Der Mythos „Bronx von Mainhattan“ - ein Streifzug durch Griesheim

Der Stadtteil zwischen Gallus, Gutleutviertel und Nied sei schmutzig und gefährlich, heißt es häufig. Sascha Mahl ist Wahl-Griesheimer und sieht das anders. Er hat uns gezeigt, was seine Nachbarschaft ausmacht.

Der Mythos „Bronx von Mainhattan“ - ein Streifzug durch Griesheim

Ein bisschen schäbig, grau und eintönig und obendrein ziemlich gefährlich - so sieht das Bild Griesheims aus, das vielen Frankfurtern in den Kopf kommt, die den Stadtteil hauptsächlich vom Hörensagen und aus reißerischen Überschriften kennen. Ein Stadtteil, um den man - wenn möglich - einen großen Bogen macht. Mit dem Ruf, „die Bronx von Mainhattan“ zu sein, hat der Stadtteil schon seit den Neunzigerjahren zu kämpfen und er ist nicht spurlos an Griesheim vorübergegangen.

Mainufer-Idylle und Sozialsiedlungen

„Ich lebe viel zu gerne hier, um wegzuziehen.“ - Sascha Mahl

Ein verzerrtes und oberflächliches Bild, das wenig mit der Realität zu tun hat - so sieht das zumindest Sascha Mahl. Der Wahl-Griesheimer lebt seit sieben Jahren in dieser seiner Meinung nach zu Unrecht stigmatisierten Nachbarschaft. Aus Griesheim wegziehen? „Dazu lebe ich viel zu gerne hier“, erklärt er. Bei einem Spaziergang durch seinen Stadtteil will er uns zeigen, was die Gegend und die Menschen hier ausmacht.

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Obwohl er nicht schon immer in Griesheim lebt, kann sich Mahl so für seinen Stadtteil begeistern, dass er mittlerweile nebenberuflich als Stadtteilführer historische Touren durch Griesheim anbietet. Für Merkurist hat er sich zur Abwechslung nicht auf die Geschichte des Stadtteils zwischen Gutleut, Gallus und Nied beschränkt, sondern mit uns über ganz aktuelle Griesheim-Themen gesprochen. Wer lebt hier zwischen Mainufer-Idylle, Sozialsiedlungen und Fünfziger-Jahre-Lokalen? Wie stehen die Alteingesessenen zum zweifelhaften Ruf ihrer Nachbarschaft und was wird getan, um das angekratzte Image aufzupolieren?

Dörfliches Gefüge in Alt-Griesheim

„Wer durch Griesheim geht, merkt schnell, dass sich der Stadtteil ganz klar in drei Quartiere aufteilt“, erklärt Mahl als wir unseren Rundgang starten. Und wirklich - die verschiedenen Teile Griesheims könnten unterschiedlicher kaum wirken. Wir fangen im Süden an. Dort befindet sich der alte Kern des Stadtteils, oder besser das, was nach dem Krieg noch von ihm übrig blieb. Doch auch wenn Griesheim nicht wie aus dem Ei gepellt aussieht, ganz ohne Charakter sind die Straßen nicht. Gerade, dass hier alle Gebäude wie zusammengewürfelt erscheinen, macht die Gegend interessant.

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Viel Einzelhandel gibt es nicht mehr im Stadtteil. Doch egal, ob beim Bäcker oder in der Pizzeria nebenan, die Griesheimer erhalten sich ihre Treffpunkte so gut sie können. Dann zeigen sich die dörflichen Strukturen in der Nachbarschaft: Am Sonntagmorgen trifft man sich in Alt-Griesheim an der Brötchentheke und tauscht sich über Stadtteil-Neuigkeiten aus. Man kennt sich hier - und ein bisschen Plaudern unter Nachbarn gehört zum guten Ton. Besonders für die alteingesessenen Griesheimer, die den dörflichen Charme ihres Wohnorts zu schätzen wissen, scheint die enge Gemeinschaft vor Ort viel zu einem Lebensgefühl jenseits der Großstadt-Anonymität beizutragen - und das, obwohl der Hauptbahnhof gerade einmal vier Kilometer entfernt ist.

