„Die Platensiedlung ist ein unterschätztes, unsichtbares Machtzentrum“

Drogen- und Jugendkriminalität - damit bringen viele Frankfurter die Ginnheimer Platensiedlung in Verbindung. Ein neuer Nachbarschaftsverein will das ändern. Die Auftaktveranstaltung wurde schon einmal gut angenommen.

„Die Platensiedlung ist ein unterschätztes, unsichtbares Machtzentrum“

Wer nicht selbst in der Platensiedlung wohnt, findet nur selten seinen Weg dorthin. Das liegt nicht daran, dass das Ginnheimer Viertel abgeschieden liegt, sondern wohl vielmehr an seinem Ruf. Die ehemalige US-Soldaten-Siedlung wird mit jugendlichen Drogendealern und Brandstiftern assoziiert und von manchen als sozialer Brennpunkt dargestellt.

Dabei hat das Viertel laut zwölf Anwohnern ein großes Potential. Um dieses Potential zu nutzen und für andere sichtbar zu machen, hat sich Anfang Mai der Nachbarschaftsverein „Saloony“ gegründet. „Die Platensiedlung ist ein unterschätztes, unsichtbares Machtzentrum“, sagt Sarah, ein Mitglied des Vereins.

Ein zentraler Treffpunkt für die Platensiedlung fehlte

Die Idee zur Vereinsgründung hatte Greta. Ihr war aufgefallen, dass es in der Siedlung an Begegnung mangelt. Es gebe keinen zentralen Platz, kein Café oder einen Ort, wo man sich bewusst mit anderen Anwohnern austauscht. Dann leitete ihr vor rund einem Jahr Sarah eine E-Mail weiter, in der das Bundesprogramm „Patenschaft für Demokratie“ vorgestellt wurde. Das Programm unterstützt Interessierte finanziell und beratend dabei, eine Vernetzung an einem bestimmten Ort zwischen Vereinen, Institutionen und Einzelpersonen aufzubauen.

„Ich habe mich gefragt, was mir persönlich Spaß macht , was mich in der Jugend begeistert hat und was im Alltag untergegangen ist.“ - Greta, Initiatorin „Saloony“

Greta entwickelte ein Konzept für eine mögliche Nachbarschaftsinitiative. „Ich habe mich gefragt, was mir persönlich Spaß macht , was mich in der Jugend begeistert hat und was im Alltag untergegangen ist“, sagt die Initiatorin. Ihre Ideen tauschte sie mit der Nachbarschaft aus, schmiss Flyer in die Briefkästen und baute das erhaltene Feedback mit ins Konzept ein. Dabei hat sie sich von einem ganz besonderen Gebäude inspirieren lassen, einem kleinen Häuschen im Vorgarten der Platenstraße 60. „Keiner wusste so genau, was es damit auf sich hat“, sagt Greta. „Das war ein blinder Fleck, der die Fantasie zum Blühen gebracht hat.“

Die unterschiedlichen Akteure der Siedlung zusammenbringen

Das Unwissen brachte Greta dazu, sich vorzustellen, was passieren würde, wenn dort eine WG einziehen würde, die aus den verschiedensten Akteuren der Platensiedlung besteht. Was würde geschehen, wenn man Vertreter des Kinderzirkus mit denen der Bundesbank und des Amts für Multikuturelle Angelegenheiten zusammenbringt? Auf dieser Frage baute das Grundkonzept der Initiative auf: Menschen und Institutionen in eine Reihe zu stellen, die sonst nicht zusammenkommen.

Erstmals gelang dies dem Verein am Freitag vor einer Woche bei seiner Einweihungsfeier. Im Vorgarten der Platenstraße 60 stellte die Stadtbücherei ihren Bücherbus auf, ein Kinderbuch wurde in verschiedenen Sprachen vorgelesen und auch einen Eiswagen und eine Popcornmaschine gab es. Der in der Platensiedlung ansässige Taekwondoverein und ein Kinderchor sorgten für zusätzliche Unterhaltung und stellten sich vor. Die Begegnungsveranstaltung wurde gut angenommen. „Wir hatten zwischen 200 und 300 Besucher“, sagt Vereinsmitglied Michael.

Berührungsängste abbauen

Greta ist dabei besonders wichtig, dass es sich bei den Veranstaltungen um ein niedrigschwelliges Kulturangebot handelt, bei dem jeder Anwohner das Gefühl hat, dass Platz für ihn ist. Berührungsängste zwischen einzelnen Bewohnern der Siedlung sollten abgebaut, „mentale Grenzen“ zwischen einzelnen Teilen des Viertels oder verschiedenen Gebäuden aufgelöst werden.

So ist die Regelgrundschule in der Platenstraße durch eine Glastür von der Integrativen Grundschule getrennt und die Kinder haben unterschiedliche Pausenzeiten; beim Taekwondotraining unterhalten sich die Eltern kaum, sagt Greta. „Doch sobald sich Menschen für die Begegnung öffnen, ist dort ein riesiges Potential“, ist die Initiatorin des Vereins überzeugt. Vor allem auch, weil es in der Platensiedlung bereits viele tolle Angebote gebe - beispielsweise den Kinderzirkus, zahlreiche Sportvereine und den Abenteuerspielplatz.

„Auf der einen Seite ist eine gewisse Resignation zu sehen, auf der anderen Seite totales Engagement.“ - Greta, Initiatorin „Saloony“

Doch um das eigene Viertel positiver zu sehen, müsse sich auch etwas an der Selbstwahrnehmung der Bewohner der Platensiedlung tun. „Die Menschen hier sehen sich nicht als besonders toll an“, sagt Greta. „Auf der einen Seite ist eine gewisse Resignation zu sehen, auf der anderen Seite totales Engagement.“ Dabei drehe sich das Leben in der Siedlung gar nicht um die Dinge, die in den Medien aufgegriffen werden. „Man ließt das meiste in der Zeitung, bekommt aber selbst eigentlich gar nichts davon mit“, sagt Michael.

„Anders als in anderen Teilen Frankfurts wurde ich hier als Frau noch nie dumm von Männern angemacht.“ - Julia, Vereinsmitglied „Saloony“

Vereinsmitglied Julia pflichtet ihm bei: „Anders als in anderen Teilen Frankfurts wurde ich hier als Frau noch nie dumm von Männern angemacht“, sagt die Mutter. Die meisten kriminellen Gruppen würden zudem sowieso in ihrer eigenen Szene verkehren. Das sei aber auch im Rest der Stadt so. „Auf jedem Schulhof in Frankfurt werden Drogen verkauft“, so Julia weiter. Die Mutter hat sich dem Verein angeschlossen, um genau gegen diese Vorurteile etwas zu tun. Und so soll die Platensiedlung zukünftig mehr mit Stockbrotbacken, Kulturveranstaltungen für Alt und Jung und ein Miteinander zwischen Kulturen und verschiedenen sozialen Schichten in Verbindung gebracht werden als mit einem sozialen Brennpunkt.

Informationen zu den regelmäßigen Veranstaltungen von Saloony findet Ihr hier. Mittlerweile steht übrigens auch fest, wofür das mysteriöse Häuschen verwendet wurde. Es war eine Chloranlage, mit der die amerikanischen Streitkräfte das Trinkwasser ihren Reinheitsvorschriften angepasst haben. (ab)

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