Bockenheim: Bunt und eigenwillig

Fragt man nach den Eigenheiten Bockenheims, hört man immer wieder das Wort Vielfalt. Der einstige Uni-Stadtteil im Westen Frankfurts ist eindeutig beliebt. Doch viele sehen den Charme durch eine sich anbahnende Gentrifizierung gefährdet.

Bockenheim: Bunt und eigenwillig

Das dörfliche Flair, der Unicampus, die Kneipen oder die Leipziger Straße? Stellt man die Frage, was den Stadtteil Bockenheim auszeichnet, erhält man viele unterschiedliche Antworten. Das überrascht nicht, macht man sich deutlich, worin sich die meisten Befragten eindeutig einig sind: Nämlich über die Vielfalt Bockenheims.

„Bockenheim ist bunt!“ - Tatiana S. Hafez, Leserin

So hört man, dass die Leipziger Straße „multikulti“ ist, das Angebot an Lokalen reichhaltig, die Einwohner gemischt und die Mietkostenspanne erstreckt sich von günstigen Wohnungen bis hin zu noblen Villen. Früher habe Bockenheim mal die Uni ausgemacht, schreibt Facebook-Nutzerin Tatiana S. Hafez beispielsweise. „Ansonsten würde ich sagen die Bockenheimer Warte. Oder die vielen Menschen aus aller Herren Länder. In der Leipziger Straße gibt es alles. Türkische Obstläden, deutsche Bauern, indische Läden, ein Bio-Bäcker usw.“ Andere wiederum nennen die gute Anbindung, die Bars und kleinen Läden, die Gassen und - nach wie vor - die Studenten, die den Stadtteil prägen. „Bockenheim ist bunt!“, fasst Hafez zusammen.

Viel Lob, vereinzelt Kritik

Tatsächlich kann man anhand dieser kleinen Facebook-Umfrage die Beliebtheit des Stadtteils im Frankfurter Westen erkennen. Nachteile nennt zunächst bloß Matthias Zeidler: „Zu eng - zu voll und Radfahrer in Fahrrichtung.“ Für Ortsvorsteher Axel Kaufmann (CDU) nicht verwunderlich: „Das sind eben die typischen Nachteile, wenn sich viele Menschen auf engem Raum befinden.“

„Für mich hat Bockenheim einen klassischen Kiez-Charakter.“ - Axel Kaufmann, Ortsvorsteher

Tatsächlich ist Bockenheim einer der bevölkerungsreichsten Stadtteile Frankfurts. Auf eine Fläche von 8,02 Quadratkilometer kamen Ende 2015 38.279 Einwohner. 4761 Menschen teilten sich also einen Quadratkilometer - für den Ortsvorsteher daher eine erwartbare Folge, dass ihm immer wieder Beschwerden über die Parkplatz- und Müllsituation in den Straßen begegnen. Leserin Ira Stein etwa stört sich am „Treffpunkt von Alkis“ auf der Leipziger Straße - der solle abgeschafft werden. Und dennoch: „Für mich hat Bockenheim einen klassischen Kiez-Charakter“, so Kaufmann. Trotz der vielen unterschiedlichen Kulturen, die dort leben, komme man sehr gut miteinander aus.

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Protestfreudige Einwohner

Die Wählerschaft in Bockenheim befinde sich laut Kaufmann größtenteils links von der Mitte. Obwohl es beim Zusammenleben keine Probleme gebe, hat der Ortsvorsteher die Einwohner als sehr protestfreudig erlebt.

