Antisemitismus an Frankfurter Schulen - Kein neues Phänomen

Antisemitismus ist wieder zum viel diskutierten Problem geworden, seit mehrere Vorfälle in Berlin in die Öffentlichkeit gerieten. Wir sind der Frage nachgegangen, wie es in Frankfurt um dieses Thema steht.

Antisemitismus an Frankfurter Schulen - Kein neues Phänomen

Immer wieder hat es in den vergangenen Wochen Berichte über antisemitische Übergriffe und judenfeindliches Mobbing an Schulen gegeben. Meist kommen diese Berichte aus Berlin, Merkurist ist der Frage nachgegangen, wie präsent Antisemitismus an Frankfurter Schulen ist.

Aktuelle politische Situation als Einfluss

In Frankfurt gibt es eine große jüdische Gemeinde. Viele jüdische Kinder und Jugendliche lernen an öffentlichen Schulen. Wie stark sie Antisemitismus ausgesetzt sind, lässt sich schwer erfassen. Aber persönliche Erfahrungen können einen ersten Eindruck liefern. Aaron Serota ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Studierenden Union und hat lange Zeit im Jugendzentrum der jüdischen Gemeinde in Frankfurt als Betreuer gearbeitet. Seiner Ansicht nach kommt es immer wieder zu Höhepunkten antisemitischer Angriffe, auch unter Schülern: „Im Rahmen des Gaza-Konflikts 2014 gab es eine Schubwelle. Da wurden jüdische Kinder dann von ihren Mitschülern gefragt, warum ‚die Juden‘ denn Kinder töten würden.“ Derartige Aussagen beziehen sich auf israelische Luftangriffe. Immer wieder behaupten palästinensische Gruppen, dass dabei gezielt Kinder getötet würden.

„Man kann schon sagen, dass Europa ein Nebenschauplatz im Nahostkonflikt ist.“ - Aaron Serota, Jüdische Studierende Union

Auch in Auseinandersetzungen unter Schülern spiegeln sich dann diese Behauptungen und werden durch Vorbilder angeheizt, sagt Serota. Wenn beispielsweise Rapper oder Influencer in sozialen Netzwerken unreflektierte Ansichten zu Juden oder dem Nahostkonflikt äußern, werden diese von Kindern schnell übernommen. „Man kann schon sagen, dass Europa ein Nebenschauplatz im Nahostkonflikt ist“, ergänzt Serota. Wenn es zu Antisemitismus-Vorfällen kommt, sei es das Wichtigste, Klischees zu entkräften und Aussagen mit Fakten zu begegnen. Dabei hilft seiner Meinung nach auch, dass Frankfurt sehr multikulturell ist und es dort eine große jüdische Gemeinde gibt. Ganz allgemein habe er persönlich nicht den Eindruck, dass Antisemitismus in Frankfurt ein großes Problem sei.

Repräsentative Statistiken zu solchen Vorfällen in Frankfurt gibt es nicht. Eine Anfrage der SPD im Hessischen Landtag ergab 2016 drei und 2017 zwei Vorfälle, für 2018 wurden keine registriert. Der Hessischen Beratungsstelle für Betroffene von rechter, antisemitischer und rassistischer Gewalt wurden 2017 29 Fällen von antisemitischen Beschimpfungen durch Schüler gemeldet.
Angesiedelt ist die Beratungsstelle in der Bildungsstätte Anne Frank.

Aufklärung kann helfen

Aufklärung über Antisemitismus für Jugendliche und Lehrkräfte bildet einen der Schwerpunkt der Arbeit der Bildungsstätte. Die Leiterin der pädagogischen Abteilung, Saba-Nur Cheema, erläutert, dass Antisemitismus trotz der aktuellen Vorfälle nicht neu sei.

