Frankfurts unbeliebte Stadtteile: Ist es dort wirklich so schlimm?

Merkurist hat seine Leser gefragt, welche Stadtteile der Mainmetropole sie am wenigsten mögen. Dabei wurden vier besonders oft genannt. Doch verdienen die Stadtteile ihren schlechten Ruf? Wir haben uns umgehört.

Frankfurts unbeliebte Stadtteile: Ist es dort wirklich so schlimm?

Es gibt Sachen, auf die sind die Frankfurter mächtig stolz: So etwa ihren Ebbelwoi, die Eintracht und die Skyline. Doch andere Teile der Stadt möchte man am besten komplett ignorieren. Dies betrifft teilweise ganze Stadtteile. Nennen Höchster ihren Wohnort, erhalten sie oft nur ein vorsichtiges „oh“ zurück oder werden schockiert und mitleidig angeschaut.

Doch Höchst ist nicht der einzige Stadtteil, dessen schlechter Ruf in der ganzen Stadt bekannt ist. Eine Merkurist-Umfrage ergab, dass der Gallus, das Bahnhofsviertel und Fechenheim vom selben Schicksal getroffen sind. Aber woran liegt das schlechte Image und ist dieses gerechtfertigt? Merkurist hat sich umgehört.

Vorwurf 1: Heruntergekommen

Auf die Frage, welchen Stadtteil in Frankfurt sie am wenigsten mögen, haben einige Leser Höchst genannt. Dort sei es schmutzig, heruntergekommen und kriminell. Diese Vorwürfe kennt auch Ortsvorsteherin Susanne Serke (CDU). Schmutz und Müll seien ein großes Ärgernis und ein großes Thema in Höchst - vor allem die vielen illegalen Sperrmüllhaufen. Auch die „ausufernde Trinkerszene“ bereite vielen Menschen vor Ort Sorgen. Davon seien vor allem die Parkanlage am Bahnhof und die Fläche vor dem Rewe in der Königsteiner Straße betroffen, wo Betrunkene öfters Passanten anpöbeln.

Trotz der vorhandenen Probleme ist Serke überrascht, dass Höchst einer von Frankfurts unbeliebtesten Stadtteilen ist. „Alle die Probleme, die es gibt, sollten nicht überhandnehmen über die schönen Seiten.“ Und davon gebe es in Höchst viele. So sei die Altstadt mit den verwinkelten kleinen Gassen und Fachwerkhäusern, das Schloss und dem dazugehörigen Park und die Justinuskirche - das älteste Gebäude Frankfurts - einen Besuch wert.

„Wir versuchen am Ball zu bleiben.“ - Susanne Serke, Ortsvorsteherin

Auch die vielen Kulturen seien schön und lassen viele verschiedene Geschäfte in Höchst entstehen. Dennoch ziehe ein Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen auch ein Konflikt-Risiko mit sich. „Wir versuchen am Ball zu bleiben“, sagt Serke abschließend zu allen genannten Unzufriedenheiten.

Vorwurf 2: Seelenlos und ohne Konzept

Während Höchst zwar von den Merkurist-Lesern als lebendig aber eben in die „falsche Richtung“ gesehen wird, erklären sie einen anderen Frankfurter Stadtteil für tot: das Gallus. Dabei ist vor allem das Europaviertel unbeliebt. Ein Merkurist-Leser beschreibt dies so: „Dort stehen klotzige Karnickelställe für die obere mittlere Schicht.“ Weiter beschreibt er das recht neue Viertel als „seelenlos, identitätslos, langweilig und profitmaximiert“. Den Rest des Gallus verteidigt er aber.

Die Vorwürfe zum Europaviertel muss sich Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD) nicht zum ersten Mal anhören. Dass noch Leben in das Viertel gebracht werden muss, sieht er ein. Doch für ihn ist der Gallus auch „dynamisch, studentisch und multikulturell“, wie er gegenüber Merkurist im Dezember 2018 sagte.

„Hier kann jeder so leben, wie er will.“ - Oliver Strank, Ortsvorsteher

Im Stadtteil tue sich viel und es gebe von allem etwas - nur bei der Verschmelzung hapere es noch. „Im Gallus gibt es viel Stückwerk“, sagt Strank. Dadurch seien die Unterschiede zwischen alt und neu groß; Industrie, Luxus und günstiger Wohnraum stünden dort nebeneinander. Die jeweiligen Bewohner akzeptieren sich trotz Unterschiede gegenseitig. „Hier kann jeder so leben, wie er will“, so Strank.