„Man merkt, dass es hier eine aktive Bürgerschaft gibt.“ - Axel Kaufmann

„Das ist ja auch gut, wenn man so eine Protestkultur hat“, sagt der 44-Jährige, der als Banker bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) arbeitet. „Man merkt, dass es hier eine aktive Bürgerschaft gibt.“ Das sei besonders schön in Bezug auf die Flüchtlingshilfe mit anzusehen gewesen, viele hätten sich engagiert. Aber auch bei Stadtentwicklungsfragen kann Kaufmann Kritik nachvollziehen. So nennt er - als ein Beispiel - den Umbau des Uni-Gebäudes „Philosophicum“ zum hochpreisigen Studentenwohnheim einen „faulen Kompromiss“ und findet es verständlich, dass daraus so ein großes Streitthema wurde. Denn während das angestrebte gemeinschaftliche Wohnprojekt einer Projektgruppe unrealisiert blieb, argumentierte man mit der Vergabe an einen privaten Investor mit dem Denkmalschutz und hat das Denkmal des Ferdinand-Kramer-Baus nun doch mit einer neuen Fassade zugebaut.

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„In den nächsten Jahren wird wohl ein Wandel zu einem Yuppie-Stadtteil stattfinden, da immer mehr ‚hochwertige‘ Wohnungen gebaut werden.“ - Leser

Doch nicht nur Kaufmann nimmt die Bedenken wahr, die Einwohner derzeit wegen einer Gentrifizierung umtreibt: „In den nächsten Jahren wird wohl ein Wandel zu einem Yuppie-Stadtteil stattfinden, da immer mehr ‚hochwertige‘ Wohnungen anstatt Wohnungen für ‚Normalverdiener‘ gebaut werden“, fürchtet unser Leser Frank Mause. Tatsächlich haben erste Wandlungen etwa mit dem besagten Philosophicum, dem Gebäudekomplex samt Rewe an der Gräfstraße und dem aktuellen Bau teurer Eigentumswohnungen in der Leipziger Straße neben dem linken Zentrum „Exzess“ Einzug gehalten. „Soweit ich weiß, sollen die 110 Quadratmeter großen Eigentumswohnungen 750.000 Euro kosten“, so Kaufmann in Bezug auf das Projekt neben dem „Exzess“. „Klar, das ist teuer. Die Stadt kann das aber nicht verbieten.“

Mischung soll erhalten bleiben

Ein akutes Problem sieht Kaufmann derzeit allerdings noch nicht: „Das ist die allgemeine Lage, dass der Wohnungsmarkt so heiß läuft.“ Und Neubauten seien eben teuer und für die Investoren lukrativ. „Bockenheim hat Flair und ist gut an die Innenstadt angebunden - klar, dass der Stadtteil begehrt ist.“ Im Sinne eines Milieuschutzes könne man aber solche Neubaumaßnahmen nicht verhindern. Man finde hier nunmal keinen Einheitsbau: Im Diplomatenviertel im Norden Bockenheims habe man die teuren Häuser, rund um die Leipziger Straße herum eher die günstigeren Wohnungen und auch alten Bestand, der den dörflichen Charakter Bockenheims ausmache, gebe es. „Ich finde es wichtig, die unterschiedliche Struktur zu wahren, damit hier nicht nur hochpreisige Wohnungen entstehen“, räumt der Ortsvorsteher aber ein.

„Die Leipziger Straße hat Charme. Auch wenn sie keine Hochglanz-Einkaufsstraße ist.“ - Axel Kaufmann, Ortsvorsteher

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Ebenso sei auch die beliebte Einkaufsstraße in Sachen Ladenangebot bunt durchmischt - auch hier hielten sich einige alte Institutionen wacker über Wasser. Ein Faktor, der Publikum anziehe, sei laut dem Ortsvorsteher das „Zalando Outlet“, das ins ehemalige Kaufhof-Gebäude eingezogen ist. „Die Leipziger Straße hat Charme. Auch wenn sie keine Hochglanz-Einkaufsstraße ist.“ Zwar kritisieren auch einige die vielen Billigläden und Spielhallen, doch etwa die Kaffeerösterei Stern mit lauschigem Innenhof zum Niederlassen, die vielen Obsthändler sowie Schuster, Elektro- und Textilfachhandel schaffen sympathisches Kleinstadt-Flair - nicht zuletzt auch die fast 200 Jahre alte Bock-Apotheke mit Holzschubladen, Messingschildern und dem Bock-Wappen über dem Eingang.

