Der Oeder Weg - Eine Straße mit zwei Gesichtern

Wir stellen Euch die Flaniermeile im Nordend vor. Am Treiben im Oeder Weg zeigen sich Problematiken für Bewohner und Einzelhandel, die im Nordend besonders deutlich werden.

Der Oeder Weg - Eine Straße mit zwei Gesichtern

Vom Frankfurter Norden führt der Oeder Weg in Richtung Innenstadt, ehe er kurz vor dem Eschenheimer Turm endet. Auf 1325 Metern Straßenlänge finden Frankfurter hier all das, was die Anwohner für ihren Alltag benötigen. Die obere Hälfte wird fast ausschließlich von Wohnraum dominiert. Ab dem Adlerflychtplatz laden Bäume und Grünflächen zum Spazieren in gemächlicher Atmosphäre ein.

Das Wohnen im Grünen hat allerdings auch seinen Preis, für eine Wohnung am angrenzenden Holzhausenpark muss man inzwischen hohe Mieten in Kauf nehmen. Durchschnittlich zahlen Anwohner 16,73 Euro pro Quadratmeter Miete, was das Nordend-West zu den teuersten Vierteln der Stadt macht. Auch das Gewerbe habe mit den hohen Mieten zu kämpfen und Traditionsgeschäfte würden allmählich ihren Betrieb im trendigen Nordend einstellen, so Robert Schmidt, der 2016 die in dritter Generation geführte Lokalität Schmidt's Wild und Wein geschlossen hat.

Eine Entwicklung mit Konsequenzen

„Gewerbliche Traditionsgeschäfte findet man hier immer seltener, dafür wächst die Gastronomie im Oeder Weg.“ - Robert Schmidt, ehemaliger Betreiber von Schmidt's Wild und Wein

Egal, ob im Oeder Weg oder auf der Berger Straße: Der Einzelhandel kämpft gegen und mit der Konkurrenz des Onlinehandels. Das bequemere und meist günstigere Einkaufen per Fingerdruck verändert zunehmend das Gesicht des Oeder Wegs: „Gewerbliche Traditionsgeschäfte findet man hier immer seltener, dafür wächst die Gastronomie im Oeder Weg - und oft schließen Restaurants nach zwei bis drei Jahren Bestand wieder“, so Schmidt. Diese Entwicklung sei der Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft geschuldet.

Eine Interessengemeinschaft im Oeder Weg gebe es nicht mehr, da sich deren Mitglieder - die Inhaber der Traditionsgeschäfte - zur Ruhe gesetzt haben und dieses Netzwerk nicht weitergeführt wurde. Eine solche Interessengemeinschaft habe früher Feste organisiert, wie das Straßenfest oder das „Dinner in Weiß“. Dieses Netzwerk war wichtig für den Austausch und eine intakte Kommunikation unter den Geschäften selbst: „Man kannte sich gut und grüßte sich immer mit Vornamen“, erinnert sich Schmidt. „Es ist schwierig, das mit der aktuellen Fluktuation aufrechtzuerhalten.“

War der Oeder Weg öde?

Auch wenn es der Name nahelegt, langweilig war es im Oeder Weg selten - auch wenn dieser zuerst bloß ein Anziehungspunkt für die Bewohner des Nordends gewesen sei, sagt Jörg Harraschain. Der Nordend-Historiker ist am Oeder Weg seit 1971 heimisch und war darüber hinaus im Ortsbeirat 3 (Nordend) aktiv. Die Entstehung des Namens beruht also auf einer anderen Tatsache, über die man sich heute noch uneins sei.

Laut der einen Variante sei die Holzhausen-Oede ausschlaggebend für den Namen des Weges gewesen, da er von der Innenstadt zu der Oede führt, in der im 18. Jahrhundert das Holzhausenschlösschen errichtet wurde. Andere Varianten deuten darauf hin, dass der Name vom Wort Kleinod - also Schmuckstück oder wertvoll - abgeleitet wurde. „Aber darüber streiten selbst die Experten“, so Harraschain.

Eine Straße mit zwei Gesichtern

„Da der Oeder Weg zeitweise als gefährlichste Straße Frankfurts bezüglich Verkehrsunfälle galt, haben wir im Ortsbeirat die Stadt dazu bewogen, dass der untere Teil der Straße in eine Richtung befahrbar ist“ - Jörg Harraschain, Stadtteil-Historiker

Bis 1964 verlief mit der Linie 8 auch eine Straßenbahn durch den Oeder Weg: „Mit ihr konnte man zwischen Hauptbahnhof und Günthersburgpark fahren, doch sie musste dann für eine zweispurige Autofahrbahn weichen. Da der Oeder Weg aufgrund einer Vielzahl von Verkehrsunfällen zeitweise als gefährlichste Straße Frankfurts galt, habe man die Stadt dazu bewogen, „dass der untere Teil der Straße nur in eine Richtung befahrbar ist.“ So konnte man laut Harraschain wieder für mehr Sicherheit sorgen.

Während der untere Teil des Oeder Wegs heute noch von Einzelhandel und Gastronomie geprägt ist, sei die Szenerie im nördlichen Teil der Straße weitaus gemächlicher: „Der Adlerflychtplatz ist sozusagen eine Markierung, ab der es deutlich grüner und wohnlicher wird.“ Seit den 1960er Jahren habe sich der Oeder Weg zur schmucken Straße entwickelt und ist seither als „Pulsader des Nordends“ auszumachen. Ein Grund dafür sei auch der Zuzug von Leuten aus dem bürgerlichen Milieu gewesen, die sich nach dem zweiten Weltkrieg im Nordend niedergelassen haben und ärmere Anwohner nach und nach verdrängt haben.

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