Vorwurf 3: Fabrikenflair und schlecht angebunden

Viel Industrie gibt es auch in Fechenheim - ein weiterer Stadtteil, der es unter die unbeliebtesten Orte Frankfurts geschafft hat. Eine Merkurist-Leserin beschreibt die Situation im östlichen Stadtteil folgendermaßen: „Es gibt zu wenig schönen Wohnraum und zu viel Fabrikenflair. Außerdem ist die Anbindung schlecht.“ Von diesem harschen Urteil ist eine Ur-Fechenheimerin überrascht. Magdalene Grana sitzt im Fechenheimer Ortsbeirat und wohnt seit 60 Jahren im Stadtteil.

„Fechenheim ist ein liebenswerter Stadtteil.“ - Magdalene Grana, Mitglied Ortsbeirat

„Fechenheim ist ein liebenswerter Stadtteil“, sagt Grana. Dass die Anbindung an den Rest der Stadt verbesserungsfähig ist, findet sie allerdings auch. „Es wäre schön, wenn die Straßenbahnlinie 12 auch noch bis zur Schießhüttenstraße durchgeführt werden könnte und die nordmainische S-Bahn nun endlich kommt.“ Auch seien in den vergangenen Jahren viele Metzgereien und Bäckereien geschlossen worden, dies bereite besonders Senioren Probleme. Denn damit müssen sie nun meist einen weiteren Weg zu den Supermärkten wie Tegut, Netto oder Aldi zurücklegen.

Trotzdem ist Fechenheim für Grana weitaus mehr als Industrie. Demnächst wird der Altarm des Mains freigelegt, um so die naturnahe Landschaft am Fechenheimer Ufer zu vergrößern. Damit wird das Naturschutzgebiet, das sich im Stadtteil befindet, noch einmal größer.

Rund um die Wächtersbacher Straße und in der Schießhüttenstraße wurden zudem in den vergangenen Jahren Wohnungen gebaut. Auch ein ehemaliger Hochbunker in der Gründenseestraße wurde in Wohnraum umgewandelt. „Leute, die schimpfen, gibt es immer“, sagt Grana abschließend.

Vorwurf 4: Drogen, Dreck und Gestank

Wenn es einen Teil Frankfurts gibt, der für die Kriminalität in der Stadt steht, dann ist es das Bahnhofsviertel. Das „Eingangstor in die Stadt“ wird als gefährlich empfunden; als Ort, an dem man sich nachts nicht alleine aufhalten sollte und wo sich „zwielichtige Kreaturen“ herumtreiben. Zudem ist der Stadtteil für Urinpfützen, Müll auf den Straßen, Drogenhandel und Prostitution bekannt. Viele Frankfurter laufen ganz schnell durch Kaiser- , Taunus- und Münchner Straße und halten sich höchstens mal zum Feiern länger dort auf.

„Im Bahnhofsviertel schlägt der Puls dieser Stadt so stark, wie an fast keinem anderen Ort in Frankfurt.“ - Peter Feldmann, Oberbürgermeister

Doch das Viertel ist auch seit einigen Jahren im Wandel und wenn man einem Urgestein des Bahnhofsviertels, dem Künstler Oskar Mahler, Glauben schenkt „das einzige, was Frankfurt zur Metropole macht“. Die Gründe dafür hat Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) in seinem Grußwort zur Bahnhofsviertelnacht 2018 folgendermaßen zusammengefasst: „Im Bahnhofsviertel schlägt der Puls dieser Stadt so stark, wie an fast keinem anderen Ort in Frankfurt.“

Das Viertel bestehe nicht nur aus „quirligen Straßenzügen“ und Vertretern aller Kulturen, Religionen und Weltanschauungen, sondern zeige auch den „stetigen Drang nach Veränderungen“, der typisch für Frankfurt sei, so Feldmann.

„Aber jeder Stadtteil ist schön, weil es Menschen gibt, die sich dort wohlfühlen.“ - Merkurist-Leserin

Dabei scheint jeder Stadtteil, so unbeliebt er auch ist, eine typische Charaktereigenschaft Frankfurts zu haben. „Frankfurt hat, wie jede Großstadt, seine Licht- und Schattenseiten“, schreibt eine Merkurist-Leserin. „Aber jeder Stadtteil ist schön, weil es Menschen gibt, die sich dort wohlfühlen.“ (mr)

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