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Dass der Stadtteil viel Geschichte hat, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht unbedingt an. Und doch gibt es hier Grundstücke, auf denen seit 450 Jahren die Nachkommen ein und derselben Familie leben. Das älteste noch erhaltene Haus Griesheims wurde im Jahr 1662 erbaut und steht passenderweise in der Straße „Alt Griesheim“, die früher die Hauptstraße war. Es ist mit bunten Verzierungen bemalt. Wer genauer hinsieht, erkennt, dass es Bilder der Tierkreiszeichen sind. Mahl erklärt, er habe den Besitzer einmal gefragt, wieso gerade Sternzeichen das Haus zieren. „Das hat mir einfach gefallen. Ich habe mir nichts Besonderes dabei gedacht“, soll der erwidert haben. Und auch damit passt das Haus in den Stadtteil: Durchgeplant und strukturiert ist hier das Wenigste.

Verrufenes Griesheim-Mitte

Das merkt man ganz besonders ein Stück weiter nördlich in Griesheim-Mitte. Das zentrale Quartier ist laut Mahl das „Problemviertel“, in dem viele der negativen Schlagzeilen über Griesheim ihren Ursprung haben. Darauf macht der Stadtteilführer mehrmals während des Rundgangs aufmerksam.

„Das kleine Teilstück einer Straße prägt den Ruf eines ganzen Stadtteils.“ - Sascha Mahl

Aber auch in dieser Gegend sei der Bronx-Vergleich zu viel des Guten, so Mahl. Im Prinzip sei es bei den Negativschlagzeilen aus den Neunzigern immer nur um eine Straße, die Ahornstraße, gegangen. „Das kleine Teilstück einer Straße prägt den Ruf eines ganzen Stadtteils. Das sehen die Griesheimer als große Ungerechtigkeit.“

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Damals habe die Stadtverwaltung gezielt zahlreiche Familien mit „unbeherrschbaren Jugendlichen“ in die Sozialbauten in der Ahornstraße „abgeschoben“, so Mahl. Es entstand eine Art Ghetto, in dem sich kriminelle Jugendliche zusammenschlossen und Gangs gründeten, wie zum Beispiel die „Ahorn Boys“. So harmlos wie der Name klingt, waren diese Jugendgruppen nicht. Sie lieferten sich bewaffnete Straßenschlachten mit konkurrierenden Gangs, die Polizei fuhr nur noch im Konvoi in die Straße. Bei einem Showdown im Gallus wurde schließlich ein 17-jähriger Griesheimer getötet - und die Mitte Griesheims galt fortan selbst für das ohnehin oft kritisch beäugte Frankfurt als gefährliches Pflaster.

„Sobald Vorwürfe laut werden, verteidigen die Griesheimer ihren Stadtteil wie die Löwen.“ - Sascha Mahl

Aber am Umgang mit den Vorurteilen zeigt sich der Charakter der Griesheimer. „Die alten Griesheimer Familien haben so eine Heimatliebe und sind ihrem Stadtteil so verbunden. Sobald Vorwürfe wie 'Bronx' laut werden, verteidigen sie ihren Stadtteil wie die Löwen“, erzählt Mahl. Wenn man heute durch Griesheim läuft, wirkt es tatsächlich wenig bedrohlich. Der Stadtteilführer ist überzeugt: „Hier ist es statistisch gesehen nicht gefährlicher als anderswo.“ Die Vorfälle, die dem Stadtteil seinen unliebsamen Beinamen einbrachten, liegen inzwischen ein Vierteljahrhundert zurück. „Das sind die Leute, die nie hier waren“, sagt Mahl über diejenigen, die Griesheim heute noch mit diesem Image in Verbindung bringen. Griesheim sei auf keinen Fall eine „No-Go-Area“.

„Guerilla Gardening“ am vernachlässigten Bahnhof

Mit Vandalismus hingegen habe der Stadtteil definitiv seine Sorgen. „Alles was nicht festgeschraubt ist, wird leider schnell zerstört“, so Mahl. Doch auch da gibt es Lichtblicke. Eine Künstlergruppe hatte vor Kurzem 50 gerahmte Fotografien von Griesheim in der Unterführung am Bahnhof aufgehängt, um etwas gegen dessen triste Erscheinung zu tun. Gleichzeitig wollte die Gruppe sehen, ob alles direkt zerstört wird, oder ob die Menschen im Stadtteil Gefallen an der Aktion finden. Entgegen der Befürchtungen blieb die Ausstellung intakt, was für Freude bei den engagierten Griesheimern sorgte.

