreichend halten. So werde im Frauenförderplan der Medizin noch davon ausgegangen, dass „Frauen nun mal eher an der Führsorgearbeit interessiert seien“. Der Universität wird ein ironischer Preis für ihre Bemühungen verliehen.

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„Die Goethe-Universität arbeitet kontinuierlich an einer Verbesserung ihrer Beratungsstruktur und Öffentlichkeitsarbeit zu sexualisierter Diskriminierung.“

Aber ganz ernsthafte Bemühungen gibt es durchaus, wie Pressesprecher Olaf Kaltenborn gegenüber Merkurist betont: „Die Goethe-Universität arbeitet derzeit, kontinuierlich an einer Verbesserung ihrer Beratungsstruktur und Öffentlichkeitsarbeit zu (sexualisierter) Diskriminierung.“ Auch gebe es in naher Zukunft die erste Sitzung einer entsprechenden Arbeitsgruppe.

„Es gibt auch Männer die von diesem ganzen Scheiß genervt sind.“

Auch wenn es eine feministische Gala war, war nicht nur das Publikum gemischt, es gab auch Einsendungen von Männern: „Es kann auch männliche Pro-Feministen geben. Und es gibt auch Männer die von diesem ganzen Scheiß genervt sind“, sagt Wunderlich. Es bleibt abzuwarten, ob die Gala dazu beiträgt, dass zukünftig funktioniert, was in einem der Texte gewünscht wurde: Dass sich Menschen aller Geschlechter einfach respektvoll gegenüber einander verhalten, ohne sexistische Untertöne.

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