Explosiv: „Hedwig and the Angry Inch“

Das Kult-Musical aus New York ist ab dem 22. September in Frankfurt zu sehen. Merkurist war bei der Preview dabei, um Euch einen Vorgeschmack zu geben. Die Botschaft des Musicals ist eindeutig: Mut zur Andersartigkeit.

Explosiv: „Hedwig and the Angry Inch“

Der bestuhlte Saal ist vernebelt, Zigarettenrauch verschleiert das Licht, auf der Bühne wird getrunken und gejammt. Die Gäste füllen den Saal und das Geflüster verstärkt sich: „Geht es schon los?“, fragen sich viele Besucher. Der Anblick einer verrauchten Bühne scheint nicht in die Vorstellung einiger Gäste über Musicals zu passen. Musicals sind altmodisch? Von wegen! Davon kann man sich bei „Hedwig and the Angry Inch“ in der Hausener Brotfabrik ab Freitag selbst überzeugen.

„Lasst uns gemeinsam die Andersartigkeit und die Individualität feiern.“ - Thomas Heep, Regisseur

Begrüßt wird das Publikum bei der Preview vom Jungregisseur Thomas Heep: „Lasst uns gemeinsam die Andersartigkeit und die Individualität feiern.“ Den gesellschaftlichen Konsens über Bord werfen, das sollen die Besucher an diesem Abend tun. Er verlässt die Bühne und plötzlich steht sie da: Hedwig Robinson. Das Rock-Musical aus New York erzählt ihre tragikomische Geschichte.

Die Geschichte

In Ost-Berlin - auf der falschen Seite der Mauer - als Hansel Schmidt aufgewachsen, wird sie von dem US-Soldaten Luther zum Übersiedeln in die USA überredet. Im geteilten Berlin ist dafür jedoch eine Heirat notwendig, für die sich Hansel einer Geschlechtsumwandlung unterzieht. Nach einer missglückten Operation bleibt von ihrem Penis allerdings ein „Angry Inch“ zurück. Vom GI ausgenutzt und verlassen, lebt Hedwig fortan in einem Trailerpark in Kansas. Dort lernt sie den jungen Tommy kennen, dem sie ihr komplettes Wissen über Musik nahebringt. Dieser wird allerdings im Alleingang als Tommy Gnosis mit den gemeinsam geschriebenen Songs über Nacht zum Star, weshalb Hedwig ihm mit ihrem neuen Ehemann Yitzhak hinterher reist.

Hedwig auf Identitätssuche

In der Hausener Brotfabrik angekommen, scheint ihr Glam-Rock-Punk-Image zunächst vollkommen: Das lange platinblonde Haar ist perfekt gelockt, die Plateaustiefel sind mindestens fünfzehn Zentimeter hoch, das grüne Samtkleid sitzt wie angegossen und ihr Make-up ist makellos. Hedwig ist humorvoll und derb zugleich. Ihren Ehemann Yitzhak kommandiert sie auf der Bühne herum und Bier spuckt sie auch noch ins Publikum, worüber die Gäste mehr amüsiert als verärgert scheinen.

Trotz Speichelverlust und Rockstar-Allüren ist einem die verkannte Chanteuse direkt sympatisch. Ihre Emotionen werden durch Schauspiel, Musik und Tanz auf das Publikum förmlich übertragen. Die anfangs starke und selbstbewusste Figur wirkt jedoch immer zerbrechlicher. Ihre Fassade bröckelt, je weiter das Stück voranschreitet. Was ist Liebe und was bedeutet es, Mann oder Frau zu sein? Diese Fragen lassen Hedwig auf der Bühne keine Ruhe. Hedwig ist die Mitte, weder das eine, noch das andere: Sie gibt ihre Gefühle frei und lässt das Publikum Teil ihrer Identitätssuche werden. Dabei führt Hedwig weitestgehend einen Monolog und verbindet dadurch die Lieder miteinander.

„Hedwig and the Angry Inch“ ist eine Hommage an die Individualität. Es vereint Theater- und Rock-Konzert-Atmosphäre und überzeugt mit einem authentischen Bühnenbild und herausragender schauspielerischer und musikalischer Leistung. Von seichtem Unterhaltungstheater kann bei diesem ungezügelten Rock-Musical nicht die Rede sein.

Wer sich selbst von dem Rock-Musical aus New York überzeugen möchte, kann „Hedwig and the Angry Inch“ ab dem 22. September in der Brotfabrik sehen. Tickets findet Ihr hier.

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