„Antisemitismus ist kein neues Phänomen, er wirkt sich in allen Schulformen und Jahrgängen aus .“ - Saba-Nur Cheema, Bildungsstätte Anne Frank

Auch das Vorurteil, dass Antisemitismus vor allem in Migrations-Milieus zu finden sei, kann sie nicht bestätigen: „Antisemitismus ist kein neues Phänomen, er wirkt sich in allen Schulformen und Jahrgängen aus - unabhängig davon, ob es eine Schule mit vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist.“

Dass ein Wandel stattgefunden hat, erkennt Cheema dennoch. Sie bezieht ihn aber nicht auf die Zunahme des Antisemitismus, sondern auf andere Formen, in denen er sichtbar wird. Jugendliche ohne Migrationshintergrund äußern laut Cheema häufiger „klassische“ antisemitische Vorurteile. Dazu zählt sie beispielsweise, dass Juden an Verschwörungen beteiligt oder verlogen seien. Jugendliche, die ihre Wurzeln in Staaten hätten, die mit Israel in Konflikt stehen, beziehen ihren Antisemitismus häufiger auf diesen Konflikt. Wobei diese Unterscheidung nicht trennscharf sei, sondern nur eine Tendenz aufzeige. Vorurteile und einseitiges Parteiergreifen gegen Israel finde sich bei migrantischen und nicht-migrantischen Jugendlichen, sagt Cheema.

Ähnlich sieht es Julia Bernstein. Bernstein ist Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt Univerisity of Applied Science und hat zum Antisemitismus unter Jugendlichen geforscht. Auch sie sieht kein neues Phänomen. Vielmehr werde mehr über das Thema gesprochen und – so betont Bernstein – es habe eine Enthemmung stattgefunden. Beispielsweise sei „du Jude“ als Schimpfwort heute sehr viel öfter und selbstverständlicher gebräuchlich.

Die Rolle der Lehrer

Sowohl Cheema als auch Bernstein wünschen sich mehr aktive Auseinandersetzung mit Antisemitismus in seinen verschiedenen Formen auf Seiten der Lehrer. Cheema erklärt, dass bereits viele Lehrkräfte Antisemitismus unter Schülern ansprechen und aufklären. Trotzdem sieht sie Handlungsbedarf. Ein Satz einer angehenden Lehrkraft ist ihr im Gedächtnis geblieben: „Ich habe keine Ahnung vom Nahostkonflikt. Ich finde es schlimm, was Israel macht, aber mehr kann ich dazu nicht sagen“, soll gefallen sein.

„Oftmals erkennen Lehrkräfte den Antisemitismus nicht, sondern empfinden Äußerungen als gerechtfertigte Wut.“ - Julia Bernstein, Frankfurt University of Applied Science

So könne es bewusst oder unbewusst zur Reproduktion von Stereotypen und Halbwahrheiten kommen. Bernstein sieht es so: „Oftmals erkennen Lehrkräfte den Antisemitismus nicht, sondern empfinden Äußerungen als gerechtfertigte Wut.“ Dabei sei es bei jungen Menschen besonders wichtig, Vorurteile abzubauen, sagt Cheema: „Jugendliche sind noch veränderungsfähig. Dafür braucht es Lehrkräfte, die entsprechende Kompetenzen haben“. Auch Bernstein hält die Bildung der Lehrer für zentral: „Es besteht der Wunsch, alles richtig zu machen. Dafür braucht es professionelle Kräfte.“ Sowohl Cheema als auch Bernstein räumen aber ein, dass Lehrer keine Experten für Antisemitismus sein können, ihn zu erkennen sei aber durchaus möglich.

Um Lehrer besser zu sensibilisieren, will auch das Land Hessen bei Weiterbildungen ansetzen. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hat inzwischen erlassen, dass Schulleitungen und Lehrkräfte stärker sensibilisiert und antisemitische Vorfälle grundsätzlich gemeldet werden sollen. In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und der Bildungsstätte Anne Frank sollen Lehrkräfte gezielt informiert werden, damit sie besser einschätzen können, was Antisemitismus ist und welche Folgen er haben kann.

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