Kreativ beleidigen auf Art der Frankfurter Grundschüler

Es begann alles mit zwei Frankfurter Grundschülern, die ihre Lehrerin auf eine Art beleidigten, die ihr so noch nicht begegnet war - kreativ, anders und irgendwie ziemlich clever. Jetzt kann sich jeder im Netz solche Schimpfwörter generieren lassen.

Kreativ beleidigen auf Art der Frankfurter Grundschüler

Generatoren schwirren viele im Internet umher - doch der aus Frankfurt ist von der etwas anderen Art. Denn er stellt abstruse Schimpfwörter zusammen. Von Puffmuttersamenbroccoli über Perlentittenragout und Hurenfickwurst werden den Nutzern, die den Knopf drücken, die verschiedensten Beleidigungen ausgespuckt. Entworfen haben die Webseite eine Frankfurter Grundschullehrerin und ein IT-Entwickler. Doch was steckt dahinter und was wollen die beiden mit dem Projekt bezwecken?

Wenn Grundschüler kreativ werden

Die Grundschullehrerin Sofia hatte in einer ruhigen Minute im Lehrerzimmer einen Geistesblitz: Hinter den verwirrenden Beleidigungen, die ihr zwei Schüler in den vergangenen Wochen an den Kopf geworfen hatten, steckt ein System. „Hurenfickwurst“ hatte sie einer ihrer Schüler genannt, nachdem sie ihn - seines Verhaltens wegen- aus dem Klassenraum geführt hatte. Zuvor hatte er „triumphierend sämtliche Familien der anwesenden Schüler diffamiert“, so Sofia. Als Reaktion hatten Mitschüler Mülleimer, Mäppchen, Spitzer und Schuhe durch den Klassenraum geschmissen.

„Kreativ, außergewöhnlich, extravagant - wie der Wortneuschöpfer selbst.“ - Sofia, Grundschullehrerin

Kurz darauf wurde sie wieder von einem ihrer Schüler beleidigt - dieses Mal als „Mutterwichsgurke“. „Kreativ, außergewöhnlich, extravagant - wie der Wortneuschöpfer selbst“, dachte sich Sofia, als sie im Lehrerzimmer alles Revue passieren ließ. Dann sah sie die Parallelen zum Schimpfwort davor: Der erste Teil ist ein Wort mit Bezug auf Frauen, der zweite Part eine sexuelle Anspielung und der dritte Teil ein Lebensmittel. Sofia war beeindruckt. „Und da soll noch einer diesen wortgewandten Poeten Fantasie, Redekunst und die Kenntnis der deutschen Sprache aberkennen“, dachte sie sich.

Mehr als eine Million Schimpfwort-Kombis

„Das schreit danach, einen Generator zu bauen.“ - Chris, Entwickler

Sie erzählte ihrem Freund Chris davon. Seine Reaktion: „Das schreit danach, einen Generator zu bauen.“ Und so entwarf der IT-Entwickler eine Webseite mit einem Katalog an Worten, die zusammengewürfelt werden können. Mehr als eine Million mögliche Kombinationen gebe es derzeit. Der Generator soll mit den absurden Schimpfwörtern zeigen, dass Menschen teilweise total willkürlich Beleidigungen verwenden.

Gerade Schüler sprechen die Schimpfworte aus, ohne sich etwas dabei zu denken, sagt Chris. Das Fluchen an sich könne und sollte man den Kindern - und auch Erwachsenen - nicht abgewöhnen. Im Gegenteil, es sollte mehr geflucht werden, findet Chris. Denn: „Leute sollten lernen, sich auszudrücken und mit ihren Gefühlen umzugehen“, so der Entwickler. Und weiter: „Runterschlucken ist nicht gut, vielmehr soll man damit umgehen, was in einem pocht.“

„Jeder zensiert sich selbst, doch damit wird man auch distanziert.“- Chris, Entwickler

Den freien Ausdruck wünscht er sich nicht nur für die Schüler oder die vermeintlich schwierigen Jungs, mit denen er bei der offenen Jugendarbeit in Kontakt ist, sondern auch für sich selbst. Seitdem er angefangen habe, zu arbeiten, fühle er sich, was seinen Selbstausdruck angeht, nicht mehr so frei. „Jeder zensiert sich selbst, doch damit wird man auch distanziert“, so Chris. Mit offen ausgesprochenen Schimpfworten könnte man dagegen wirken.

Ein Plädoyer für abstruse Schimpfworte

Dabei sollte man allerdings weder persönlich beleidigend werden, noch vorbelastete Schimpfworte benutzten. „Dass Jude wieder ein Schimpfwort an Schulen geworden ist, finde ich nicht gut“, sagt Chris. Stattdessen sollte man sich lieber abstruse Schimpfworte an den Kopf schmeißen. Denn es gehe nicht um das Wort an sich, sondern um den Inhalt, der damit vermittelt werde. Sieht derjenige, der beleidigt, also keinen Inhalt in dem Wort, sondern möchte nur seinem Frust freien Lauf lassen, sei das mehr als okay. Der Generator biete Möglichkeiten dazu.

Er selbst habe allerdings beim Fluchen noch nicht auf ein Wort des Generators zurückgegriffen. Man verfalle, wenn man in Rage sei, oft wieder in seine „Muttersprache“, greife auf die Worte zurück, mit denen man aufgewachsen ist. Doch man wisse nie, ob sich ein Schimpfwort aus dem Generator nicht doch irgendwann verbreiten wird. Die verbreitete Beleidigung „Lauch“ sei schließlich auch absurd.

Eigentlich sei der Generator noch recht unbekannt, sagt Chris. Trotzdem habe es ihn immer wieder überrascht, wer dann doch schon einmal von ihm gehört hat. So traf er in Marburg bei einer Feier auf Fremde, die einmal eine Party veranstaltet hatten, zu der die Gäste nur mit einem der Worte aus dem Generator Zutritt bekamen - als Codewort, sozusagen. Und wie kommt der Generator bei den Eltern an? Die Eltern der Schüler von Sofia wüssten nichts von der Webseite. Und auch wenn sie sich darüber aufregen würden, sage dies laut Chris mehr über die Eltern und als über den Generator an sich aus. (ab)

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