Platensiedlung - vergessen oder aufgegeben?

Drogen, Gewalt, Brandstiftung - ein Merkurist-Leser macht auf Missstände in Frankfurts größter ehemaliger US-Wohnsiedlung aufmerksam. Für ihn ein Fall von versagender Stadtteilpolitik und Machtlosigkeit der Polizei. Merkurist ist dem nachgegangen.

Platensiedlung - vergessen oder aufgegeben?

Die Platenstraße in Ginnheim wirkt verlassen. Es ist ein Donnerstagmittag, noch sind Winterferien, daher ist auch an der Astrid-Lindgren-Schule niemand zu sehen. Nur ab und an kommt ein Passant mit einem Hund oder einem Kinderwagen vorbei. Bis auf einige vorbeifahrende Autos hört man kaum etwas. Auf den Rasenflächen zwischen den dreistöckigen Wohnblocks hält sich niemand auf. Die Platenstraße wirkt an diesem Tag im Januar wie eine rar genutzte Pilgerstrecke zum Discount-Supermarkt am Ende der Straße.

Doch in den Straßen der sogenannten Platensiedlung geht es nicht immer so ruhig zu. Erst an Silvester gelangte die größte „Housing Area“ Frankfurts, in der bis in die 1990er Jahre amerikanische Soldaten mit ihren Familien wohnten, in die Schlagzeilen. 30 bis 40 Jugendliche hätten sich auf den Straßen versammelt, um Mülltonnen anzuzünden. Zudem hätten junge Männer die eintreffenden Polizeibeamten körperlich angegriffen und mit Feuerwerksraketen beschossen. Zwei Monate zuvor hatten unter einer Autobahnbrücke an der Franz-Werfel-Straße mehrere Autos und ein Wohnwagen gebrannt. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Und Anfang Januar nahmen Beamte in der selben Straße ein Dealer-Paar hoch, das Marihuana und Kokain in einer Wohnung gehortet hatte.

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Eine Problem-Palette, die ignoriert wird?

Drogen, Gewalt, Brandstiftung - die drei genannten Beispiele steuerte unser Leser „Der Zettberger“ in seinem Snip bei. Seine Aussage dazu: „Platen-Siedlung - vergessen oder aufgegeben? Drogenkriminalität neben Schulhof - und alle schauen weg...“ Zettberger, der seinen echten Namen nicht preisgeben möchte, lebt selbst im Viertel und hat vieles selbst erlebt oder von anderen Anwohnern erzählt bekommen, um zu dieser Einschätzung zu kommen. Für ihn handelt es sich um ein großes Thema, um versagende Stadtteilpolitik und Machtlosigkeit der Polizei.

„Die Platensiedlung ist weder aufgegeben noch vergessen, auch schaut niemand weg.“ - Friedrich Hesse, Ortsvorsteher

„Die Platensiedlung ist weder aufgegeben noch vergessen, auch schaut niemand weg“, stellt Friedrich Hesse, Ortsvorsteher von Ginnheim, klar. „Seit Jahren beschäftigen wir uns immer wieder mit den Problemen in dieser Siedlung.“ So wurde ein Nachbarschaftsbüro eingerichtet, eine sogenannte Lern-und Kulturmeile entlang der Platenstraße gestaltet und ein Regionalrat für Ginnheim gegründet, in dem sich die Akteure vor Ort wie Polizei, Feuerwehr und andere treffen, um Lösungen für die angesprochenen Missstände zu finden. „Man kann also nicht behaupten, dass sich niemand für die Probleme der Platensiedlung interessiere“, so Hesse.

„Man muss nicht übertreiben“

Das bestätigt auch sein Kollege Rachid Rawas. Der Regionalratsvorsitzende lebt selbst in der Platensiedlung und betreibt das dortige Nachbarschaftsbüro, das als Nachfolger des Förderungsprojekts „Soziale Stadt“ eröffnet wurde. „Ginnheim ist kein Brennpunkt, man muss nicht übertreiben“, sagt Rawas. „Dennoch ist in der Platensiedlung manchmal zu spüren, dass Probleme vorhanden sind.“ So seien für ihn die Randale an Silvester nichts Neues. In seinen Augen liegen die Konflikte in der Belegungspolitik begründet: Menschen unterschiedlicher Herkünfte lebten in den blockartigen Mietsreihenhäusern, nicht immer funktioniere dabei eine gute Kommunikation. Auch fühle man sich in der Siedlung mitunter isoliert, nahezu ghettoisiert, wie Rawas sagt. Es brauche mehr Cafés, Geschäfte, Räume für Veranstaltungen - eben zur Begegnung. „Wir haben Probleme, aber die sind lösbar“, ist sich Rawas sicher. Allerdings brauche das Zeit.