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Geschichtsträchtige Relikte

Apropos alt: Bockenheim hat bereits rund 1250 Jahre auf dem Buckel und damit auch historisch Bedeutsames zu erzählen. So sprach Rosa Luxemburg im noch heute bestehenden Theater „Titania“ eine flammende Rede gegen den Krieg und wurde daraufhin 1914 verhaftet. Das heute so wild diskutierte „Exzess“, das die „Dramatische Bühne“ beherbergt, war früher sowohl Gaststätte mit Kegelbahn als auch Kino und Kriegs-Lazarett von 1914 bis 1918. Die aktuelle Debatte um das linke Zentrum kann Kaufmann übrigens nicht nachvollziehen: „Ich habe über das Exzess noch nie eine Beschwerde gehört“, sagt er. Gelärmt habe es dagegen eher im früheren Institut für Vergleichende Irrelevanz (IvI). „Das war ja eher eine Großraumdisko als ein Institut.“ Das Gebäude wurde mittlerweile von der Uni verkauft, steht aber leer. Die Bockenheimer Warte gehört übrigens offiziell nicht zu Bockenheim, sondern zum Westend. Ihr Name ist historisch bedingt: Die alten Warten stehen jeweils an den Grenzen des alten Frankfurter Stadtgebiets und heißen manchmal nach den Orten, in deren Richtung sie liegen.

Studentenflair noch nicht weggesprengt

Doch trotz der hauptsächlich leerstehenden - oder gar gesprengten - Uni-Gebäude ist der Einfluss der Hochschule nicht verschwunden - hatte sie doch immerhin 80 Jahre lang in Bockenheim ihren Hauptstandort und ist noch immer nicht vollständig ins Westend umgezogen. „Viele Studenten wohnen noch in Bockenheim, weil es hier preislich noch Möglichkeiten gibt“, so Kaufmann.

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Davon zeugt auch die Kneipenkultur. Läden wie der „Tannenbaum“, die „Volkswirtschaft“, „Doktor Flotte“ und das „Hesseneck“ sind für viele kultige Bier- und Plauschstätten, die aber auch ein Stück weit das Erbe der Kapitalismuskritik, die einst mit der Etablierung des Instituts für Sozialforschung und der Frankfurter Schule in Bockenheim florierte, weitertragen. Dass für einige das (Be-)Trinken im studentischen „Café KoZ“ und die anschließende - sagen wir - Rebellion auf der Straße „Romanze pur“ darstellt, wie Leser Victor Gietz auf Facebook schreibt, wollen wir an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen.

Was künftig aus dem von der Uni verlassenen Campus wird, steht allerdings noch - ebenfalls mal mehr und mal weniger energisch kritisiert - in den Sternen. „Das Wort Kulturcampus kann ja schon keiner mehr hören“, sagt Kaufmann. Er selbst hielte es für eine ausschlaggebende Entwicklung, wenn, wie geplant, die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst auf das Areal ziehen würde. „Das wäre der Kracher“, sagt er. Mit dem Senckenberg-Museum, dem Bockenheimer Depot und dem Tibethaus wären damit einige Kulturinstitutionen beisammen - Kaufmann geht allerdings davon aus, dass zunächst die Debatte um die städtischen Bühnen in der Innenstadt die Diskussion in Bockenheim überlagern wird.

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Doch auch Kaufmann sagt: „Es wäre schade, wenn hier nur Gewerbe und Wohnungsbau entstehen würde“, und formuliert dabei die Bedenken vieler Anwohner, die einen Wandel des Stadtteils befürchten. Es bleibt also zu hoffen, dass die beliebte Vielfalt erhalten bleibt und die Anwohner auch in Zukunft noch Bock auf Bockenheim haben.

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