„Das ist Dummheit, die auf die Nilgänse losgelassen wird“

Die Diskussion über die Nilgänse geht weiter: Tierschützer und Ornithologen zeigen sich empört über den Merkurist-Bericht zum geplanten Abschuss der Tiere. Dass Nilgänse besonders aggressiv sind, sei Unsinn und habe mit der Realität nichts zu tun.

„Das ist Dummheit, die auf die Nilgänse losgelassen wird“

Die Stadt Frankfurt hat die Nilgänse im Brentanobad in Rödelheim ab September zum Abschuss freigegeben. Der Grund: Im Kot der etwa hundert Tiere, die auf dem Gelände leben, seien gesundheitsgefährdende Keime gefunden worden. Auch Merkurist hatte über die Entscheidung der Bäderbetriebe berichtet. Tierschützer und Ornithologen sprechen daraufhin von „Irrsinn“ und einer „Hetzkampagne“ zum Leid der Tiere.

Von der Nilgans geht keine Gefahr aus

„Das Image der Nilgans darf nicht weiter beschädigt werden, denn das hat sie nicht verdient“, sagt Charlotte Rochwani, Mitglied der Interessengemeinschaft zum Schutz der Kanadagänse. Seit Jahren beobachte sie Nilgänse und könne von der Aggressivität, die den Tieren nachgesagt wird, nichts bestätigen. „Die Nilgans benimmt sich wie ein ganz normaler Vogel und es geht keine besondere Gefahr von ihr aus - weder für Menschen noch für Tiere“, so Rochwani. Negative Einzelbeobachtungen, wie die der Tierschützerin Sonja Niebergall, seien nicht repräsentativ. Sie hatte die Nilgans als besonders brutal und schonungslos beschrieben.

„Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung darüber, dass die Nilgans aggressiver ist als andere Vogelarten.“ - Martin Kraft, Ornithologe

Das bestätigt auch der Ornithologe Professor Martin Kraft, der das Marburger Institut für Ornithologie und Biologie leitet. „Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung darüber, dass die Nilgans aggressiver ist als andere Vogelarten“, stellt er klar. Die Tiere derart abzustempeln habe nichts mit der Realität zu tun. „Jede Gans vertreibt andere Tiere, Hunde und auch Menschen in der Brutzeit. Das muss sie auch!“ Auch der Biologe Dr. Eberhard Schneider und Präsident des Vereins Vogelschutz-Komitee erklärt, dass es sich bei solchem Aggressionsverhalten um den Einzelfall handelt. „Nilgänse integrieren sich, auch wenn sie fallweise als die Obsiegenden dastehen, und keineswegs 'machen sie die Artenvielfalt platt'“, widerspricht Schneider der Tierschützerin Niebergall.

...auch nicht von ihrem Kot

Auch die Gefahr, die von den Ausscheidungen der Tiere im Brentanobad ausgehen sollen, halten die Vogel-Experten für Unsinn. „Es steht völlig außer Frage, dass auch bei Nilgänsen Salmonellen, Koli-Bakterien und so weiter zu finden sind“, sagt Schneider. Damit stehe aber die Nilgans nicht alleine da.

„Der Kot ist ungefährlich, solange man ihn nicht kräftig durchkaut.“ - Martin Kraft, Ornithologe

„Solche Darmbewohner kommen überall und bei vielen Tierarten vor, auch bei den Vögeln“ und auch beim Menschen. Die gleiche Gefahr ginge also auch von Hunden, Katzen und sämtlichen anderen Tieren aus - oder, wie es der Ornithologe Kraft formuliert: „Der Kot ist ungefährlich, solange man ihn nicht kräftig durchkaut.“

Abschießen bringt nichts

„Ich sehe die Tötung der Gänse als im Verstoß zum Tierschutzgesetz stehend.“ - Eberhard Schneider, Biologe

So sind sich die Fachmänner auch darüber einig, dass das Abschießen gleichermaßen verachtenswert wie unnütz ist. „Abschüsse bringen überhaupt nichts“, sagt Kraft, denn es werden einfach neue Tiere nachkommen. Zudem halte er das Schießen für gefährlich. „Ich würde jeden anzeigen, der das macht. Das ist Dummheit, die auf die Nilgänse losgelassen wird.“ Auch Schneider ist sich sicher, dass die Tiere nur einen kurzzeitigen Rückzug antreten werden. „Gänse sind kluge Tiere und die besonders anpassungsfähige Nilgans erst recht.“ Letztendlich werden sie sich als die Überlegenen erweisen, indem sie erlernen, der Gefahr zu entgehen, ist der Biologe überzeugt. „Nicht zuletzt sehe ich die Tötung der Gänse als im Verstoß zum Tierschutzgesetz stehend, da ein vernünftiger Grund fehlt.“

„Die Nilgans bedeutet ein Problem, weil der Mensch ein Problem mit der Natur hat.“ - Volker Bannert, NABU Frankfurt

Dass die Nilgans ein kontroverses Thema ist, räumt schließlich der Erste Vorsitzende des NABU Kreisverbands Frankfurt, Volker Bannert ein. Für sein Empfinden brauche man die Nilgans nicht als niedlich darzustellen, aber ebenso könne man das Problem nicht auf die Tiere abwälzen - die sich in Deutschland übrigens ganz natürlich ausgebreitet haben. „Die Nilgans bedeutet ein Problem, weil der Mensch ein Problem mit der Natur hat.“ So habe die Klimaerwärmung dazu geführt, dass die Tiere beinahe das ganze Jahr lang brüten können, die kahlen Wiesen und nicht zuletzt das Füttern der Gänse sorge dafür, dass sie sich wohlfühlen.

Die Lösung? Umsiedeln!

Bannert sieht also ein effektives Mittel darin, die Nilgänse aus dem Brentanobad umzusiedeln, indem entsprechende Flächen anderswo geschaffen werden. Dem pflichtet auch Professor Kraft bei. „Ich würde einen Bereich auswählen, wo die Nilgänse angefüttert werden, um sie dorthin umzusiedeln.“ Gleichermaßen müsste man das Füttern von Seiten der Schwimmbadbesucher konsequent verbieten und vielleicht auch dort Bereiche mit hohem Gras schaffen, wo sich die Tiere nicht wohl fühlen, weil sie nahende Gefahr nicht sehen können.

Auch einen sogenannten Amphibienzaun hält der Ornithologe für sinnvoll, da die Jungtiere noch nicht fliegen können und die Elterntiere bei ihnen bleiben. Schneider schlägt wiederum den Austausch der Gelege gegen Ei-Attrappen vor, um den Zuwachs zu unterbinden. Für Bannert bleibt die Einstellung: „Man muss in dem Schwimmbad von der Belastung der Nilgänse herunterkommen.“ Sein Vorschlag wäre es, sich mit den Bäderbetrieben, der Stadt und der Vogelschutzwarte zusammenzusetzen und geeignete Möglichkeiten zu besprechen.

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