„Der Drogenhandel ist schon ein dickes Problem.“ - Rachid Rawas, Regionalratsvorsitzender

Darunter falle auch der Drogenhandel. „Das ist schon ein dickes Problem“, räumt Rawas ein. Die Polizei bemühe sich allerdings auch intensiver als früher und zeige mehr Präsenz. „Es gab entsprechende Drogenfunde“, bestätigt auch Polizeisprecher Andrew McCormack. Das sei aber kein stadtteilspezifisches Problem und schon gar nicht mit der Situation etwa im Bahnhofsviertel vergleichbar. Auch habe sich das Fallaufkommen seines Wissens nach nicht intensiviert, wenngleich er einräumt, dass aufgrund des sozial schwächeren Umfelds ein gewisser Nährboden für kriminelle Energien besteht. Dabei spricht er allerdings vielmehr von erlebnisorientierten Jugendlichen. Das Platenviertel also vergessen oder aufgegeben? „Absolut nicht“, so McCormack. „Es ist nicht so dramatisch wie es da formuliert wird.“

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Anwohner zeigen sich zufrieden

„Ich wohne hier gerne und fühle mich sicher.“ - Anwohnerin (19)

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch, wenn man die Anwohner vor Ort fragt. „Es ist sehr ruhig hier, nicht viele Menschen, sehr gut zu leben“, fasst etwa Adib Behrooz zusammen, der seit vier Jahren im Quartier wohnt. Auch Ronja Brinkmann teilt die Meinung nicht, dass der Wohnort angesichts der Kriminalität keine Unterstützung erfahre. „Ich habe einen 17 Monate alten Sohn und bewege mich hier ganz frei. Ich fühle mich nicht unwohl“, sagt die 31-Jährige. Es gebe ja gar nicht viele Möglichkeiten, Straftaten zu begehen, die Polizei zeige viel Präsenz, sagt eine 19-Jährige, die anonym bleiben möchte. „Ich wohne hier gerne und fühle mich sicher. Menschen, die Sachen machen, die sie nicht sollen, gibt es schließlich überall.“

Anders sieht es wiederum Sinan Karaosmanlar: „Dass hier Kriminalität herrscht, ist nichts Neues. Das ist bestimmt seit 20 Jahren so, seit die Amerikaner weg sind“, sagt er. „Es ist eher zur Gewohnheit geworden. Vielleicht ist das das Problem.“ Und was ist eigentlich mit dem Problem, dass direkt an der Schule mit Drogen gedealt wird? „Wir haben im Sommer schon mal beobachtet, wie zwei junge Männer hier Drogen verkauft haben“, sagt die Einrichtungsleiterin des Kinder- und Familienzentrums Morgenstern, Angela Oblijou. Von der Caritas-Einrichtung aus, die neben der Astrid-Lindgren-Schule liegt, habe man Blick auf einen Rasen und Basketballplatz, und die Mitarbeiter hätten beobachtet, wie die Drogen dort gelagert und verkauft worden seien. Unsicher fühle sich Oblijou dadurch nicht. Sie habe aber den Eindruck, dass das Quartiersmanagement ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

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Eine Chance für die Siedlung

Damit äußert die Einrichtungsleiterin einen indirekten Vorwurf an Nachbarschaftsbüroleiter Rachid Rawas. Wobei sein Kollege Dirk Herwig, Mitarbeiter des Präventionsrats, der Ginnheim betreut, klarstellt, dass die Arbeit, die im vergangenen Sommer vom Regionalrat aufgenommen wurde, eher im Stillen abläuft. „Womöglich ist das noch nicht so präsent für die Bevölkerung“, sagt er. „Wir sind aber auf einem guten Weg und stellen die Weichen, wie den Problemen zu begegnen ist.“

„Die Ängste sind größer als das Problem an sich.“ - Rachid Rawas, Regionalratsvorsitzender

Rawas sieht zudem eine Chance für die Siedlung in der geplanten Nachverdichtung. Das städtische Planungsdezernat will gemeinsam mit der Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding die Platensiedlung bis Ende 2020 sanieren und modernisieren - „die Platensiedlung bekommt ein neues Gesicht“, heißt es auf der Webseite der ABG. Rund 700 neue Wohnungen sollen entstehen, viele davon gefördert. Auch neue Angebote an Freiflächen, Kindertagesstätten sowie Laden- und Gastronomieflächen sind in den Planungen enthalten. Die Verantwortlichen der Stadt - darunter auch Rawas - hoffen, dass das neue Wohnangebot andere Menschen anzieht. „Eine soziale Mischung könnte zu einer Verbesserung der Situation beitragen“, sagt der Regionalratsvorsitzende. Für ihn ist klar: „Die Menschen müssen sich zu Hause fühlen.“ Und obwohl er die Probleme der Anwohner ernst nehme, die zu ihm kommen, ist er überzeugt: „Die Ängste sind größer als das Problem an sich.“

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