Der Bahnhof hatte die kurzzeitige Schönheitskur dringend nötig. Das Fotoprojekt war nicht die erste Aktion, die diesen „Schandfleck“ im Stadtteil, wie Mahl ihn nennt, etwas ansehnlicher machen sollte. Direkt am Bahnhof deutet ein unscheinbares handbemaltes Schild auf ein „Bahnhofsgärtchen“ hin, das frustrierte Bürger in einer Protestaktion auf dem Bahnhofsgrundstück ins Leben gerufen haben. Seit Jahren sei der Bahnhof sanierungsbedürftig, und das nicht nur optisch - Barrierefreie Zugangsmöglichkeiten sucht man hier vergebens.

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Mit dem „Guerilla-Gardening“ wollte man ein Zeichen setzen und hat eine kleine grüne Oase geschaffen, die zeigen soll, dass Griesheim mehr zu bieten hat als den ernüchternden Eindruck, den der in die Jahre gekommene Bahnhof vermittelt. Langsam aber sicher scheinen die Griesheimer Gehör zu finden: Die Sanierung des Bahnhofs steht im Herbst 2018 an und dank des „Bundesprogramms Stadtumbau West“ sollen zudem in den nächsten zehn Jahren 14 Millionen Euro in Projekte zur Aufwertung des mittleren Quartiers investiert werden.

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Natur und Ruhe in Nord-Griesheim

Griesheims Norden ist gleich ein ganzes Stück weniger grau als seine Mitte. Naturschutzgebiete und kleinere Siedlungen aus Wohnungen und Einfamilienhäusern lassen das nördliche Quartier ruhig, beinahe idyllisch, erscheinen, auch wenn die viel befahrene Mainzer Landstraße nicht weit entfernt ist.

Auch hier ist vieles zusammengewürfelt: Einladende alte Häuser mit Garten neben schlichten Wohnblöcken und altmodisch anmutenden Lokalen aus den Fünfzigern. „Das ist nicht unbedingt schön, aber schon irgendwie cool“, sagt Mahl. In Griesheim geht Geselligkeit eben vor Hochglanzoptik.

„Hier leben viele Menschen unterschiedlicher Kulturen friedlich zusammen.“ - Sascha Mahl

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Dass der Stadtteil von Kontrasten geprägt ist, macht ihn aus. „Das Bahnhofsviertel wird gerne so positiv als 'Melting Pot' dargestellt“, so Mahl. Dabei übersehe man leicht, dass auch Griesheim eine Art Schmelztiegel ist. „Auch hier leben viele Menschen unterschiedlicher Kulturen friedlich zusammen“, erklärt er. Hier sei es einfach nichts Außergewöhnliches, wenn eine eritreische Frau mit ihrer türkischen Nachbarin beim deutschen Bäcker um die Ecke frühstücken gehe. Diese kulturelle Vielfalt und Offenheit wisse er an seinem Stadtteil zu schätzen.

Am Anfang der Gentrifizierung

Der Vergleich zum Bahnhofsviertel wirft die Frage auf, ob auch Griesheim ein Wandel bevorsteht. „Ja“, meint Mahl. Die Bevölkerungsstruktur Griesheims verändere sich und der Stadtteil stehe am Anfang der Gentrifizierung, so sein Eindruck. Am schnellsten spüre man die Veränderungen in Alt-Griesheim.

„Ich finde zum Zusammenleben in der Großstadt gehört auch eine Portion Optimismus.“ - Sascha Mahl

Dass Gentrifizierung kein wertfreies Stichwort ist, ist Mahl bewusst. Selbstverständlich könne ein Wandel im Stadtteil sowohl Positives als auch Negatives mit sich bringen, doch der Griesheimer gibt sich zuversichtlich: „Natürlich gibt es Probleme hier und die sollte man auch nicht verschweigen. Aber ich finde zum Zusammenleben in der Großstadt gehört auch eine gewisse Portion Optimismus.“ Die Investitionen in Griesheim-Mitte und der Umbau des Bahnhofs seien ein erster Schritt, auf die Wünsche der Anwohner einzugehen. „Das wird eine Kettenreaktion auslösen“, sagt Mahl überzeugt. „Der Stadtteil wird sich gut entwickeln.“

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