Von einem Hahn als Lebensretter: Frankfurter Stadtmythen

Die Stadt steckt voller Geschichten, die mit der Zeit zu Mythen gereift sind. Wie viel Wahrheit steckt in ihnen? Und kennen sich die Frankfurter mit ihnen aus?

Von einem Hahn als Lebensretter: Frankfurter Stadtmythen

Auf den Pflastern einer alten Großstadt wie Frankfurt ist es nichts Ungewöhnliches, dass sich die Einwohner legendäre Geschichten über Vorgänge in der Stadt erzählen und diese Erzählungen an nachkommende Generationen weitergeben. Ein Mythos entsteht. Der Duden definiert ihn als Begebenheit, Person oder Sache, die aus irrationalen oder verschwommenen Erinnerungen besteht und fortan glorifiziert wird. Eine Geschichte wird somit zur Legende, mit märchen- und sagenhaften Zügen. Dabei muss eine Begebenheit oder Person nicht hunderte von Jahre alt sein, um zum Mythos zu werden: In Frankfurt hatten schon damals die Aufenthalte von Elvis oder John F. Kennedy für großes Interesse bei den Bürgern gesorgt. Noch heute werden Geschichten darüber erzählt.

Teilweise prägen sich Legenden und Mythen so in ein kollektives Gedächtnis ein, dass sie trotz ihrer Fiktionalität als wahr hingenommen werden. So auch bei der Sage, die sich um den Eschenheimer Turm rankt. Er wurde als Warte genutzt und laut einer der bekanntesten Frankfurter Sagen wurde dort ein Wilderer für neun Tage eingekerkert, ehe er umgebracht werden sollte. Er entging der Todesstrafe, indem er eine „9“ in die Wetterfahne des Turms schoss. Die Stadt Frankfurt begnadigte ihn als Würdigung seiner Schießkünste. Wenn man genau hinsieht, kann man noch heute den Neuner in der Wetterfahne erkennen. Hier spielt aber die Stadt selbst mit Fakt und Fiktion. Denn Fakt ist, dass Waffen im späten Mittelalter nie die Präzision hatten, um so sauber in ein weit entferntes Ziel zu schießen. Stattdessen koketiert die Stadt mit der Sage und stanzt die Löcher seitdem künstlich ein.

“Das Wort Mythos kann für viele Leute abschreckend wirken, es mutet doch eher antik oder religiös an. Deswegen verwende ich in meinen Touren lieber die Begriffe Anekdoten oder Kuriositäten. Sie sind zeitgemäßer und sprechen junge Leute an.“ - Verena Röse, Stadtführerin

Merkurist hat die Stadtführerin Verena Röse gefragt, wie ein Mythos entsteht und wie viel Wahrheit in ihm steckt. „Es kommt darauf an, wie man Mythos definiert. Muss ein Mythos etwas Antikes oder Mittelalterliches sein, was es per Definitionem eigentlich auch ist? Oder können auch moderne Dinge zu einem Mythos aufsteigen? Einfach durch ständiges Nacherzählen und dadurch, dass sich so eine Kuriosität verfestigt“, fragt Röse. In ihren Führungen stellt sie immer wieder fest, dass auch moderne Begebenheiten oder Personen mit einer Mystik versehen werden. Letztendlich sei eine Anekdote oder ein Mythos eine Geschichte, die immer mit gewissen Erinnerungen oder Emotionen verbunden werde.

Kennen Frankfurter die Geschichten und Legenden ihrer Stadt?

