Wenn das Smartphone den Kinderalltag prägt

Nicht nur für Erwachsene sind digitale Medien im Alltag unverzichtbar geworden - auch viele Kinder besitzen mittlerweile ein Smartphone. Laut Medienpädagoge Gregory Grund wissen viele Eltern nicht, was ihre Kinder in diesem Zusammenhang erleben.

Wenn das Smartphone den Kinderalltag prägt

Der Smartphone-Trend bei Grundschulkindern ist auch in Frankfurt angekommen. Schaut man sich in der Gesellschaft um, stellt man schnell fest, wie selbstverständlich Kinder mittlerweile über ihre Handy-Displays wischen. Dabei schauen sie sich nicht nur Selfies von sich an. Vor allem was Gruppenchats und sogenannte Influencer betrifft, möchten die Kinder heutzutage immer auf den neusten Stand sein. Laut Gregory Grund, Medienpädagoge und Mitgründer von Digitale Helden aus Frankfurt, waren es bis vor ein paar Jahren vor allem Kinder ab der fünften Klasse, die sich mit neuen Medien verstärkt auseinandersetzen. Mittlerweile sei zu beobachten, dass auch Kinder ab der dritten Klasse mit Smartphones ausgestattet sind und sich auch mit dem Umgang bestens auskennen.

Sozialer Bezug zur virtuellen Welt

„Youtuber erziehen die Kinder schon fast mit. Viele sehen sie als große Geschwister, die ihnen Alltagstipps geben, um sozial besser anzukommen.“ - Gregory Grund, Medienpädagoge

Dass Kinder meistens technikaffiner sind als ihre Eltern, veranlasse Eltern oft dazu, die Kinder, was den Umgang mit neuen Medien betrifft, sich selbst zu überlassen. „Was viele Eltern nicht wissen ist, dass Kinder allerdings nicht in der Lage sind, alles, was sie im Internet erleben, alleine zu verarbeiten“, sagt Grund. Denn oft seien es die Gruppenchats des derzeit beliebtesten Messengerdienstes Whatsapp, in welchen auch nicht kindgerechte Inhalte wie zum Beispiel Pornos oder Enthauptungen geteilt werden. Kinder, die das nicht verarbeiten können, trauen sich oft nicht, ihre Eltern um Hilfe zu bitten, aus Angst, sie würden ihnen den Umgang mit dem Smartphone verbieten. Das stelle für die Kinder ein Problem dar, weil sie sich auf die virtuelle Welt „sozial angewiesen“ fühlen, erklärt Grund weiter. Dabei spielen die Gruppenchats eine große Rolle, denn ohne Smartphone seien Kinder kein Teil der Gemeinschaft. Dennoch können und werden sie in den Chats auch ausgerenzt und gemobbt. Außerdem agieren sie hemmungsloser, als sie es im realen Leben tun würden. „Weil das alles virtuell geschieht, haben Kinder oft das Gefühl, sie befänden sich hinter einer 'Schutzwand', sodass sie teilweise auch Machtspiele ausüben“, erklärt Grund.

Eine weitere große Rolle in den Leben der Kinder spielen Influencer. „Youtuber erziehen die Kinder schon fast mit. Viele sehen sie als große Geschwister, die ihnen Alltagstipps geben, um sozial besser anzukommen“, sagt Grund. Das sei nicht verwunderlich, immerhin befinden sich die Kinder in, oder kurz vor der Pubertät und da kommen Titel wie „So merkst du, dass jemand in dich verliebt ist“ gut bei ihnen an.

Trotz Altersbeschränkung keine Kontrolle

Grund rät daher Eltern, die ihren Kindern erlauben, ein Smartphone zu besitzen, dringend regelmäßige Gespräche mit ihnen zu führen. Es sei wichtig zu wissen, welche Seiten und Anwendungen die Kinder besuchen und mit wem sie sich unterhalten. Zwar gebe es bei vielen Apps Altersbeschränkungen, allerdings werde dies nicht wirklich geprüft. Whatsapp hat beispielsweise das Alter im Zuge der Datenschutzgrundverordnung auf 16 Jahre angehoben. Nachweise werden aber nicht angefordert. So können Nutzer mit einem einfachen Klick bestätigen, dass sie das Mindestalter erreicht haben. Zudem können Kinder den Messenger auch nutzen, wenn die Eltern es erlauben. „Im Idealfall fragen Kinder ihre Eltern vorher, ob sie die App installieren dürfen. In der Praxis werden allerdings die Apps einfach installiert und die Eltern haben keine Kontrolle über das, was ihre Kinder im Internet tun“, sagt Grund.

„Sie kann zum Beispiel keine Suchmaschinen verwenden, das habe ich mit ihr so besprochen und auch eingestellt.“ - Souad M., Mutter von zwei Kindern

Souad M., Mutter von zwei Kindern, weiß, wovon Grund spricht. Deshalb gibt es bei ihr Zuhause in Offenbach klare Smartphone-Regeln, insbesondere was ihre neunjährige Tochter betrifft: „Sie kann zum Beispiel keine Suchmaschinen verwenden, das habe ich mit ihr so besprochen und auch eingestellt.“ Damit möchte die Mutter verhindern, dass ihre Tochter auf verstörende Inhalte trifft. Auch kontrolliert sie regelmäßig ihren Gesprächsverlauf und sieht nach, welchen Youtubern sie folgt. „Meine Kleine schaut gerne Back-Tutorials, das finde ich okay, sie backt halt gerne“, erzählt sie. Nachts herrscht „Handy-Verbot“ - die Smartphones bleiben im Wohnzimmer während die Kinder schlafen, damit sie am nächsten Tag wieder fit für die Schule sind. Trotzdem gibt Souad M. zu, dass sich ihre Kinder rein technisch besser auskennen als sie. Deshalb versucht sie sich zwischendurch immer auf den neusten Stand zu bringen und auch herauszufinden, welche Themen bei den Kindern im Trend liegen.

Lehrer oft überfordert

„Leider kennen sich auch viele Lehrer nicht aus oder wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen“ - Gregory Grund, Medienpädagoge

Es sind allerdings nicht nur die Eltern, welche mit dem Thema digitale Medien überfordert sind, meint Grund. „Leider kennen sich auch viele Lehrer nicht aus oder wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen“, sagt der Medienpädagoge. Das hinge damit zusammen, dass sie keine Rückendeckung seitens der Schulleiter erhalten und viele Frankfurter Grundschulen das Thema digitale Medien „bewusst aussparen“. Dabei sei es sehr wichtig, dass Lehrer sich damit auseinandersetzen. Wenn Probleme innerhalb der Gruppenchats auftreten und diese mit in die Schule gebracht werden, halten sich Lehrer oft raus. Ein Lösungsansatz seien Empfehlungen zum Umgang mit digitalen Medien, die die Schulleitung an Eltern verschickt.

Außerdem könne die Nutzung von digitalen Medien innerhalb des Unterrichts als gute Plattform dienen, den Kindern einen gesunden Umgang mit diesen beizubringen. Immerhin gebe es auch spannende Anwendungen, wie die Suchmaschinen ABC Internet oder Blinde Kuh speziell für Kinder, so Grund. Je früher die Kinder den konstruktiven Umgang erlernen, desto mehr Kompetenz werde entwickelt.

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