„Gestapeltes Dorf“ am Kaiserlei: Zukunft der Frankfurter Stadtentwicklung?

Eine ehemalige Industriefläche wird im Grenzgebiet zu Offenbach in Wohnraum umgewandelt. Die Gebäude, die teilweise gut in die Höhe gehen, sorgen dafür, dass die beiden Städte wohnraumtechnisch immer mehr zusammenrücken.

„Gestapeltes Dorf“ am Kaiserlei: Zukunft der Frankfurter Stadtentwicklung?

Der Kaiserlei verbindet Frankfurt mit Offenbach und befindet sich derzeit stark im Wandel. Am Kreisel wird die Verkehrsführung erneuert, was Autofahrer tagtäglich zu spüren bekommen, wenn sie wegen der Bauarbeiten auf der Fahrbahn ins Stocken geraten. Richtig attraktiv ist das Grenzstück bisher nicht; handelt es sich dabei doch überwiegend um ein Industriegebiet und einen Durchfahrtsort. Doch das soll sich jetzt ändern: Seit Frühjahr 2017 baut die CG-Gruppe zwischen der Berliner Straße, dem Goethering und der Strahlenbergerstraße ein neues Stadtquartier, in dem unter anderem 1100 neue Wohnungen und Gewerbeflächen entstehen sollen.

Wohnungen mit eigenem „Marktplatz“

„Vitopia“ heißt das neue Stadtquartier, das bis 2021 den Kaiserlei in einen attraktiven Aufenthaltsort verwandeln möchte. Das Zentrum bilden die ehemaligen Bürotürme der Siemens Kraftwerkssparte. Die 19- bis 22-geschossigen Hochhäuser werden komplett entkernt und zu den „New Frankfurt Towers“ umgebaut. 594 „hochwertig und flexibel ausgestattete Apartments“ sollen dort entstehen und sich bei vor allem an Geschäftsleute richten, so die CG-Gruppe.

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Zwischen den beiden Hochhäusern wollen die Entwickler und Architekten eine Art Marktplatz mit Restaurants, Cafés sowie Einzelhandel und einem Fitnessbereich errichten. Laut der CG-Gruppe wird das Design des neuen Stadtviertel-Zentrums eine „Mischung aus Industrieflair und Vintage Look“ sein. Das passe bestens „zum rauen Charme von Offenbach“. Um das Zentrum herum werden sechs- bis siebengeschossige Wohngebäude entstehen, die zum Teil aber auch für gewerbliche Zwecke genutzt werden können. Zudem sollen in dem Stadtviertel ein Hotel, ein Schwimmbad, eine Kindertagesstätte und ein Rechenzentrum enstehen.

Die CG-Gruppe investiert einen Millionenbetrag im unteren dreistelligen Bereich für „Vitopia“, das sie selbst als „gestapeltes Dorf“ bezeichnet und von dessen oberen Etagen man einen Blick auf die Frankfurter Skyline haben wird.

„Das nimmt den Druck vom Frankfurter Wohnungsmarkt.“ - Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats

Werden diese gestapelten Dörfer wegen des Wohnungs- und Platzmangels die Zukunft Frankfurts und Umgebung sein? Dass „Vitopia“ zusätzliche Wohnungen in unmittelbarer Nähe zu Frankfurt anbiete, sei erfreulich, sagt Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats. „Das nimmt den Druck vom Frankfurter Wohnungsmarkt.“

Gefahr der Abschottung

Allerdings trifft das Konzept des „gestapelten Dorfes“ nicht unbedingt auf großen Enthusiasmus bei der Stadt. „Wir sehen das Projekt mit einer gewissen Skepsis“, so Gellert. In den Gebäuden finde man alles, was man brauche, weshalb es keinen Grund mehr gebe, vor die Haustür zu gehen. „Es kann sein, dass dort ein abgeschottetes Areal entsteht“, sagt der Sprecher des Planungsdezernats. „Wir möchten lieber, dass es Bauprojekte gibt, die die Umgebung beleben.“

„Wir bauen keine Hochhaussiedlungen.“ - Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats

Für Frankfurt könne sich Gellert ein derartiges Konzept nicht besonders gut vorstellen: „Wir bauen hier keine Hochhaussiedlungen.“ Trotz „Vitopia“ werde der Kaiserlei laut Gellert nicht zur kompletten Wohnbausiedlung. Die Stadt Frankfurt habe mit der Stadt Offenbach in einem Rahmenvertrag beschlossen, dass das Kaiserlei-Gebiet größtenteils für Gewerbe genutzt werden soll. Grund dafür seien die Emissionen und der Lärm von Autobahn und Flughafen.

Nicht zu nah an die Nachbarn heran

Dass Grenzgebiete immer mehr bebaut werden, zeigt sich auch an der Schwelle zu Neu-Isenburg und Bad Vilbel. Dort wurde bis an die jeweilige Gemarkungsgrenze gebaut. Doch für alle Grenzen kann sich das Planungsdezernat ein solches Vorgehen nicht vorstellen - alleine schon, weil teilweise der Stadtwald und die Grüngürtel-Gebiete dazwischenliegen. Auch sonst zeigt sich die Stadt wenig überzeugt von der Idee, Wange an Wange mit dem Nachbarort zu liegen: „Wir wollen einen Siedlungsbrei vermeiden“, sagt Gellert. „Das hat mit Identität, Orientierung und freiräumlichen Qualitäten zu tun.“

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