In ihren Stadtführungen möchte Verena Röse den Frankfurtern die Geschichte der Stadt näherbringen. Die Motivation dahinter beruht auf der Annahme, dass Einwohner nur ein faktenlastiges Wissen über die eigene Stadt haben: „Wie komme ich von A nach B? Wohin muss ich, wenn ich dies und das brauche?“ Als Tourist in einer fremden Stadt habe man hingegen nicht so einen Tunnelblick, da man sich vor dem Besuch über die Geschichte dieser Stadt informiere. Im Programm von Frau Röse sind auch Touren, die sich speziell an Kinder oder Senioren richten. Röse beobachtet, dass Kinder generell solche Geschichten lieben und offen für jegliche Anekdoten seien. Bei den älteren Teilnehmern fiele ihr auf, dass auch sie mit relativ wenig Vorkenntnis eine ihrer Touren besuchen. „Und deswegen besuchen die Leute solche Stadtführungen, in denen historisches Wissen unterhaltsam vermittelt wird. Sie müssen sich das Wissen nicht anlesen, sondern bekommen es vor Ort präsentiert.“

Das Leben am Main war schon immer dynamisch: „Frankfurt ist eine Stadt, die sich nicht nur auf die Vergangenheit besinnt. Sie wurde schon früher oft mit der Gegenwart und sogar Zukunft in Verbindung gebracht.“ Städte wie Heidelberg seien da historischer und besser erhalten. Da Frankfurt schnelllebig und zukunftsorientiert sei, zählen alte Erzählungen eher zu den Nischenprodukten. „Hier wirbt man mit der Skyline, nicht mit einem Nachtwächter auf dem Römerberg.“ Derweil freue sich Röse auf die Eröffnung der rekonstruierten Altstadt, da mit jedem der 35 Häuser wieder eine längst vergessene Geschichte auflebe. „Wir Stadtführer bilden uns jetzt schon weiter, dieses Jahr fallen die Bauzäune und wir wollen dort Führungen geben. Die Nachfrage ist riesig“, so Röse.

Der Brickegickel

Silke Wustmann ist eine Kollegin von Verena Röse und thematisiert in einer ihrer Führungen Frankfurter Mythen und Sagen. Eine weitere dieser Sagen beschäftigt sich mit der ältesten Brücke der Stadt. Die „Alte Brücke“ ist mit einem goldenen Hahn versehen, dem sogenannten „Brickegickel“. Dass man einem vergoldeten Wahrzeichen so viel Bedeutung schenke, beweise, wie wichtig die „Alte Brücke“ für die Region gewesen sei. Ab dem 13. Jahrhundert war sie der einzige Handelsweg, der über den Main führte. Als sie im Mittelalter baufällig wurde, kam der damalige Baumeister der Sage zufolge auf eine trickreiche Idee. Da er die Frist für die Fertigstellung der Brücke nicht einhalten konnte, flehte er Gott um Hilfe an. Dieser berücksichtigte die Bitte des Baumeisters jedoch nicht. Also fragte der Baumeister den Teufel, welcher einwilligte - doch nur unter der Bedingung, dass das erste zweibeinige Lebewesen, das die Brücke überquert, sterben muss. Anstatt sich oder einen anderen Menschen zu opfern, nahm der Baumeister einen Hahn, ließ ihn nach Sachsenhausen laufen und opferte damit das Tier für eine sanierte Brücke.

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Doch was an dieser Sage ist wahr? „Am Ende der Geschichte zerteilte der Teufel den Hahn aus lauter Wut in zwei Teile. An dieser Stelle der Brücke befanden sich zwei Löcher, die man auch nicht mehr schließen konnte“, sagt Wustmann. Diese Löcher habe es wirklich gegeben, betont die Stadtführerin: „Sie waren mit Brettern überdeckt, doch im Kriegsfall konnte man diese Holzbohlen wegnehmen, sodass es dem Feind die Einnahme der Stadt erschwert.“ Ebenso hatte die Schifffahrt ihren Nutzen vom goldenen Hahn: „Er markierte die tiefste Stelle des Mains.“ Eine Sage habe immer einen wahren Kern, sagt Wustmann. „Es ist ein Phänomen dieser Zeiten gewesen, als man sich noch nicht alles naturwissenschaftlich erklären konnte und generell schwieriger an Informationen gelangen konnte“, erklärt sie. Die Sage um den Neuner in der Wetterfahne habe auch eine klare Botschaft, so solle das Volk nicht das Wild jagen. Moralische Belehrung sei ein typisches Merkmal von Mythen oder Sagen.

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